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Die Freiheit, Autoritäten nicht anzuerkennen

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"Titanic"-Chef Moritz Hürtgen - Die Freiheit, Autoritäten nicht anzuerkennen

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Der Anschlag auf "Charlie Hebdo" war auch ein Anschlag auf die Satirefreiheit. Warum die deutsche "Titanic" sich selbst treu bleiben wollte - Chefredakteur Hürtgen im Interview.

Archiv: Verschiedene Ausgaben der "Titanic" am 16.10.2019 in Frankfurt
"Titanic"-Ausgaben auf der Frankfurter Buchmesse. Chefredakteur Hürtgen betont, bei Satire gehe es auch darum, sich Gewaltaandrohungen nicht zu beugen.
Quelle: Iamgo

ZDFheute: Das Satiremagazin "Titanic" wollte seinen Kurs nach dem Anschlag auf die französische Satirezeitung "Charlie Hebdo" nicht ändern. Ihr Vorgänger Tim Wolff sagte damals der "taz": "Wir lassen uns durch so ein Ereignis nicht unsere schöne Freiheit rauben, das zu machen, was wir für relevant und lustig halten." Ist es dabei geblieben?

Moritz Hürtgen: Ja, ich denke schon. Ich glaube nicht, dass sich "Titanic" wegen des Anschlags verändert hat. Oder sich überhaupt etwas zu der Frage verändert hat, wie man in Deutschland satirische Witze machen will oder kann. "Titanic" hat sich hoffentlich verändert und weiter entwickelt, aber nicht wegen "Charlie Hebdo".

ZDFheute: Satire muss standhaft bleiben?

Moritz Hürtgen: Bei Satire geht es darum, sich die Freiheit zu nehmen, Autoritäten nicht anzuerkennen oder sich von denen nicht einschüchtern zu lassen. Auch Androhungen von Gewalt oder tatsächlicher Gewalt. Es ist erstrebenswert, sich davor nicht zu beugen. Es gab für "Titanic" wenig Anlass sich zu verändern, die Themen oder Zugänge anzupassen.

Dazu muss ich aber sagen: "Titanic" war nie in einer vergleichbaren Situation wie "Charlie Hebdo". Auf die Redaktion hatte es ja vorher schon mal einen Brandanschlag geben.

Das Cover des Comicromans "Wir waren Charlie".

Chronologie -
Konflikt um Pressefreiheit, Meinung und Kunst
 

Der "Charlie Hebdo"-Anschlag war eine Zäsur im Konflikt zwischen islamischer und christlicher Welt. Ein Überblick von Rushdies "Satanischen Versen" bis zum Grande-Konzert 2017.

ZDFheute: Hat es in den vergangenen Jahren Versuche gegeben, "Titanic" einzuschüchtern?

Hürtgen: Doch klar, auch wir bekommen Hasszuschriften und so.

ZDFheute: Zum Beispiel?

Hürtgen: Das kommt auf den Witz an. Wir machen häufiger Scherze mit dem Papst, und dann bekommen wir auch Zuschriften, in denen uns Anhänger der katholischen Kirche mit Konsequenzen drohen oder den Tod wünschen. Aber das ist kein neuer Trend. Das gab es schon immer, auch aus der rechten Ecke.

Ohne zu kokettieren, muss ich sagen, dass wir aus islamischen Kreisen, obwohl wir auch Witze mit Gegenstand des Propheten Mohammed gemacht haben, bisher sehr wenig Drohungen bekommen haben.

ZDFheute: Hallt der Anschlag nicht trotzdem nach bei internen Debatten darüber, was man wie bringt?

Hürtgen: In den Wochen nach dem Anschlag war immer die Frage, ob wir jetzt Angst haben. Und wenn man die 100 Mal gestellt bekommt, fängt man schon an, nachzudenken. Aber fünf Jahre sind eine lange Zeit. Wir konnten schnell reflektieren, dass wir hier in einer ganz anderen Situation sind. Deswegen würde ich sagen, dass sich "Titanic" treu bleiben konnte.

Wir sind nicht grundsätzlich mutiger oder vorsichtiger geworden.
Moritz Hürtgen, Chefredakteur "Titanic"

Nachrichten | ZDF-Mittagsmagazin -
"Charlie-Hebdo"-Prozess in Paris hat begonnen
 

Mehr als fünf Jahre ist der islamistische Anschlag auf die französische Satire-Zeitschrift "Charlie Hebdo" her, bei dem 17 Menschen getötet wurden. Heute beginnt in Paris ein Prozess gegen 14 mutmaßliche Unterstützer der Attentäter.

Videolänge:
2 min

ZDFheute: Sie bieten in ihrem Shop "Die größte Mohammed-Karikatur aller Zeiten" an. Zu sehen ist ein kleiner Ausschnitt der Karikatur, die auf dem Cover der ersten Ausgabe von "Charlie Hebdo" nach dem Anschlag abgedruckt war. Sie fordern Leser heute dazu auf, sich den "Starschnitt" als "Erinnerung nach Hause zu bestellen". An was soll erinnert werden?

Hürtgen: Ach so, das war eigentlich nur ein passender Spruch, 'die Erinnerung aufleben zu lassen', um es beknackt positiv klingen zu lassen. Wir sprechen jetzt nach fünf Jahren darüber, zu jedem Jahrestag gibt es Berichterstattung. Das ist einfach das ganz normale Geschäft, und da wollen wir mitmachen.

Wenn alle jetzt Sendezeit mit "Charlie Hebdo" machen, dann wollen wir auch welche.
Moritz Hürtgen, Chefredakteur "Titanic"

Und die Kasse klingelt. Es geht darum, sich wirtschaftlich gesundzustoßen an solchen Anlässen für Berichterstattung.

ZDFheute: Wir geben Ihnen heute Platz. Was ist Ihnen wichtig mitzuteilen?

Hürtgen: Die Monate nach dem Anschlag wollte natürlich jeder ein Satirefreund sein. Ich denke, das ist wieder vorbei. Die meisten Leute mögen Satire nicht so gerne. Wir sind also wieder im Normalzustand. Aber ich denke, man muss sie nicht mögen, um ein Abo abzuschließen.

Das Interview führte Luisa Houben.

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