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Interview

50 Jahre "Wir haben abgetrieben" - Abtreibung "immer noch extrem tabuisiert"

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Vor 50 Jahren befeuerte der "Stern" mit seiner Titelgeschichte "Wir haben abgetrieben" eine Debatte um Frauenrechte und den Paragraph 218. Was hat sich seitdem getan?

374 Frauen machten vor 50 Jahren im "Stern" öffentlich, dass sie abgetrieben hatten.

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4 min
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ZDFheute: Vor 50 Jahren erschien die Titelgeschichte des "Stern"-Magazins "Wir haben abgetrieben!" - sie hat damals eine breite Debatte über Schwangerschaftsabbrüche ausgelöst. Was hat sich seitdem getan? 

Alicia Baier: Damals war das Thema Schwangerschaftsabbruch tabuisiert, aber, ehrlich gesagt, ist es das auch heute noch. So viel hat sich gar nicht geändert. Es ist jetzt 50 Jahre her, und man könnte denken, heute reden wir ganz offen über das Thema. Aber das ist nicht so. Es gibt immer noch ganz wenige Betroffene, die über ihre Schwangerschaftsabbrüche sprechen. Das Thema ist immer noch extrem tabuisiert und stigmatisiert. 

ZDFheute: Das erklärt sich auch daraus, dass sich die gesetzliche Lage nicht verändert hat. Schwangerschaftsabbrüche sind in Deutschland nach wie vor grundsätzlich strafbar. Die Frauen im "Stern" forderten 1971 eine Streichung des Paragrafen 218 aus dem Strafgesetzbuch. Es gibt ihn heute noch.

Baier: Genau, im Paragraf 218 steht, dass der Schwangerschaftsabbruch ein Strafbestand ist. Das heißt, eigentlich werden alle schwangeren Frauen in Deutschland zu potenziellen Verbrecherinnen gemacht.

ZDFheute: Was kommt eigentlich auf eine Frau zu, die sich für einen Schwangerschaftsabbruch entschieden hat?

Baier: Der Strafbestand schafft viele Hürden und Verzögerungen. Wenn ich in Deutschland einen Schwangerschaftsabbruch durchführen möchte, dann muss ich zuerst mal an einer Pflichtberatung teilnehmen - auch wenn ich schon fest entschlossen bin, dass ich den Eingriff möchte.

Danach muss ich eine Drei-Tage-Wartefrist einhalten. Dann muss ich einen Arzt oder eine Ärztin finden, die den Eingriff überhaupt vornimmt, und das werden immer weniger in Deutschland. In manchen Gebieten muss man sehr weit fahren bis zur nächsten Praxis. 

ZDFheute: 2019 haben Sie den Verein "Doctors for Choice Germany e.V." gegründet. Was war Ihr Beweggrund?

Baier: Zum einen, weil die Aus- und Weiterbildung von Ärzt*innen im Bereich des Schwangerschaftsabbruchs sehr mangelhaft ist, zum Beispiel werden an vielen Krankenhäusern gar keine Abbrüche durchgeführt. Wir haben ihn aber auch gegründet, weil die Versorgungslage in Deutschland immer schlechter wird, es immer weniger Ärzt*innen gibt, die Abbrüche durchführen, weil laufend Ärzt*innen angezeigt werden, weil sie auf ihrer Website über Schwangerschaftsabbrüche informieren.

Ich wurde auch schon angezeigt, weil ich ein Interview gegeben habe und über Schwangerschaftsabbrüche gesprochen habe.

Diese Anzeigen gegen Ärzt*innen - und es werden eher mehr - die sind sehr bedrohlich für unsere Berufsgruppe, und das führt dazu, dass immer weniger bereit sind, Eingriffe durchzuführen. 
Alicia Baier, Gründerin "Doctors for Choice"

Wir haben den Verein aber auch gegründet, weil der Diskurs zum Schwangerschaftsabbruch sowohl in der Gesellschaft als auch in der Medizin häufig sehr emotional, moralisch aufgeladen ist und ich eine sachliche und Patientinnen-orientierte Perspektive vermisste.

Frauenrechtlerin Alice Schwarzer. Archivbild

Frauenbewegung in Deutschland - 50 Jahre "Wir haben abgetrieben!"  

"Wir haben abgetrieben", titelte vor 50 Jahren der "Stern". Hinter der Aktion steckte Alice Schwarzer. Ein halbes Jahrhundert später empfindet sie Stolz - aber auch Enttäuschung.

ZDFheute: Was sind denn aus Ihrer Erfahrung die Gründe, warum Frauen abtreiben? Wenn man sich die Statistiken ansieht, ist es nicht vorrangig die 16 Jahre alte Schülerin - im Gegenteil.  

Baier: Die allermeisten Abbrüche finden bei Personen zwischen 25 und 35 Jahren statt. Die Gründe sind ganz vielfältig, aber häufige Gründe sind, dass vielleicht noch die Ausbildung zu Ende gebracht werden möchte oder dass eben einfach schon drei Kinder da sind und sie sagen: 'Ich kann jetzt einfach nicht noch ein weiteres Kind die nächsten 18 Jahre aufziehen'. Oder dass kein Partner da ist, der unterstützt, oder dass die Frauen zum Beispiel schon ihre Eltern pflegen und da auch schon voll ausgelastet sind. Oder es gibt natürlich auch Frauen, die einfach keine Kinder wollen und das von vornerein wissen. 

ZDFheute: Manche Gegner*innen von Schwangerschaftsabbrüchen befürchten, dass eine Legalisierung zu mehr Eingriffen führen könnte. Was entgegnen Sie ihnen?

Baier: Das ist völliger Quatsch. Man weiß, dass die Kriminalisierung von Abbrüchen nicht dazu führt, dass weniger Abbrüche durchgeführt werden, sondern nur dazu, dass mehr unsichere Abbrüche durchgeführt werden. 

Man weiß, dass in den Ländern, wo Abbrüche legal und frei zugänglich sind, die Abbruchrate nicht höher wird. Das brauchen wir in Deutschland auch nicht zu befürchten.
Alicia Baier, Gründerin "Doctors for Choice"

Wenn wir den Schwangerschaftsabbruch aus dem Strafgesetz rausnehmen würden, dann haben wir nicht zu befürchten, dass die Abbruchrate jetzt in die Höhe schießt, sondern nur, dass die Abbrüche früher stattfinden, weil der Zugang eben besser wird. Das ist ja eigentlich für alle Beteiligten besser. 

ZDFheute: Blicken wir nicht nur auf die letzten Jahrzehnte zurück – welche Entwicklung wünschen Sie sich in den nächsten Jahren?

Baier: Ich denke, wir müssen den Schwangerschaftsabbruch unbedingt aus dem Strafgesetzbuch rausholen, da steht er momentan neben Mord und Totschlag. Außerdem ist ganz wichtig, dass wir uns kurzfristig um eine bessere Versorgung kümmern. Immer mehr ältere Ärzte, die Abbrüche durchführen, gehen in den nächsten Jahren in Rente.

Schwangerschaftsabbrüche sollten von den Krankenkassen übernommen werden, damit es eben keine soziale Frage mehr ist. Und der Zugang zu Verhütungsmitteln muss eine Kassenleistung werden. Ich wünsche mir, dass das Thema innerhalb der Medizin ein ganz normaler Bestandteil der Frauenheilkunde wird, genauso wie Schwangerschaften und Schwangerschaftsvorsorge.

Das Interview führte ZDFheute-Redakteurin Alexandra Hawlin.

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