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"Heterogen und gefährlich"

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"Querdenken"-Bewegung - "Heterogen und gefährlich"

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Giulia Silberberger kämpft gegen ideologischen Missbrauch. Sie verleiht jährlich den "Goldenen Aluhut". Wie sie über die "Querdenken"-Bewegung denkt.

Der goldene Aluhut
Am 30. Oktober 2020 soll die Verleihung des Negativpreises "Der goldene Aluhut" stattfinden.
Quelle: Der Goldene Aluhut GbR

Bei der Verleihung des Negativpreises "Der goldene Aluhut" geht es um eine Art satirische Aufarbeitung der Verschwörungsmythen des Jahres. Besonders brisant im Corona-Jahr: Die Verantwortlichen mussten die Abstimmung vorzeitig beenden.

Die "Querdenken"-Bewegung hatte nach Angaben von Gründerin und Geschäftsführerin Giulia Silberberger auf den sozialen Medien dazu aufgerufen, für sie abzustimmen. Tausende Stimmen für die Nominierten der "Querdenken"-Bewegung gingen binnen kürzester Zeit ein, auch der Server selbst wurde angegriffen, ging schließlich in die Knie.

Negativpreis-Verleihung: Bots statt Menschenstimmen?

Silberberger vermutet gekaufte "Bots", also automatisierte Computerprogramme statt echter Menschenstimmen, dahinter. Sie entscheidet sich am vergangenen Wochenende, diese Stimmen bei der diesjährigen Preisverleihung nicht miteinzubeziehen und die betroffenen Kandidaten zu disqualifizieren, was bei der Querdenken-Bewegung für enorme Kritik sorgt.

Gründerin des Goldenen Aluhuts Giulia Silberberger
Giulia Silberberger wuchs in einer Sekte auf. Heute engagiert sie sich gegen ideologischen Missbrauch und ist Expertin für Verschwörungstheorien. Sie hat den "Goldenen Aluhut" gegründet.
Quelle: ZDF

ZDFheute: Wer verbirgt sich denn hinter den so genannten Querdenkern?

Silberberger: Das ist eine unheimlich heterogene Gruppe, die durchaus gefährlich ist. Die schließt sich aus klassischen Verschwörungsideologen, Impfgegnern, Rechten und Rechtsextremisten zusammen.

Wir haben beobachtet, wie insbesondere die rechte Szene immer wieder dazu aufgerufen hat, die Querdenker zu unterstützen. Wir haben am Reichstag alle das Flaggenmeer gesehen. Dort wird so eine Stimmung generiert: der Feind meines Feindes ist mein Freund. Und man trifft sich in diesem gemeinsamen Widerstandsgedanken.

Wir gegen die Regierung. Wir gegen die Diktatur. Wir gegen Merkel. Hier verbinden sie sich. Und hier haben wir ganz viele kleine Gruppen, die vorher keine gemeinsame Basis hatten, aber jetzt in der Gruppe der Querdenker plötzlich zusammenfinden.

Demonstranten und Polizisten stehen vor dem Reichstag in Berlin.
Rechte Corona-Gegner in Berlin hatten bei einer Demonstration im August versucht, den Reichstag zu stürmen.
Quelle: epa

ZDFheute: Aber handelt es sich bei den Querdenkern nicht um eine verhältnismäßig kleine Gruppe?

Silberberger: Das sind vom Gefühl her nicht so viele, vielleicht 50.000. Ich finde aber, 50.000 Menschen machen definitiv was aus in der Politik. Die machen was aus, wenn sie ihre Stimme vergeben, wenn sie sich in der Gesellschaft engagieren.

Und wenn wir davon ausgehen, dass jeder von diesen 50.000 ein oder zwei Personen rekrutiert, durch Postings, durch Social-Media-Präsenz, durch Youtube-Videos, dann vermehren die sich natürlich. Und es werden immer mehr.

ZDFheute: Jetzt sind Verschwörungserzählungen ja kein neues Phänomen, kamen durch die Corona-Krise aber viel deutlicher an die Oberfläche. Hat sich dadurch in der Wahrnehmung von Verschwörungsmythen etwas verändert?

Silberberger: Ein bisschen schon. Ich finde, die Medien haben mehr daraus gelernt als die Politik. Das Problem ist endlich erkannt worden. Dass die Angehörigen von Verschwörungsanhängern darunter leiden, dass die Kinder darunter leiden, weil sie mit irgendwelchen Ideologien erzogen werden und ihnen beispielsweise adäquate, medizinische Hilfe verwehrt wird.

Und dass es längst keine lustigen Aluhutspinner a la "Elvis lebt" mehr sind. Das ist keine Verschwörungstheorie, das ist eine urbane Legende. Das Bewusstsein für die echten Verschwörungstheorien wurde geschärft, auch wenn das Thema in der Politik etwas langsamer angekommen ist.

ZDFheute: Haben Sie dafür konkrete Beispiele?

Silberberger: Viele Schulen melden Bedarf an medienpädagogischen Angeboten an. Dass Leute wie wir an die Schulen gehen und den Leuten was erklären. Und dass wir auch dem Lehrerkollegium was an die Hand geben können, woraus sie Unterrichtsmaterial erstellen können. Und das ist auch das größte Lob, was man mir machen kann, indem man sagt: "Hey, ich habe deine Materialien im Unterricht verwendet".

Das Interview führte Julia Lösch

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