USA: Obdachlose oft kaum vor Hitze, Flut und Feuer geschützt

    Extremwetter in den USA:Obdachlose sind Hitze und Flut ausgeliefert

    Jenifer Girke
    von Jenifer Girke
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    Hitze, Flut, Feuer: Auch in den USA wird das Wetter extremer. Besonders gefährdet ist, wer kein Dach über dem Kopf hat. Obdachlose werden oft vergessen. Ein Ortsbesuch in Arizona.

    USA, Los Angeles: Zeltlager der Obdachlose an der Skid Road. Archivbild
    Von Hitze besonders betroffen: Menschen, die auf der Straße leben müssen.(Archivbild)
    Quelle: Damian Dovarganes/ap

    Im US-Bundesstaat Arizona befindet sich eine der heißesten Städte der USA. Die Sommertemperaturen in Phoenix übersteigen regelmäßig 45 Grad Celsius am Tag und 30 Grad in der Nacht. Selbst im Oktober sind 40 Grad fast normal geworden. Die Straßen sind meistens menschenleer - man huscht nur kurz von A nach B, nimmt möglichst kurze Wege, versteckt sich vor der brütenden Hitze.
    Wenn man denn kann - denn in Phoenix leben Tausende Menschen auf der Straße, ohne schattige Räume, geschweige denn einer Klimaanlage. Manchmal fehlt sogar Wasser. Die Folgen sind dramatisch: Im Jahr 2021 gab es in Maricopa County 338 hitzebedingte Todesfälle, ein Anstieg um 400 Prozent im Vergleich zu 2014.

    Wie Klimawandel und Obdachlosigkeit zusammenhängen

    Der 24-jährige Zachary Van Tol würde das gerne ändern. Er studiert in Phoenix und forscht dort zum Thema Nachhaltigkeit mit Fokus auf Hitze. Dabei untersucht er, wie man die Gefährdung von vulnerablen Gruppen durch extreme Temperaturen verringern kann.
    In Los Angeles, der Stadt der Reichen und Schönen, hilft Shirley Raines mit ihrer Organisation den Obdachlosen, die nur wenige Kilometer entfernt von Hollywood leben. 04.10.2022 | 10:14 min
    Für ihn besteht der erste Schritt darin, anders über Menschen denken und sprechen, die Obdachlosigkeit erfahren. "Sie haben keinen festen Platz zum Leben, aber abgesehen davon sind sie immer noch Menschen. Sie fühlen genauso wie wir. Sie erleben immer noch all die Herausforderungen, die auch der Rest der Bevölkerung erlebt. Es ist eine soziale Frage, die Denkweise der Gesellschaft zu ändern und diese Menschen zu integrieren", meint Van Tol.
    Obdachlosigkeit veranschauliche außerdem, dass Klimawandel nicht nur eine ökologische, sondern auch eine soziale Krise darstelle, vor allem in Zeiten steigender Preise:

    Auf der einen Seite haben wir den Klimawandel und die steigenden Temperaturen, auf der anderen Seite haben wir immer mehr Menschen, die sich keine dauerhafte Wohnung leisten können, weil die Mieten und Lebenskosten so hoch sind und die unter der Hitze umso mehr leiden.

    Zachary Van Tol, forscht zum Thema Nachhaltigkeit

    "Das sind zwei sich gegenseitig verstärkende Probleme", so Van Tol.

    Betroffene: "Ich hatte immer Angst vor der Hitze"

    Bonnie Ervin steht in Phoenix, Arizona, draußen
    Ervin will ihre Erfahrungen mit Obdachlosigkeit nutzen, um Betroffenen zu helfen.
    Quelle: ZDF

    Wie sehr man als obdachloser Mensch unter Temperaturen leidet, weiß Bonnie Ervin aus eigener Erfahrung. Die 61-Jährige studiert wie auch Van Tol an der Arizona State University, ihr Studienbereich: soziale Arbeit. Früher musste sie selbst mehrfach auf der Straße leben und war der Hitze ausgeliefert: "Wenn ich versuchte, Essen oder Wasser zu holen, wurde ich durch die Hitze erschöpft und fiel in Ohnmacht. Dann ist man ausgeliefert. Wenn man ohnmächtig ist, helfen einem die Leute manchmal, aber oft ist man für sie unsichtbar."
    Ervin erzählt weiter, dass es fast unmöglich war, genügend Wasser mit sich zu tragen, um nicht zu dehydrieren: "Man sucht sich einen Ort, an dem man sich ausruhen kann, weil man von der Hitze erschöpft ist. Aber dann ist es jemandem unangenehm, dass du da bist und du musst weiterziehen."

