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Interview

Verhalten auf der Autobahn : Warum Deutsche einen Hang zum Rasen haben

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Die Deutschen haben einen Hang zum Rasen auf den Autobahnen. Woher kommt das? Und welche Folgen hat ein Tempolimit für die Seele? Das erklärt Verkehrspsychologe Michael Haeser.

Wie stehen die Autofahrer in Deutschland zu einem Tempolimit? Was ist ihnen wichtiger, der Fahrspaß oder ein Tempolimit gegen Energie-Abhängigkeiten?

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Unbegrenzte Geschwindigkeit auf Autobahnen ist ein deutsches Phänomen. Verkehrspsychologe Michael Haeser hat sich mit den Ursachen beschäftigt: angefangen bei den Weltkriegen über die Entwicklung der Mobilität bis heute.

Er kritisiert das Gleichsetzen von grenzenlosem Rasen mit Freiheit. Aber: Wenn ein Tempolimit käme, würde sich auch in Deutschland die Vernunft durchsetzen.

ZDFheute: Was ist so faszinierend am schnellen Autofahren?

Michael Haeser: Wir sprachen früher in den 60er- und 70er-Jahren von Geschwindigkeitsrausch. Das war witzigerweise der Moment, wo man die hundert Stundenkilometer überschritten hatte. Dann war man wirklich in einem Zustand unter dem Motto: "Ich kann nur noch fahren. Ich gucke nur nach vorne". Man war fokussiert, bekam förmlich einen Tunnelblick.

ZDFheute: Wann kam der Bruch?

Haeser: Die Autos wurden immer schneller, aber die Autobahnen immer voller. Deshalb gab es dort immer mehr Tempolimits. Ich erinnere mich, dass in den 70er- und 80er-Jahren der ADAC intensiv darum gekämpft hatte, dass wir weiterhin keine Tempolimits generell haben. Weil: Der Deutsche möchte gerne schnell sein.

Grund dafür ist: Wir brauchen eine Art Freiheit. Das liegt vermutlich irgendwo verwurzelt auch in unseren beiden Kriegen, dass wir danach fremd beeinflusst waren, dass andere Nationen uns Gesetze aufoktroyiert haben. Doch wir wollten uns eine eigene Freiheit erschaffen. Und das war - so komisch es klingt - das Auto.

ZDFheute: Wie funktioniert das psychologisch mit dem Geschwindigkeitsrausch?

Haeser: Ich sitze in meinem eigenen Reich! Das ist schon mal ganz, ganz wichtig. Ich sitze also in einem Käfig, der nur mir gehört, in dem kein anderer was zu sagen hat außer mir. Und indem ich aufs Gaspedal trete und quasi ungebunden diese Freiheit genieße, kommen biochemische Prozesse auf, die das Fahrerlebnis noch hoch putschen.

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Es ist einmal Adrenalin, nämlich Spannung, Abenteuer, Aufregung; und es sind die Endorphine, die dies mit einem Glücksgefühl noch verstärken. Und diese Kombination führt dazu, dass ich, wenn ich schnell fahre, einfach nicht mehr aufhören kann. Ich möchte weiter. Ich möchte noch schneller fahren. Ich möchte möglichst nicht mehr von irgendeinem Temposchild ausgebremst werden.

ZDFheute: Was würde denn dann passieren bei der Einführung eines Tempolimits?

Haeser: Wir dürfen nicht unterschätzen, dass wir Menschen an sich über genügend Intellekt verfügen, sonst hätten wir nicht überlebt.

Auch die Autofahrer sind nicht generell dumm und wissen daher ganz genau, wofür ein Tempolimit gut ist: nämlich zur Sicherheit und auch zur Umweltschonung. Und nicht jeder möchte gerne Rasen. Auch wenn das, was ich gerade beschrieben habe, eintreten kann.

Sollte ein generelles Tempolimit eingeführt werden, denke ich, wird letztlich die Vernunft siegen, und nur noch einige wenige werden sich nicht zügeln können.

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ZDFheute: Was wird dann aus den Geschwindigkeits-Junkies?

Haeser: Die werden das Glück woanders finden. Vielleicht, indem sie Alternativen suchen, oder die Autofahrt anders genießen, indem sie Entspannung lernen. Die heutigen Autos gerade mit den vielen Assistenzsystemen, dienen ja auch dazu, dass man deutlich entspannter fahren kann.

Das Auto signalisiert viel. Mir wird dadurch mehr und mehr Verantwortung genommen. Und ich kann mich auf das konzentrieren, was ich möchte, nämlich zu reisen oder eben beruflich die Mobilität zu wahren, um irgendwo anzukommen.

ZDFheute: Also alles nur eine Frage der Gewöhnung?

Haeser: In anderen Ländern gibt es ja schon immer Tempolimits. Wir Deutschen haben uns noch nicht gewöhnen können, weil es kein generelles Tempolimit gab und gibt. Und weil die Auto-Lobby diese sogenannte Freiheit unbedingt proklamieren wollte und will. Und das ist halt falsch. Schnellfahren bedeutet nicht, frei sein.

Das Interview führte Christoph Gocke, Reporter der ZDF-Tagesmagazine Mainz.

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