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"Vorwarnung, was auf Rest der Welt zukommt"

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Spitzbergen: Klimawandel extrem - "Vorwarnung, was auf Rest der Welt zukommt"

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Heiße Tage, tauender Permafrost, schmelzende Gletscher: Auf Spitzbergen ist der Klimawandel stärker zu spüren als anderswo. Dazu kommt nun auch Corona.

Die Menschen auf der norwegischen Insel Spitzbergen sind Zeugen der Klima-Veränderung.

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Dieser Sommer hat den Bewohnern von Spitzbergen einiges zugemutet: Im Juli kletterten die Temperaturen mehrere Tage lang auf knapp 22 Grad über Null - fünf mehr als normal in einem arktischen Sommer. Was sich nach T-Shirt-Wetter anhört, ist aber verbunden mit überdurchschnittlich viel Regen, außerdem taut der seit Jahrhunderten gefrorene Boden auf, und die Gletscher verlieren immer schneller ihren dicken Eispanzer.

Professor Kim Holmén vom Norwegischen Polar-Institut auf Spitzbergen erklärt, dass sich "die Arktis doppelt so schnell erwärmt wie der Rest des Planeten". Rund rund um Spitzbergen stiegen die arktischen Temperaturen am schnellsten.

Das ist eine Vorwarnung auf das, was auf den Rest der Welt noch zukommt.
Professor Kim Holmén, Norwegisches Polar-Institut

Der schwedische Direktor des Instituts verfolgt seit 30 Jahren die Veränderungen in der Arktis und macht sich große Sorgen um die heimische Tierwelt:

In erreichbarer Nähe gibt es dann keinen Lebensraum mehr für Tiere, die mit höheren Temperaturen nicht klarkommen.
Professor Kim Holmén, Norwegisches Polar-Institut

Unwillkürlich denkt man an den Eisbären, der eine Art Wappentier Spitzbergens ist. Rund 3.000 Tiere vermuten Wissenschaftler auf dem von Norwegen verwalteten Inselarchipel, rund 1.300 Kilometer entfernt vom Nordpol. Der örtliche Supermarkt hat den Bären auf seine Plastiktüten gedruckt und in jedem Souvenirshop gibt es das Tier als Stofftier zum Knuddeln.

Signalpistole und Jagdgewehr sind Pflicht bei Ausflügen

Dass man besser auf Distanz zu den echten Vertretern der Spezies geht, lernt man auf Spitzbergen schnell - außerhalb des kleinen Hauptortes Longyearbeyn sind Signalpistole und Jagdgewehr stete Begleiter bei Ausflügen in die Natur. Vor allem, seitdem Ende August ein Bär in unmittelbarer Nähe des Ortes einen Camper getötet hat, was die 2.000 Menschen in Longyearbyen tief getroffen hat. Sie trauern um den Urlauber aus Holland - und um den Bären, der von Kugeln getroffen auf dem Parkplatz des Flughafens verblutet ist.

Ein Eisbär steht im Nordpolarmeer auf eine Eisscholle. Archivbild
So etwas wie das Wappentier Spitzbergens: der Eisbär. Doch sein Lebensraum ist bedroht.
Quelle: Ulf Mauder/dpa

Normalerweise sind Berichte über getötete Touristen Gift für jede Urlaubsregion, doch zu den Zumutungen dieses Sommer auf Spitzbergen gehört auch Corona. Tourismusdirektor Ronny Brunvoll sieht viele Existenzen bedroht. Er sagt:

Bis weit in den Juni durfte gar niemand von außerhalb nach Spitzbergen reisen und seit Ende August lässt Norwegen erneut kaum noch Ausländer ohne Quarantäne ins Land.
Ronny Brunvoll, Tourismusdirektor Spitzbergen

Und so teilt Spitzbergen gerade das Schicksal vieler Urlaubs-Destinationen: Wo im vergangenen Jahr zigtausend Kreuzfahrt-Passagiere durch den kleinen Ort stromerten, ist es jetzt ruhig. Zu ruhig für die lokale Wirtschaft, denn das zweite Standbein Spitzbergens, der Bergbau, steht auch still.

In sensibler Arktis Abbau von Steinkohle

Es mutet geradezu ironisch an, dass ausgerechnet in der sensiblen Arktis Steinkohle abgebaut wird und ein Kohlekraftwerk für Energie sorgt - die Menschen hier haben weltweit den höchsten Pro-Kopf-Ausstoß an CO2.

In der Arktis kämpfen Staaten um Rohstoffe und Tiere um die letzten Lebensräume. Das zunehmende Schmelzen der Eisberge betrifft die gesamte Menschheit.

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Nun aber hat die einzige, noch aktive Kohlezeche mit Unmengen an Schmelzwasser zu kämpfen, das sich seinen Weg von dem tauenden Gletscher direkt über dem Bergwerk in dessen Schächte gesucht hat. Bis tief in den Herbst schöpfen die Kumpel Wasser statt Kohle - und die großen Kohlehalden am Hafen schrumpfen. Was nicht im Kraftwerk Strom erzeugt, wird übrigens exportiert: in die deutsche Metallverarbeitung. 

Regionalpolitiker Jovna Dunfjell sagt:

Wir müssen eine Lösung finden, die besser mit der arktischen Natur harmoniert.
Regionalpolitiker Jovna Dunfjell

Norwegen hat zwar den Ausstieg aus der Kohleförderung beschlossen - aber so was braucht seine Zeit.

Millionen Pflanzen-Samen im Bunker gelagert

Immerhin eine Folgenutzung des Bergbaus genießt weltweites Ansehen: Im  "Svalbad Global Seed Vault" lagern Samen von gut 1,1 Millionen unterschiedlicher Pflanzen aus aller Welt. Um diesen Bunker für irdisches Saatgut gegen Schmelzwasser zu verteidigen, musste Norwegen gerade erst umgerechnet 20 Millionen Euro investieren. Åsmund Asdal, Koordinator der Saatgut-Aufbewahrung, erklärt:

Norwegen wurde das Saatgut der ganzen Welt anvertraut - die Staaten verlassen sich darauf, dass wir uns kümmern und gut auf die Samen achtgeben.
Åsmund Asdal, Koordinator Saatgut-Aufbewahrung

Einmal bereits musste eine nationale Saatgut-Bank auf ihre keimfähigen Rücklagen im Bunker zugreifen: Die Syrer verloren ihren nationalen Samen-Speicher in den Wirren des Bürgerkrieges. Inzwischen haben sie im Libanon und in Marokko neue eingerichtet - versichern sich aber weiterhin mit Saatgut auf Spitzbergen rück. Kühlaggregate schützen das Saatgut im Bunker übrigens vor der Klimaerwärmung. Eisbären sind dagegen aber schutzlos.

Henner Hebestreit ist Korrespondent des ZDF-Landesstudios Schleswig-Holstein in Kiel und berichtet auch aus Skandinavien.

Kleiner Eisberg in der Antarktis
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