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Weinsteins wichtigste Jury

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Prozess endet - Weinsteins wichtigste Jury

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Jurys waren für Harvey Weinstein lange etwas Gutes. Sie überhäuften seine Filme mit Preisen, zeichneten ihn aus. Die nächste Jury könnte ihn nun lebenslang hinter Gitter bringen.

Filmproduzent Harvey Weinstein vor dem Gerichtssaal in New York
Filmproduzent Harvey Weinstein vor dem Gerichtssaal in New York
Quelle: reuters

Es gibt Zählungen, wem bei den Oscars in den Siegerreden am häufigsten gedankt wurde. Zumindest dort steht Harvey Weinstein noch immer auf einer Stufe mit Gott. Der einstige Heiland Hollywoods hat in den letzten Jahren, in denen Dutzende Vorwürfe gegen ihn wegen sexueller Übergriffe die MeToo-Ära einläuteten, vieles verloren: seine Filmfirma, seinen Ruhm, seine Macht, die Farbe in seinem Gesicht und - glaubt man seinem schweren Gang gestützt auf einen Rollator - auch seine Gesundheit.

Ab Dienstag berät die Jury über Weinstein

Nun urteilt wieder eine Jury - nicht mehr über Weinsteins Filme, sondern über seine Freiheit. Ab Dienstag soll sich die Jury zu ihren Beratungen zurückziehen. Im Saal 1.530 des obersten New Yorker Gerichts saßen in den vergangenen Wochen zwölf Geschworene, neben sich zwölf an die Wand geschlagene Buchstaben: "In God We Trust" - Wir vertrauen auf Gott.

Vor ihnen ein schweigsamer Weinstein. Sie sahen den nervösen Zeugen, der mit ihm gearbeitet hatte. Die Empörung der ehemaligen Mitbewohnerin eines mutmaßlichen Opfers. Die Hauptzeugin Jessica Mann, die im Zeugenstand zuerst einen Nervenzusammenbruch erlitt und dann sagte: "Die Jury soll wissen, dass er mein Vergewaltiger ist."

Das war der Prozessauftakt gegen Ex-Hollywood-Produzent Harvey Weinstein - mehr als 80 Frauen werfen Weinstein sexuelle Übergriffe bis hin zur Vergewaltigung vor, bei diesem Prozess geht es nur um zwei Fälle.

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"Er" ist Harvey Weinstein, bis 2017 noch einer der mächtigsten Männer in der Filmindustrie. Der 67-Jährige produzierte Filme wie "Pulp Fiction" oder "Shakespeare in Love", setzte Themen und machte Menschen zu Stars. Oder zerstörte sie. Die Anklage lud 28 Zeugen, unter ihnen sechs mutmaßliche Opfer.

Staatsanwaltschaft stellte Weinstein als "Raubtier" dar

Sie zeichneten das Bild eines überlebensgroßen Mannes, der seine Macht nach dem immer selben Muster ausnutzte, jungen Frauen die große Karriere versprach, dafür Gegenleistungen verlangte und sie bei einem Nein zum Sex zwang.

Unzählige Male schon sind Gerichte mit Theatern verglichen worden. Doch was den Vergewaltigungsprozess gegen Weinstein auch besonders macht, sind die sich überlagernden Ebenen: Die Hauptdarstellerinnen sind auch im richtigen Leben Schauspielerinnen oder wollten es einmal werden. Im Gericht aber standen sie unter der Regie der Juristen von Anklage und Verteidigung.

Zeugen und Beweismaterial wurden von ihnen so in Position gezupft, dass sie die eigene Version der Geschichte stützten. Die Staatsanwaltschaft wählte drastische Detailtiefe und schockierende Beschreibungen, um Weinstein als "sexual predator" - also etwa als "sexuelles Raubtier" - darzustellen.

Die Verteidigung dagegen inszenierte ihn als Opfer der Frauen, die ihn wegen seiner Macht und seines Geldes ausnutzten, ihm ihrerseits etwas vorspielten, und hob hervor, dass Jessica Mann eine Beziehung mit Weinstein geführt hatte.

Eine Theatervorstellung für die Jury

Zielgruppe der so gegensätzlichen Darbietungen waren aber nicht die Zuschauer auf den hölzernen Bankreihen, auch nicht die Journalisten aus der ganzen Welt. Es ging weder um Einschaltquote noch um Reichweite, sondern darum, die Jury auf seine Seite zu bringen.

Sieben Männer und fünf Frauen. Eher älter als jünger, eher weiß als schwarz, normale Bürger, die meist ernst schauten, manchmal aber gähnten, ein Kopfschütteln oder Nicken andeuteten. Von denen einer einmal scheinbar kurz einschlief.

