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Flüchtlinge in Syrien - "Menschen suchen verdorbenes Essen im Müll"

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Eine Million syrische Flüchtlinge leben an der Grenze zur Türkei in Elendscamps. Konstantin Witschel von der Welthungerhilfe versucht, das Leiden zu lindern.

Das Foto zeigt ein Kind im Flüchtlingslager Ain Issa in Syrien.
Ein Kind im Flüchtlingslager Ain Issa in Syrien
Quelle: dpa/Morukc Umnaber

ZDFheute: Die meisten Menschen in Deutschland sitzen derzeit daheim in einer "staatlich verordneten" Winterpause. Wie erleben geflüchtete Familien in Nordwestsyrien diesen Winter?

Konstantin Witschel: Die humanitäre Lage in Syrien ist seit Jahren katastrophal und hat sich weiter verschärft. In der Nähe der türkischen Grenze leben inzwischen mehr als eine Million syrische Binnenvertriebene in völlig überfüllten Camps.

Sie leiden unter Kälte, starken Regenfällen und Hunger - und müssen nun noch gegen eine tückische Krankheit ankämpfen, der sie beinahe schutzlos ausgeliefert sind.

Welthungerhilfte versorgt Geflüchtete mit Nahrung, Kleidung und Latrinen

ZDFheute: Wie unterstützt die Welthungerhilfe diese Menschen?

Witschel: Derzeit versorgen wir etwa eine halbe Million Menschen. Neben unserem Schwerpunkt Nahrungsmittelhilfe ersetzen wir zum Beispiel in einem Camp alle Zelte durch stabilere Wohncontainer. Wir versorgen die Menschen auch mit Hygieneeinrichtungen wie Latrinen und Handwaschanlagen, was ja gerade unter Covid-19-Bedingungen essenziell ist.

ZDFheute: Sie haben die Kälte und Starkregen angesprochen …

Witschel: Die Wetterbedingungen sind grässlich für Menschen, die in einfachen Zelten oder in improvisierten Behausungen auf freiem Feld leben müssen. Deshalb unterstützen wir gemeinsam mit unserem syrischen Partner Ihsan knapp 40.000 Menschen mit Gutscheinen für Nahrung, Kleidung und Heizmaterial.

Versorgungsnot: "Es kommt vermehrt zu Zwangsverheiratung von Kindern"

ZDFheute: Für viele geflüchtete Syrer ist es der zehnte Winter fern der Heimat. Wie ist der körperliche, wie der mentale Zustand dieser Menschen? 

Witschel: Schlecht, mit einer Tendenz, sich weiter zu verschlechtern. Ein Grund: Die Hilfe reicht nicht aus.

Hinzu kommt: Die Preise für Nahrungsmittel sind um das Zweieinhalbfache gestiegen. Immer mehr Menschen müssen betteln oder suchen sich verdorbenes Essen aus Mülltonnen.

Ein weiterer Ausdruck der absoluten Verzweiflung: Es kommt nun vermehrt zu Früh- und Zwangsverheiratung von Kindern, weil Familien nicht mehr wissen, wie sie alle Kinder versorgen sollen. Hinzu kommt, dass wie nahezu überall auf der Welt durch die Covid-Einschränkungen auch das Problem häuslicher Gewalt zugenommen hat.

ZDFheute: Können Sie Mädchen und Frauen in dieser Not Hilfsangebote machen?

Witschel: Wir arbeiten mit einem Partner zusammen, der in der Region Präventionsseminare und Schutzmöglichkeiten für Frauen und Kinder anbietet.

Grundsätzlich muss man aber sagen, dass die medizinischen Strukturen im Bereich der psychischen Gesundheit in der Region extrem schwach sind. Es gibt dort nur noch eine Handvoll Psychiater und Psychologen, sodass den Menschen in dem Bereich in keiner Weise die Hilfe zuteil wird, die sie eigentlich benötigen würden.

Generation von syrischen Kindern, die außer Krieg, Vertreibung und Hunger nichts kennt

ZDFheute: Die Corona-Pandemie stellt auch wohlhabende Staaten vor große Schwierigkeiten. Der Nordwesten Syriens ist eine vom Krieg geschundene Region. Wie halten das die Menschen aus?

Witschel: Ich denke, dass das wahre Ausmaß der psychischen Verletzungen, die die Menschen in den letzten zehn Jahren erleiden mussten, erst zutage tritt, wenn eines Tages dieser grausame Konflikt ein Ende gefunden hat und der Fokus weg von der Sicherung des rein physischen Überlebens geht.

Wir müssen uns auch vor Augen führen, dass in Syrien eine Generation von Kindern aufwächst, die außer Krieg, Vertreibung und Hunger nichts kennen. Die Auswirkungen, die das auf ihr späteres Leben haben wird, sind kaum zu ermessen.

In den nordsyrischen Flüchtlingslagern ist es bitterkalt, die Menschen heizen mit allem, was sie finden können. Doch die improvisierten Brennstoffe können lebensbedrohlich sein.

Beitragslänge:
2 min
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Hoffnung auf Impfungen gegen Covid-19

ZDFheute: In Deutschland sind die Covid-Impfungen derzeit ein großes Thema. Wie ist das in Nordwestsyrien?  

Witschel: Nach allem, was man liest, ist der Markt recht leergekauft, sodass sich die Frage stellt, wann Impfungen in Syrien verfügbar sein werden.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat dankenswerterweise dazu aufgerufen, dass die wohlhabenden Staaten sich solidarisch zeigen und den weniger wohlhabenden Impfdosen zur Verfügung stellen sollen. Ich hoffe sehr, dass dieser Aufruf gehört wird und die Menschen in der Region, aber auch in anderen Krisengebieten, Impfungen erhalten werden.

Das Interview führte Marcel Burkhardt.

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