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Interview

Fingscheidt zu Systemsprengern - "Wir müssen als Gesellschaft hinschauen"

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Nora Fingscheidts Film "Systemsprenger" feiert am 17. Mai um 20:15 Uhr Free-TV-Premiere im ZDF. Im Gespräch gibt die Filmemacherin Einblick in die Welt realer Systemsprenger.

Nora Fingscheidt, Regisseurin des Films "Systemsprenger". Archiv
Nora Fingscheidt, Regisseurin des Films "Systemsprenger". Archiv
Quelle: Axel Heimken/dpa

"Systemsprenger" war 2019 Nora Fingscheidts Spielfilm-Debut als Regisseurin. Sechs Jahre recherchierte sie für das Drama. Die Idee, einen Film über ein "wütendes, kleines Mädchen" zu machen, hatte sie bereits viel länger. Dass in einer Gesellschaft Kinder durchs Raster fallen und durch soziale Einrichtungen gereicht werden, entsetzt die Filmemacherin.

ZDFheute: Warum war das Interesse da, einen Film über ein "kleines, wütendes Mädchen" zu machen?

Nora Fingscheidt: Ich glaube, das hat halb autobiografische Züge. Ich war nicht so ein extremes Kind wie Benni und bin auch in einem sicheren Umfeld aufgewachsen. Aber ich kann mich erinnern, dass ich definitiv zu viel Energie hatte und dass ich Erwachsenen auf die Nerven gegangen bin und gar nicht so ein niedliches Mädchen war. Mit den ganzen schönen Prinzessinnen aus den Märchen konnte ich mich nicht so identifizieren. Daher hat mir das so ein bisschen gefehlt in der Darstellung von Kindheit und von Mädchen.

Ob Pflegefamilie, Wohngruppe oder Schule, Benni fliegt sofort wieder raus: zu laut, wild und unberechenbar. Die Neunjährige ist, was man im Jugendamt einen "Systemsprenger" nennt.

Beitragslänge:
116 min
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ZDFheute: Das heißt, dass dieser Aspekt im Fernsehen oder Kino gar nicht stattfindet?

Fingscheidt: Ein bisschen. Es gibt ja Gott sei dank Pippi Langstrumpf und so Geschichten. Aber in der Radikalität habe ich das vermisst. Ich wollte immer etwas schreiben, aber hatte keine Geschichte dazu. Ich hatte immer nur so eine Grundenergie für den Charakter von Benni.

ZDFheute: Und dann?

Fingscheidt: Viele Jahre später tatsächlich, während eines Dokumentarfilm-Drehs in Stuttgart über die Frauen-Pension - das ist ein Wohnheim für wohnungslose Frauen der Caritas - zog da eines Tages ein 14-jähriges Mädchen ein.

Das war für mich so ein Schock-Effekt, weil ich dachte: 'Was macht denn ein Teenager in so einer Einrichtung?' Und die Sozialarbeiterin meinte ganz gelassen: 'Ach die Systemsprenger, die können wir immer aufnehmen an ihrem 14. Geburtstag'.
Nora Fingscheidt, Regisseurin

Da habe ich plötzlich bemerkt: Da verbindet sich was, das ich persönlich interessant finde und was eine gesellschaftliche Relevanz hat - weil ich dachte: Das kann ja nicht sein. Da müssen wir hinschauen als Gesellschaft.

Notunterkunft, Kinderheim, Wohngruppe: Luca war schon überall. Er kommt nirgendwo klar, schlägt oft um sich – und sucht nur Halt, ein Zuhause. Luca ist ein sogenannter Systemsprenger.

Beitragslänge:
28 min
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ZDFheute: Wie viel Nora steckt denn in Benni?

Fingscheidt: Eine Menge, glaube ich. Aber nicht nur in Nora, sondern in ganz vielen Leuten, denen ich begegnet bin, Systemsprenger und Systemsprengerinnen aller Arten. Jungs stecken da drin, Mädels stecken da drin, Erwachsene stecken da drin, die eine ähnliche Kindheit hatten.

Und wie schreiben eben passiert. Man bringt etwas von sich selber mit rein, aber man lässt sich auch inspirieren von den Begegnungen. Und die Recherche war recht lang, deshalb gab es viele Begegnungen.

ZDFheute: Wenn wir uns den Begriff "Systemsprenger" anschauen, was bedeutet er für Sie?

Fingscheidt: Der Begriff ist schon streitbar. Auch zu Recht.

Es ist ein inoffizieller Begriff, der aber den Menschen, die mit Systemsprengern arbeiten, etwas sagt. Bundesweit. Gleichzeitig trifft der Begriff die Sache überhaupt nicht.
Nora Fingscheidt, Regisseurin

Da macht nicht ein Kind das System kaputt und danach geht es dem Kind gut und das System muss sich reparieren. Sondern scheiternde Systemprozesse führen dazu, dass ein Kind unter die Räder gerät und durch so viele Wechsel und durch so viel Diskontinuität nirgendswo mehr ankommen kann.

