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Interview

Soziale Ungleichheit - Arm trotz Arbeit: Was läuft schief?

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Fast jeder Zweite in Deutschland verdient zu wenig, um Geld zur Seite zu legen. Was in der Gesellschaft schiefläuft und was anders werden sollte, erklärt Autorin Julia Friedrichs.

Etwa jeder Zweite in Deutschland hat nicht genug, um etwas zur Seite zu legen. Vermögensaufbau? Vorsorge? Fehlanzeige! Kann Wohlstand heute nicht mehr erarbeitet werden?

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28 min
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makro: Wer was auf der hohen Kante hat, kann in Aktien oder Immobilien investieren und profitiert von erheblichen Zugewinnen. Gleichzeitig kommen viele auf keinen grünen Zweig. Was läuft schief?

Julia Friedrichs: Die Löhne in den unteren Lohngruppen sind zu wenig gestiegen, teilweise sogar gesunken. Der Mindestlohn hat einiges aufgefangen, aber keinen Wandel gebracht. Das Wirtschaftswachstum ist bei Geringverdienern nicht angekommen. Sait, Berliner U-Bahn-Reiniger und einer derer, die ich in meinem Buch begleite, verdiente 10,56 Euro brutto die Stunde, als ich ihn 2019 kennenlernte. Das ist weniger, als sein Vater als Ungelernter verdient hat. Das Corona-Jahr hat Sait mit einem 20-Euro-Einkaufsgutschein als Dankeschön beendet.

Gleichzeitig sehen wir, dass die privaten Vermögen abheben. Wer Geld hat, kann etwa Immobilien kaufen in begehrten Lagen - und eine ungleich bessere Ausgangsposition schaffen als diejenigen, die nur ihre Arbeit als Einkommen haben.

makro: Deutschland schaut auf Jahre mit robustem Wirtschaftswachstum zurück. Wir hatten vor Corona fast Vollbeschäftigung. Wie erklären Sie sich, dass sich gleichzeitig eine "Working Class" herausbilden konnte, die nicht mehr als gerade genug zum Leben verdient?

Friedrichs: Seit der Wiedervereinigung hat sich die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder halbiert. Zudem gibt es immer weniger Betriebe mit Tarifvertrag und Betriebsrat. Wenn wir aber aktuell auf Corona blicken, sehen wir, dass in Betrieben mit Tarifbindung und Betriebsrat Kurzarbeitergeld meist aufgestockt wird. Hier gibt es Zuschüsse. Bei anderen nicht. Zudem erleben wir eine Filettierung des Arbeitsmarktes.

Zum Beispiel Sait: Sein Job als U-Bahnhof-Reiniger wurde bis Mitte der 90er Jahre von Festangestellten der Berliner Verkehrsbetriebe gemacht. Dann ging diese Aufgabe an Subunternehmen. Er leidet darunter, dass seine Arbeit immer mehr verdichtet wird. Und dass er keine Aufstiegschancen hat. Denn wenn das Unternehmen nur für die Reinigung einer U-Bahnlinie zuständig ist, kann er sich im Unternehmen nicht weiterentwickeln.

Wir haben mit der Autorin Julia Friedrichs über ihr Buch "Working Class" gesprochen - eine Reportage zum abnehmenden Wohlstand der Generationen nach den Babyboomern.

Beitragslänge:
6 min
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makro: Selbst in dieser angespannten Wirtschaftslage erleben wir, dass Unternehmen Mitarbeiter*innen in Kurzarbeit schicken und gleichzeitig die Dividende erhöhen. Passt das ins Bild, das Sie in Ihrem Buch zeichnen?

Friedrichs: Ich fürchte ja. Ich habe ein Kapitel in dem Buch genannt "Wo sind die Reichen, wenn man sie mal braucht?" In meinen Augen geht es nicht, dass man Kurzarbeitergeld bezieht und gleichzeitig Dividenden zahlt. Andere Länder haben das ausgeschlossen. Andere Länder haben auch gesagt: Wir geben keine Staatshilfen an Unternehmen, die Teile in Steueroasen ausgliedern. Das hätte ich mir auch für Deutschland gewünscht.

Man muss das vor der Kulisse der letzten 20 Jahre sehen. In Deutschland sind die Steuern für Unternehmen massiv gesenkt worden, Steuern auf Unternehmenserbschaften werden quasi nicht erhoben. Die Vermögenssteuer ist ausgesetzt. Also der Staat hat einiges getan, um Unternehmern wirklich tolle Bedingungen zu bieten.

Für ihr Buch "Working Class" hat Julia Friedrichs Menschen begleitet, die von ihrer Arbeit gerade so leben können.

Beitragslänge:
4 min
Datum:

makro: Riesterrente und Baukindergeld waren bislang keine Erfolge. Wie könnten sich denn auch Geringverdiener*innen was zur Seite legen? 

Friedrichs: Zum Beispiel mit dem Modell des Mietkaufs: Der Staat baut, aber über die Miete kann man Stück für Stück die Wohnung kaufen. Oder nehmen wir die Idee der sozialen Erbschaft, die jetzt in mehreren Ländern diskutiert wird. Man besteuert Vermögen oder Erbschaften und gibt daraus für jeden Bürger, jede Bürgerin eine Art Startkapital, eine Art Anschubhilfe für das Leben. Auch Unternehmensbeteiligungen zum Beispiel wären sicherlich ein Weg. Ich habe das Gefühl, dass dieser Denkprozess, wie man Menschen an Vermögen beteiligt, jetzt erst richtig losgeht.

Das Interview führten Eva Schmidt und Mona Trebing.

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