    Man ist immer auf der Flucht und kommt nie zu Ruhe. Ich hatte immer Angst vor der Hitze.

    Bonnie Ervin, musste mehrmals Obdachlosigkeit erfahren

    In Amerika reiche ein kleiner Vorfall aus und man verliert seine Wohnung: "Eine Autopanne, ein Arztbesuch, eine unbezahlte Rechnung und du bist wieder auf der Straße." Ohne Auto kommen die meisten nicht zur Arbeit, werden gefeuert, können sich die Wohnung nicht mehr leisten und werden obdachlos - eine Abwärtsspirale.

    Van Tol: Geht vor allem um Klimaanpassung

    Student an Messgerät
    Van Tol verwendet bestimmte Thermometer und Messgeräte
    Quelle: ZDF

    Genau hier sieht Van Tol auch ein wirtschaftliches Argument: "Der Gesellschaft gehen durch die hohen Kosten talentierte Menschen verloren, die viel erwirtschaften könnten." Daher sei es wichtig, den Betroffenen ihren Alltag auf der Straße zu erleichtern und ihnen einen besseren Zugang zur Gesellschaft zu ermöglichen. Wenn sie sich als Teil der Gemeinschaft fühlen, wachse auch ihr Selbstbewusstsein und damit die Chance, am Arbeitsmarkt teilzunehmen.
    Dieser Prozess beginne damit, ihre Herausforderungen auf der Straße ernst zu nehmen. Und damit auch den Klimawandel: "Uns geht es vor allem um Klimaanpassung", sagt Van Tol.

    Wir betrachten den Klimawandel allzu oft als ein Thema der Zukunft. Aber diese Menschen sind jetzt täglich Temperaturen von 40 Grad ausgesetzt.

    Zachary Van Tol, forscht zum Thema Nachhaltigkeit

    "Anpassung bedeutet also, dass wir ihnen die Mittel an die Hand geben, mit denen sie im Hier und Jetzt zurechtkommen und mit denen sie umgehen können", so Van Tol weiter.

    Diese Lösungen hat Phoenix gegen die Hitze

    Wie das konkret aussehen kann, zeigt die Stadt Phoenix: Es gibt bereits Hitzeschutzräume, in denen auch Wasser und Essen zur Verfügung gestellt wird. Außerdem experimentiert Phoenix mit einigen Maßnahmen zur Hitzeminderung, zum Beispiel hellerer Asphalt, der weniger Wärme absorbiert.
    Allerdings müsse man laut Van Tol noch mehr tun: "Die Hitze führt zu ernsthaften gesundheitlichen Schäden – Dehydrierung, Ohnmacht, Hitzeschlag. Deswegen ist eine weitere Sorge der Zugang dieser Menschen zu medizinischer Versorgung. Wenn man der Hitze ausgesetzt ist und direkte medizinische Hilfe braucht, aber nicht die Möglichkeit hat, dorthin zu gelangen, ist das ein großes Problem. Es geht also auch um einen gleichberechtigten Zugang zu öffentlichen Verkehrsmitteln, um die Bereitstellung von Schatten, während man auf den Bus wartet."
    Extreme Hitze ist für Mensch und Natur ein Problem, daher gelte: Gemeinsam Lösungen finden, von denen letztendlich alle profitieren.

    Neuer Club-of-Rome-Report
    :Wie sich die Menschheit noch retten kann

    Gibt es eine lebenswerte Zukunft ohne Armut, Ungleichheit, Klimawandel? Der Club of Rome erörtert in seinem neuesten Report, wie sich die Menschheit noch retten kann.
    Eine Gruppe von Kühen frisst Unkraut, das auf dem Boden der vor einigen Jahren noch mit Wasser gefüllten Lagune Aculeo (Chile) gewachsen ist, aufgenommen am 22.04.2022

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