Kapselhotels in Singapur: Zwei Quadratmeter Leben

    Kapselhotels in Singapur:Zwei Quadratmeter Leben

    von Luca Neuschäfer-Rube, Singapur
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    In Singapur boomen Kapselhotels. Sie sind sauber, klein und billig. In den Mikro-Einheiten verbergen sich Geschichten von Reisenden - und Gestrandeten. Ein Einblick.

    Clifford Chan sitzt in seinem Bett im "Kapselhotel" in Singapur.
    Clifford Chan sitzt in seinem Bett im "Kapselhotel" in Singapur. Hier lebt der 49-Jährige.
    Quelle: ZDF

    Die Augen hält er geschlossen, er ist leicht in sich zusammengesackt, sein Kopf hängt zur Seite. Er sieht müde und einsam aus. Kurz vor 23 Uhr schreckt er hoch, als am Nebentisch eine Gabel hinunterfällt. Clifford Chan klappt seinen Laptop zu, steht auf und geht ein paar Meter weiter in den "Rosemarin"-Raum. Im Zimmer zieht er seine Schuhe und Socken aus, stellt sie sorgfältig in die Ecke, bückt sich und kriecht in seine grün-blau leuchtende Kapsel.
    Clifford Chan wohnt seit über zwei Jahren in seiner Kapsel im Hostel "The Hive" in Singapur. Sie ist 80 Zentimeter breit, zwei Meter lang und einen Meter hoch.

    Abstriche bei Platz, Privatsphäre, Ruhe

    Mit einem Rucksack am Fußende bleibt nicht viel Platz. Sich ausstrecken? Geht gerade so. In der Kapsel stehen? Nicht möglich. Komplette Ruhe? Niemals. Nur ein dünnes Rollo schließt die Kammer. Irgendjemand dreht sich immer, niest, hustet oder poltert mitten in der Nacht lautstark zurück ins Hostel.
    Sechs Kapseln sind es allein im "Rosmarin"-Raum, sogar zehn sind es im Violett-Zimmer. "Auf die Dauer ist das beengend", sagt der 49-Jährige. Deshalb verbringe er viel Zeit im Gemeinschaftsraum oder koche in der Gemeinschaftsküche.
    Ein Blick in das "Rosmarin"-Zimmer im Kapselhotel in Singapur
    Ein Blick in das "Rosmarin"-Zimmer im Kapselhotel in Singapur.
    Quelle: ZDF

    Niedrige Preise: eine Seltenheit in Singapur

    "Nach meiner Scheidung musste ich vor zwei Jahren mein Haus verkaufen", sagt Chan. "Irgendwann konnte ich die Miete nicht mehr bezahlen, dann wurden alle meine Sachen gepfändet. Auf einmal hatte ich keine Alternative, als in die Zwei-Quadratmeter-Kapsel einzuziehen."
    Seinen Besitz habe er zunächst in einem Lagerraum untergebracht, sagt er. Geblieben sind Chan nur seine Kleidung, sein Laptop und ein Album mit Fotos und Auszeichnungen aus seinen 30 Jahren als Soldat. Clifford Chan zahlt 18 Euro pro Nacht. Ein Bruchteil dessen, was eine Wohnung in Singapur kostet.

    Auch Touristen schätzen das Kapsel-Konzept

    Das Hostel liegt im indischen Viertel mitten in der Metropole. Der Preis und die Lage locken da nicht nur Einheimische an. "Unsere Gäste sind sehr multikulturell", sagt Ab, die seit neun Jahren im "Hive" arbeitet. Die Unterkunft sei beliebt, so die Mitarbeiterin: "Wir haben 60 Kapseln und sind fast jede Nacht komplett ausgebucht."
    Belli Lanjus und Johanna Prochazka sind begeistert vom Konzept. Die beiden Freundinnen aus Wien verbringen vier Tage in Singapur, dem letzten Stopp ihrer Südostasienreise. Sie teilen sich eine Doppel-Kapsel – haben also vier Quadratmeter zu zweit. Den beiden Reisenden scheint das wenig auszumachen. "Wir sind positiv überrascht" erzählen die Studentinnen. "Mir gefallen besonders die Möglichkeit auf Privatsphäre und die gute Belüftung", sagt Johanna.

    Für 20 Euro die Nacht gibt es hier sonst nicht viele Alternativen.

    Belli Lanjus, Touristin

    Steigende Hotelpreise dürften Trend befördern

    Da kann man ihr schlecht widersprechen. In Singapur sind Hotels schon vor der Corona-Pandemie teuer gewesen, nun steigen die Preise ins Extreme. Die billigsten Absteigen beginnen beim dreifachen Preis einer Kapsel-Nacht. Und nach oben ist in Singapur alles offen: Eine Nacht im "Marina Bay Sands", inklusive Sprung in den Infinity-Pool auf dem Dach, beginnt bei 450 Euro. Im legendären "Raffles" gibt es keine Zimmer unter 950 Euro.
    Kein Wunder also, dass die Kapseln voll im Trend sind. Mittlerweile gibt es in der Innenstadt von Singapur knapp 30 solcher Kapsel-Hostels. So krabbeln jede Nacht fast 2.000 Menschen in ihre Kabinen und schließen die Rollos.
    Clifford Chan ist einer von ihnen. Am nächsten Morgen liegen acht Stunden Enge hinter ihm. Er streckt sich, kriecht heraus, gießt heißes Wasser auf seinen Instant-Kaffee und klappt den Laptop auf. Im Gemeinschaftsraum beginnt ein neuer Tag – der für Clifford Chan wieder auf zwei Quadratmetern enden wird.

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