ZDFheute

Geschlechtskrankheiten für Deutsche ein Tabu

Sie sind hier:

Studie - Geschlechtskrankheiten für Deutsche ein Tabu

Datum:

Niemand redet gerne über Geschlechtskrankheiten - auch nicht mit dem eigenen Arzt. Das zeigt eine Studie. Aber das erschwert die Diagnose, Krankheiten bleiben unerkannt.

Eine aktuelle Studie zur sexuellen Gesundheit zeigt, dass Geschlechtskrankheiten immer noch ein Tabuthema sind. Knapp ein Drittel der Deutschen kennt sich mit den Krankheiten nicht aus. Ein weiteres Drittel verheimlicht sie sogar vor dem Partner.

Beitragslänge:
1 min
Datum:

Der Junge ist 13 - die Mutter besorgt. Seit einigen Wochen juckt und brennt es bei ihrem Sohn im Genitalbereich. Der Kinderarzt und ein Urologe haben sich die für den Jungen äußerst unangenehme Erkrankung schon angesehen, aber nichts gefunden. Einer der Ärzte sieht psychische Ursachen. Die Mutter möchte sich damit nicht abfinden und geht mit ihrem Sohn zu einem der bekanntesten Sexualmediziner überhaupt.

Die noble Praxis mit Blick auf die Hamburger Außenalster hat sich auf Geschlechtskrankheiten und die Behandlung der männlichen Genitalien spezialisiert. Eines der teuersten Labore Deutschlands steht dort. Können normale Einrichtungen etwas fünf bis zehn HP-Viren erkennen, kennt der Computer hier rund 40.

Der Aufwand hat sich für die Mutter und ihren Sohn gelohnt. Zwei Untersuchungen und eine 500 Euro teure Laboranalyse später steht fest: der 13-jährige Junge trägt vier verschiedene HP-Viren in sich. Die können bei Frauen Gebärmutterhalskrebs auslösen. Bei Männern sind sie lange symptomfrei und fangen irgendwann an, zu schmerzen.

Geschlechtskrankheiten werden immer seltener erkannt

Diese Geschichte erzählt Professor Hartmut Porst. Er blickt auf 30 Jahre Erfahrung in Sachen Geschlechtskrankheiten zurück. Manche nennen ihn den "Penis-Papst", weil er schon vielen Männern in gewissen Angelegenheiten geholfen hat. Heute ist er Pionier in der Erkennung von Geschlechtskrankheiten.

Die werden, so belegt es eine Studie des Hamburger Universitätsklinikums und der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, immer seltener erkannt und spielen doch im Alltag eine immer größere Rolle. Das liegt an Tabus, die anscheinend Einzug halten in Partnerschaften, aber auch im Verhältnis zum Arzt.

Wenig Wissen über sexuell übertragbare Infektionen

So geben fast 80 Prozent der Männer und fast 70 Prozent der befragten Frauen an, mit ihrem Arzt nicht über Geschlechtskrankheiten zu sprechen. Und das selbst bei Symptomen. Die aber sind für die meisten schwer oder gar nicht zu erkennen. Wenn es um das Wissen über sexuell übertragbare Infektionen - STI genannt für die englische Bezeichnung "sexually transmitted infections" - geht, sind die befragten Deutschen kaum auf dem Laufenden.

Zwar kennen zwei Drittel der rund 5.000 Befragten Aids, ein Drittel können auch mit Tripper und Syphilis etwas anfangen. Von Infektionen mit Chlamydien (11,4 Prozent), Genitalwarzen (4,4 Prozent) oder Trichomoniasis (0,4 Prozent) dagegen haben die Studienteilnehmer kaum etwas gehört. Und das trotz der großen Kampagnenarbeit: "Juckt' s im Schritt" ist wohl jedem schon mal als Plakat begegnet.

Oft verhindert Scham eine Diagnose

Mehr Offenheit in diesem Bereich wünscht sich die Studie, denn auch in Deutschlands Arztpraxen scheinen Geschlechtskrankheiten noch ein großes Tabu zu sein. Ein Drittel der Befragten gab an, noch nie mit einem Mediziner über Symptome im Intimbereich gesprochen zu haben. Das will die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung ändern. Kein ungeschützter Geschlechtsverkehr. Keine Tabus mehr bei Symptomen - auch nicht in der Partnerschaft.

Auch erfasste die Studie, wie häufig die Deutschen tatsächlich Geschlechtsverkehr haben. Die Antworten: Fünf Mal im Monat in einer festen Partnerschaft, vier Mal bei Singles. Im internationalen Vergleich liegt Deutschland damit im Durchschnitt. Das aber interessiert die Wissenschaft nur, um die Verbreitung von Geschlechtskrankheiten einschätzen zu können.

Mehr Aufklärung als wirksamer Schutz

Dem 13-jährigen Jungen brachte sein Untersuchungsergebnis übrigens einige Fragen seiner Mutter ein. Denn eines konnte er ausschließen: sein erstes Mal hatte er noch nicht. Die Recherche von Professor Porst brachte dann eine logische, aber auch immer wieder erschreckende Infektionsquelle ans Licht: die Eltern waren mit ihrem Sohn in einem Wellnesshotel.

Der Junge war jeden Tag im Whirlpool. Bei angenehmen Temperaturen um 30 Grad fühlten sich darin viele Gäste wohl. Nur leider eben auch ein paar HP-Viren. Gegen diese Art der Übertragung hilft dann auch kein Kondom mehr. Nur mehr Aufklärung. Dann wäre der Wirt der Viren wohl schon früher mal zum Arzt gegangen.

Anschauungsmaterial für den Sexualkundeunterricht steht auf einem Tisch in einem Klassenraum (Archivbild).

50 Jahre Sexualkunde-Atlas -
"Es ging um Gesundheit, nicht um Lust"
 

1969 sorgte er für eine Mini-Revolution: Der Sexualkunde-Atlas. Jugendliche sollten ein unverkrampftes Verhältnis zur Sexualität entwickeln. Aufklärungsbedarf besteht noch immer.

von Raphael Rauch
Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Zur Merkliste hinzugefügt! Merken beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um dir ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier kannst du mehr erfahren und hier widersprechen.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, kannst du jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigst du dein Ausweisdokument.

Du wechselst in den Kinderbereich und bewegst dich mit deinem Kinderprofil weiter.