Unisex-Toiletten in Ulm: Es wird laut ums stille Örtchen

    Unisex-Toiletten in Ulm:Es wird laut ums stille Örtchen

    von Svenja Hagen
    20.07.2022 | 10:04
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    Wer mal muss, muss sich meist entscheiden. Nicht mehr jedoch an der Sägefeldschule in Ulm: Hier ist Geschlechtertrennung Geschichte. Die Debatte für und gegen Unisex-Toiletten.

    Eine „Toilette für alle“, mit Rückzugsort für jede*n Einzelne*n – das gibt es an der Sägefeldschule in Ulm.18.07.2022 | 2:02 min
    Ein großer Spiegel steht in der Mitte des neuen WCs der Sägefeldschule in Ulm. Davor schminken sich Carmen aus der 7a und ihre Freundinnen, während sich Arthur aus der 9a und sein Kumpel daneben die Hände waschen. Seit Februar 2022 teilen sie sich die genderneutrale "Toilette für alle".
    Inzwischen haben sich die Werkrealschüler*innen daran gewöhnt:

    Am Anfang dachte ich mir: Jungs und so, dann kann ich nicht aufs Klo gehen. Aber jetzt passt alles und ich find’s auch schön, weil man kann sich da auch unterhalten.

    Carmen, Schülerin

    Privatsphäre ist gesichert

    Damit die genderneutrale Toilette für alle funktioniert, sei eins nämlich elementar, betont Euchner: genügend Privatsphäre für die Schüler*innen. Deshalb hat jede Kabine einen eigenen Spiegel, die Türen sind oben und unten geschlossen.
    Der Grund für die neue Unisex-Toilette: Das vorherige Klo wurde ständig beschädigt. Seit der Sanierung sei das WC viel sauberer und bis jetzt noch "wie am ersten Tag", sagt die Schulleiterin.

    Streit ums stille Örtchen

    Bisher gibt es an Baden-Württembergs Schulen nur in Freiburg noch ein "Klo für alle". Und auch in Tübingen sollen genderneutrale Toiletten an allen weiterführenden Schulen eingerichtet werden.
    Ist das ein pragmatischer Plan oder unnötige Umstrukturierung? Nicht alle sind von dem Konzept der "Toilette für alle" überzeugt. Hier die wichtigsten Punkte der Diskussion:

    Pro:

    • Vorbeugung von Diskriminierung 
    • Geschlechtergerechtigkeit
    • Pragmatischere Platznutzung

    Contra:

    • Fehlende Schutzräume für Frauen und Mädchen
    • Teure Sanierung
    Kritiker*innen der "Toilette für alle" argumentieren, dass es weiterhin Schutzräume für Frauen und Mädchen geben müsse, um sie vor sexuellen Übergriffen zu schützen und ihnen Privatsphäre während der Menstruation zu bieten.

    Einschränkung oder praktische Lösung?

    So kritisiert Johannes Rück, Sprecher der German Toilet Organization, dass Unisex-Toiletten von manchen als Einschränkung wahrgenommen werden können, "solange nicht auch geschlechtergetrennte Toiletten vorhanden sind". Zwar sei es gut, wenn "Klos für alle" Diskriminierung verhinderten, aber in vielen Kulturen würden gemischte Klos die Sitten oder religiöse Regeln verletzen.
    Ganz pragmatisch sieht der Vorsitzende des Landeselternbeirats Michael Mittelstaedt die Debatte. Mit der "Toilette für alle" lasse sich mit wenig Platz viel Raum für Diversität schaffen.  

    Wir bräuchten dann ja männlich, weiblich, divers, plus Behindertentoiletten mit mehr Raum, wird eine schwierige Kiste. Dann ist es doch viel einfacher, man schafft tatsächlich Unisex-Toiletten und hat dann auch weniger Raum sauber zu halten.

    Michael Mittelstaedt, Landeselternbeirat Baden -Württemberg

    Sind Unisex-Toiletten die Zukunft?

    Noch sind Unisex-Toiletten an Schulen bundesweit nicht weit verbreitet. Laut einer Umfrage der Deutschen Presse-Agentur bauen jedoch immer mehr Schulen ihre genderneutralen Klos aus. Einzelne Städte und Bundesländer wie Berlin probieren das Konzept schon seit einigen Monaten aus.
    In NRW nehme der Wunsch nach genderneutralen Toiletten an Schulen zu, sagt Laura Körner, Vorstand der Landesschüler*innenvertretung. So auch in Bremen und Niedersachsen. Hamburg plant bereits die Einführung des "WCs für alle".
    Sachsen und Bayern sehen hingegen momentan keinen Bedarf "All-Gender-Klos" einzuführen.
    In Ulm ist das genderneutrale WC inzwischen zum Alltag geworden. Die Schüler*innen und Lehrer*innen an der Sägefeldschule haben die Entscheidung für ihre Unisex-Toilette nicht bereut.      
    Schulleitern Cornelia Euchner ist im Interview mit ZDFheute davon überzeugt, dass es die Zukunft bestimmen wird, bereits jetzt gebe es eine Anfrage von einer anderen Schule:

    Ich denke, es ist wirklich was für die Zukunft. Wir haben sie jetzt eben schon. Und woanders wird sich das im Laufe der Jahre durchsetzen.

    Cornelia Euchner, Schulleiterin

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