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Cornelia Funke zum Vorlesetag - "Mit Kindern gemeinsam Abenteuer erleben"

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Am Vorlesetag setzten die Initiatoren auf digitale Aktionen. Mit dabei ist Schriftstellerin Cornelia Funke. Hier erklärt sie, warum Vorlesen keine lästige Pflicht sein muss.

Cornelia Funke
Die erfolgreiche Kinder- und Jugendbuchautorin Cornelia Funke.
Quelle: © Michael Orth

ZDFheute: Frau Funke, wie oft hat man Ihnen als Kind vorgelesen?

Cornelia Funke: Sehr, sehr oft. Mein Vater hat uns immer vorgelesen. Ich hatte aber auch eine Großmutter, die viele Bücher gelesen hat und uns diese dann wie Geschichten erzählt hat.

ZDFheute: Was waren das für Geschichten?

Cornelia Funke: Im Fall meines Vaters ganz viele Abenteuergeschichten, die wir aus der Bücherei geholt haben. Jim Knopf von Michael Ende zum Beispiel oder Bücher von Astrid Lindgren. Meine Großmutter hat aber immer auch Sachen erfunden über Menschen, die in unterirdischen Häusern leben, oder über Höhlenkinder. Das war so eine wilde Mischung aus Büchern, die sie gelesen hat und Geschichten, die sie selbst erfand. Als Kind war ich gar nicht überrascht, dass sie das kann. Inzwischen bin ich das natürlich.

Mit über 20 Mio verkauften Büchern ist Cornelia Funke die international erfolgreichste deutsche Kinder- und Jugendbuchautorin.

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2 min
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ZDFheute: Wie haben Sie das Vorlesen als Kind empfunden?

Cornelia Funke: Für mich war das Bezauberndste daran immer das Gemeinsame: Zusammen auf eine Reise zu gehen, an Orte, die wir nie zuvor gesehen hatten. Ich höre heute oft von Eltern, die vorlesen, dass das, was sie am meisten verzaubert, diese Erfahrung ist, zusammen mit ihren Kindern literarische Abenteuer zu erleben. Ungewöhnliche Dinge zu sehen und zu diskutieren.

Ich glaube, dass Bücher auf wunderbare Weise Eltern und Kinder zusammenbringen können.

ZDFheute: Warum sollte man Kindern heute noch vorlesen?

Cornelia Funke: Ich höre ganz oft von Eltern, dass das Vorlesen mit drei, vier Generationen passiert. Dass da die Großeltern noch dabeisitzen oder auch Kinder unterschiedlichen Alters zuhören. Man entdeckt zusammen eine Geschichte. Das Großartige bei Büchern ist natürlich, dass sie viel länger dauern als eine Fernsehserie oder ein Film.

Wenn man ein ganzes, dickes Buch vorliest, dann ist man schon auf wunderbarste Weise viele Tage beschäftigt. Daraus kann man auch ein sehr schönes Ritual machen.

[Im Video: Claus Kleber liest aus dem Kinderbuch "Qualle im Krankenhaus"]

"Ich habe viel zu wenig Zeit mit den Kindern verbracht, aber die war dann sehr wertvoll und da war Vorlesen ganz wichtig." Zum Vorlesetag schlüpft Claus Kleber wieder in die Rolle des Vorlesers und liest aus dem Buch "Qualle im Krankenhaus" vor.

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5 min
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ZDFheute: Wie sehr motiviert das Vorlesen Kinder, später auch selbst zum Buch zu greifen?

Cornelia Funke: Es kommt darauf an: Wenn mir jetzt Vater oder Mutter ganz gelangweilt vorliest, dann werde ich das wahrscheinlich mit Büchern assoziieren. Wenn einem das aber wie Schokolade präsentiert wird, wie etwas, wozu auch die Erwachsenen Lust haben, dann verbindet das natürlich. Aber nicht alle Erwachsenen trauen sich, mal ihre Stimme zu verstellen oder aus dem Vorlesen selbst ein Abenteuer zu machen.

Sie wäre eine schlechte Geschichtenerzählerin, "wenn sich die politische Lage in der Welt nicht in den Büchern widerspiegeln würde", sagt Autorin Cornelia Funke.

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6 min
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ZDFheute: Das passt zu einer Studie der Stiftung Lesen, wonach 32 Prozent aller Eltern selten oder nie vorlesen. Fast 50 Prozent geben an, es mache ihnen keinen Spaß, vorzulesen. Sind Eltern es heute nicht mehr gewohnt, für das Vorlesen aus ihrer Rolle auszubrechen?

Cornelia Funke: Vielleicht waren sie es auch nie gewohnt oder haben sich nie getraut. Das geht ja fast in die Richtung von Schauspiel. Es gibt so viele Menschen, die sagen: "Ich kann das nicht!" Oder: "Ich kann meine Stimme nicht leiden." Das habe ich selbst über meine Stimme früher gesagt, bis ich gelernt habe, was man alles mit einer Stimme anfangen kann.

ZDFheute: Lesen nur die Eltern vor, denen selbst vorgelesen wurde?

Cornelia Funke: Das hoffe ich nicht. In England gab es eine Statistik, dass durch Harry Potter 50 Prozent mehr Eltern vorgelesen haben. Man muss sich natürlich Bücher aussuchen, die auch die Eltern unterhaltsam finden. Man sollte das Gefühl haben, zusammen zu verreisen. Gerade in dieser Zeit, wo wir physisch nicht reisen können.

ZDFheute: Viele Präsenzveranstaltungen beim Bundesweiten Vorlesetag mussten dieses Jahr wegen Corona ausfallen. Trotzdem haben sich mehr als 500.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer zum Vorlesen und Zuhören angemeldet. Ist das Interesse an Büchern ungebrochen?

Cornelia Funke: Dieses Gefühl, nicht reisen zu können, das macht uns bewusst, wie gerne unsere Vorstellungskraft an neue Orte geht. Wir haben sehr hungrige und unersättliche Köpfe und Herzen.

Ich glaube, dass das Buch uns in Corona-Zeiten ganz andere Möglichkeiten bietet, als sich vor den Fernseher zu setzen.

Denn Lesen können wir ja aktiv tun. Bücher erleben gerade eine aufregende Renaissance.

Das Interview führte Maike Verlaat-Violand.

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