Regisseurin Nora Fingscheidt (l) Schauspielerin Helena Zengel und Albrecht Schuch
Regisseurin Nora Fingscheidt (l.) mit ihrer kleinen Star-Schauspielerin Helena Zengel und Albrecht Schuch. (Archivbild)
Quelle: dpa

ZDFheute: Das heißt, die Kinder haben einen Stempel?

Fingscheidt: Ja. Die Kinder bringen ab einer gewissen Anzahl von Wohngruppen eine dicke Akte mit und ein gewisses Verhalten auch.

Wenn die einzige Kontinuität im Leben ist: 'Die schmeißen mich eh wieder raus' - dann kann es dazu führen, dass das Kind alles darauf anlegt, dass genau das auch passiert. Weil es die einzige Kontinuität ist, die es kennt.
Nora Fingscheidt, Regisseurin

Gleichzeitig ist es für die Wohngruppen auch wirklich herausfordernd, wenn man neun andere Kinder zu betreuen hat, die auch ihr Päckchen zu tragen haben. Dann kommt jemand mit so einer dicken Akte, der es wirklich darauf anlegt, da wieder rauszufliegen. Die Bereitschaft, wirklich alles zu geben, dass das Kind gehalten werden kann, ist dann sehr herausgefordert. Und dann muss man auch bestimmte Rahmen suchen, in denen das geht. Aber die gibt es auch.

ZDFheute: Welche sind das denn?

Fingscheidt: Es gibt Einrichtungen, wo es eine intensiv pädagogische Wohngruppe gibt. Da wohnen dann drei Kinder mit vier Erwachsenen, die pädagogisch ausgebildet sind. In so einem Rahmen ist es eher möglich, Kindern, die so viel Betreuung brauchen oder so viel Aufmerksamkeit wie eine Benni, einen Rahmen zu bieten, dass sie ausgehalten werden können. Und in dem man auch die anderen Kinder schützen kann. Es geht ja auch darum, dass die Kinder sich nicht gegenseitig oder sich selber verletzen.

ZDFheute: Sie haben gerade "ausgehalten" gesagt. Müssen solche Kinder sich und die ganzen Emotionen "aushalten" - ebenso wie die Erwachsenen die Kinder aushalten müssen?

Fingscheidt: Genau. Und das ist auch eine ganz wichtige Erfahrung für ein Kind: Ich bin an einem Ort, an dem ich sein darf. Und nicht: Mit mir ist etwas falsch, ich muss wieder gehen. Ich meine das nicht, um den Finger zu zeigen.

Ich glaube, die Einrichtungen, die sagen müssen 'wir schaffen es nicht, das Kind muss gehen', tun das nicht gerne. Das ist immer die letzte Möglichkeit. Aber für das Kind ist es ab einer gewissen Anzahl an Wiederholungen fatal.
Nora Fingscheidt, Regisseurin
Lisa Hagmeister,Nora Fingscheidt, Helena Zengel und Albrecht Schuch. Archivbild

Acht Lolas - Acht Lolas für "Systemsprenger" 

Bester Spielfilm, beste Hauptdarsteller, bestes Drehbuch: Das Drama "Systemsprenger" von Nora Fingscheidt wurde beim Deutschen Filmpreis acht Mal ausgezeichnet.

ZDFheute: Gibt es Situationen, aus denen Systemsprenger entstehen?

Fingscheidt: Ja, es gibt viele Situationen. Aber sie sind individuell unterschiedlich. Da kommt dann oft viel zusammen. Da wird familiär etwas mitgebracht. Die Kinder tragen oft eine Art Trauma mit sich herum und das kann ganz vielfältig sein. Es gibt auch Systemsprenger, die ganz introvertiert sind oder sich selbst verletzen. Sie müssen nicht so sein wie Benni. Das ist nur ein kleines Individuum, ein wildes. Aber es gibt Situationen, die das begünstigen.

ZDFheute: Wir haben seit mehr als einem Jahr eine Pandemie. Familien sind dadurch extremen Belastungen ausgesetzt. Ist das so eine Situation, die begünstigt?

Fingscheidt: Das kann ich, ehrlich gesagt, nicht beurteilen. Ich bin Filmemacherin und stecke da nicht im Alltag drin und verfolge die Zahlen auch nicht mehr. Vor allem jetzt, wo der Film fertig ist. Es gibt ja Fakten darüber, dass häusliche Gewalt eskaliert. Aber auf der anderen Seite kann man sagen, es gibt dadurch weniger Möglichkeiten, abzustürzen oder den falschen Umgang zu finden oder im Drogensumpf zu versacken. Das sind aber beides nur Mutmaßungen, da wäre es tatsächlich spannend, langfristig Statistiken zu sehen.

Das Interview führte Florence-Anne Kälble.

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