Junge Frau wehrt Gewalt ab

Doku/Wissen - #MeToo: Der Fall Weinstein

Vergewaltigungen und Missbrauch, Schläge und Tötungen, Zwangsheirat oder Zwangsprostitution: Gewalt gegen Frauen ist weltweit alltäglich - auch in Deutschland.

MeToo-Bewegung prägt den Prozess

Hereingeführt wurden sie an den Sitzungstagen erst, wenn die Regisseure die Bühne bereitet hatten. Nachdem Anklage und Verteidigung über ein Interview von Chefanwältin Donna Rotunno oder die Wortwahl gegenüber dem Angeklagten gestritten hatten. Hinter die Kulissen soll eine Jury in US-Gerichtssälen nicht schauen. Was sie zu sehen bekommt, ist oft Ergebnis knallharter Verhandlungen.

Wer den Fall Weinstein seit 2017 verfolgt hat, dem scheint es fast unmöglich, der Frage nach seiner Schuld unvoreingenommen entgegenzutreten. Mehr als 80 Frauen - unter ihnen bekannte und angesehene Schauspielerinnen - hatten seitdem schwere Vorwürfe erhoben. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie alle die Unwahrheit erzählen? Unlautere Motive haben? Die Öffentlichkeit scheint sich ihr Urteil schon längst gebildet zu haben.

Gegen die Vorverurteilung des Angeklagten unter dem Eindruck der mächtigen #MeToo-Bewegung kämpfte das Verfahren vom ersten Tag an. Richter James Burke redete den Geschworenen ins Gewissen: "Dieser Prozess ist kein Referendum über die MeToo-Bewegung."

Mehr zur MeToo-Bewegung sehen Sie im Video:

Journalistin Bascha Mika im Gespräch.

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Der Verteidigung war es kaum möglich, ihren Mandanten in ein besseres Licht zu rücken. "Man kann davon ausgehen, dass Harvey Weinstein ein Sünder ist", räumte auch Anwältin Rotunno ein. Ein Sünder, aber kein Krimineller, so die Argumentation.

Dass Weinstein seine Machtposition schamlos ausnutzte, um junge Frauen dazu zu bringen, mit ihm zu schlafen, ist unbestritten. Genauso gesichert scheint seine wiederholte Beschreibung als tobender Tyrann - auch wenn seine Erscheinung als alter, gebrechlicher Mann vor Gericht dem entgegenwirken dürfte.

Es geht um erzwungenen Oral-Sex und Vergewaltigung

Doch im Prozess des Jahres, weltweit verfolgt von Millionen, geht es nicht um moralische, sondern ausschließlich um juristische Schuld. Und im Kern um zwei Fälle aus 2006 und 2013, um erzwungenen Oral-Sex und Vergewaltigung. Und um die mutmaßlichen Opfer, die Assistentin Mimi Haleyi und die heutige Friseurin Jessica Mann.

Es geht nur um die Schuld in diesen beiden Fällen. Im Prozess wurden zusätzlich noch vier weitere mutmaßliche Opfer gehört, die die Anklage mit ihrer Aussage stützen sollten - unter ihnen Schauspielerin Annabella Sciorra. Die Anklage lautet auf Vergewaltigung, sexuelle Nötigung und "predatory sexual assault" - also in etwa "raubtierhafter sexueller Angriff".

Weinstein-Freispruch ist möglich

Ein Freispruch ist möglich. Und eine Verurteilung ist schon dann blockiert, wenn nur ein Juror mit Zweifeln an Weinsteins Schuld standhaft bleibt.

Doch wenn es stimmt, dass es eben auch um die "bessere" Geschichte geht, dann scheint die Anklage nach den Plädoyers im Vorteil. Denn Rotunno - die als schillernde Staranwältin galt - wirkte dort über sechs Stunden kleinteilig, monoton und mittelmäßig vorbereitet. Chefanklägerin Joan Illuzzi dagegen, die eher ein nüchternes Image hat, lieferte ein dreistündiges Feuerwerk. Mit spitzen Pointen gegen "Richie Rich" Weinstein sorgte sie für Lacher, der sich auch die Jury nicht ganz entziehen konnte.

Sie spielte mit ihrer Stimme, flüsterte manchmal und ließ sie dann wie eine Peitsche knallen, tigerte vor der Jury auf und ab und kündigte Höhepunkte an mit: "Das ist krass Leute, passt auf." Ihre Schlussfolgerung: Weinstein sei das "Muster eines Raubtiers". Ein Finale à la John Grisham.

Nun liegt es an den Juroren zu beurteilen, wie glaubwürdig die Darbietung war. Die Laienrichter haben Tage, wenn es sein muss, Wochen. Ein Freispruch könnte zu einem Aufschrei wie einst beim Mordprozess gegen den früheren Football-Star O. J. Simpson führen. Bei einer Verurteilung droht Weinstein lebenslange Haft. Dann schließt sich der Vorhang.

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