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Elf Jahre Haft im Stromschlag-Fall

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Landgericht München - Elf Jahre Haft im Stromschlag-Fall

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Fetisch? Psychisch krank? Ein falscher Mediziner bringt junge Frauen via Skype dazu, sich lebensgefährliche Stromschläge zuzufügen. Nun fiel das Urteil: Er muss elf Jahre in Haft.

Archiv: Das Foto zeigt eine Apparatur, mit der sich Frauen Stromstöße verabreicht haben, 23.02.2018, Bayern, München
Lebensgefährlich: Mit einer solchen Apparatur sollten sich junge Frauen Stromschläge zufügen.
Quelle: picture alliance/-/Polizeipräsidium Oberbayern Nord/dpa

Nägel in Steckdosen, Elektroden an den Schläfen: Wozu ein Informatiker aus Würzburg junge Frauen und Mädchen gebracht hat, ist kaum zu glauben. Er gab sich als falscher Mediziner aus und wies die Frauen per Skype an, sich selbst lebensgefährliche Stromschläge zuzufügen. Nun hat das Landgericht München II geurteilt: Er muss wegen versuchten Mordes in 13 Fällen in Haft: für elf Jahre. Die Staatsanwaltschaft hatte 14 Jahre Haft und die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus gefordert.

Besonders schwerwiegend waren aus Sicht der Kammer die Fälle, in denen der junge Mann seine Opfer dazu brachte, sich metallene Gegenstände an beide Schläfen zu halten - "was bedeutet, dass das menschliche Gehirn im Stromweg liegt", wie der vorsitzende Richter sagte. Dabei hätten die Opfer heftige Schmerzen erlitten. "Es hat mir das Licht ausgeknipst", zitierte der Richter eines der Opfer. Oder: "Es hat Peng im Kopf gemacht."

Die Beweislast war erdrückend, der 30-Jährige hatte gestanden: Weil er das Ganze aufzeichnete, gibt es Dutzende Video-Dokumente. Angeklagt war er wegen 88-fachen versuchten Mordes - die "Ermittlungsgruppe Strom" der Kripo Fürstenfeldbruck geht sogar von 120 Opfern aus, wobei nicht alle Fälle angeklagt wurden. Zu Beginn des Prozesses entschuldigte sich der Mann bei einem seiner Opfer: "Ich wollte nur mal sagen, dass das ein moralischer Fehler war und schlecht war."

"Lebensgefährliche Bewerbung für einen Nebenjob"

Der Anklage zufolge nahm er seit 2014 über das Internet Kontakt zu seinen meist sehr jungen Opfern auf. Er fand sie, weil sie in Kleinanzeigen nach einem Nebenjob suchten. Und den bot er ihnen an. Der 30-Jährige gab sich als Mediziner aus und behauptete, wissenschaftliche Studien zur Schmerztherapie durchzuführen.

Das sei mit der Zuführung von Strom verbunden, die Tests seien aber ungefährlich, habe er angegeben. Er soll dafür jeweils Geld geboten haben - mal wenige 100, mal sogar 1.500 oder 3.000 Euro. Das versprochene Geld floss nie.

Über das Videochat-Programm wies er die jungen Frauen an, Apparate zu bauen - ein "Löffel-Holzlöffel-Kabel-Gedöns", wie eine Zeugin das nannte. Damit sollten sich die Frauen die Stromschläge zuführen - in die nackten Füße oder in die Schläfen. Manche ließen sich dazu an einem Stuhl festbinden. Der Angeklagte sah zu. Sich selbst soll er nicht via Kamera zu erkennen gegeben haben. Die Chats zeichnete der Informatiker auf - um sie sich immer wieder ansehen zu können.

Jüngstes Opfer erst 13

"Ich brauchte halt Geld", sagte eine 27-Jährige Betroffene vor Gericht aus. Der falsche Arzt habe sich als Wissenschaftler "Raik Haarmann" von der Berliner Charité ausgegeben. "Das hat einen seriösen Eindruck gemacht", so die Biologin. Vor Gericht wurde der Video-Chat gezeigt. Darin ist zu sehen, wie sie das angebliche Experiment durchführt und wie sie schreit, als sie einen Stromstoß bekommt. "Es tat echt weh."

Zu sehen ist, wie sie wieder aufsteht - und sich einen weiteren Elektroschock versetzt. "Muss das wirklich nochmal sein", fragte sie im Chat. "Ja, leider an beiden Füßen", antwortete der Angeklagte und fragte: "Können Sie noch etwas länger aushalten?" Sie habe nicht mehr atmen können, sagt sie.

Sein jüngstes Opfer war laut Anklage erst 13 Jahre alt. In manchen Fällen sollen sogar die Eltern der Mädchen bei den angeblichen wissenschaftlichen Versuchen geholfen haben. Ein Vater, so heißt es in der Anklage, versetzte seiner Tochter demnach mehrfach Stromschläge mit einem Elektroschockgerät.

Anklage: Ein Fetisch des Angeschuldigten

Auf die Spur des IT-Fachmanns kamen die Ermittler, nachdem ein 16 Jahre altes Opfer Anzeige erstattet hatte. Im Februar 2018 wurde er festgenommen, seither sitzt er in Untersuchungshaft. "Sowohl die Zufügung von Schmerzen mittels elektrischem Strom, als auch nackte Füße an sich sowie Fesselungen sind ein Fetisch des Angeschuldigten", so die Anklage. Die Staatsanwaltschaft ging davon aus, dass ihn das sexuell erregte.

"Echt 'ne doofe Idee"

Die Verteidigung legte dagegen eine psychische Erkrankung des Angeklagten - das Asperger-Syndrom - nahe und plädierte auf eine Bewährungsstrafe von zwei Jahren wegen Titelmissbrauchs und wegen der Erstellung von Bildaufnahmen. Hilfsweise komme eine Verurteilung wegen fahrlässiger Körperverletzung beziehungsweise fahrlässiger versuchter Tötung in Frage. Sein Anwalt forderte außerdem, die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus zur Bewährung auszusetzen.

Ihre Alarmglocken hätten bei der Sache schon leise geschrillt, sagte die 27-jährige Nebenklägerin vor Gericht. "Wenn man sich da dann selber 220 Volt durch den Körper gejagt hat, fällt einem auf, dass das echt 'ne doofe Idee war."

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