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Warum Polen das Weltkriegsende nicht feiert

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8. Mai vor 75 Jahren - Warum Polen das Weltkriegsende nicht feiert

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Am 8. Mai 1945, vor 75 Jahren, endete der Zweite Weltkrieg in Europa. Für viele Länder ein Anlass, zu feiern. Ausgerechnet in Polen aber passiert nichts.

Pawel Spiewak ist Direktor des Jüdischen Historischen Instituts in Warschau. Im Skype-Interview erklärt, warum Polen das Kriegs-Einde nicht feiert.

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Der Pilsudski-Platz ist der wichtigste Platz Warschaus, hier finden alle nationalen Gedenkfeiern statt. Am 8. Mai aber wird es hier keine offizielle Veranstaltung geben. Und das liegt tatsächlich einmal nicht an Corona. Polen feiert diesen Tag nicht.

Krystyna war damals neun Jahre alt, erzählt sie uns, und erinnert sich: "Da war Freude in gewissem Sinne, teilweise, weil das Schrecklichste zu Ende war. Also die Millionen Menschen, die in den KZs und an den Fronten ums Leben gekommen waren. Das war zu Ende. Aber ausgerechnet für Polen nicht wirklich."

Der Weltkrieg war für Polen erst 1989 beendet

Polen und sein Trauma der Fremdherrschaft: Unter deutscher Besatzung hieß der Pilsudski-Platz "Hitler-Platz", unter den Kommunisten dann "Siegesplatz". Erst danach wurde er wieder nach dem polnischen Militär und Politiker Jozef Pilsudski benannt.

"Für viele von uns", erklärt Professor Pawel Spiewak, "war der Krieg erst 1989 beendet. Nicht im Sinne der militärischen Aktivitäten, sondern der politischen Folgen, die über Polen gekommen waren." Spiewak ist Direktor des Jüdischen Historischen Instituts in Warschau.

Mit großen Feierlichkeiten gedenken die Polen des Warscher Aufstandes

Viele Denkmäler für sowjetische Soldaten wurden in den letzten Jahren in Polen entfernt. Sie waren nach Kriegsende im polnischen Bruderstaat entstanden.

Das Kriegsende brachte keinen Frieden, in Polen gab es einen für ein paar Jahre andauernden Bürgerkrieg und stalinistischen Terror.
Pawel Spiewak, Direktor des Jüdischen Historischen Instituts in Warschau

An den Zweiten Weltkrieg, an das Leid, das Deutschland über Polen brachte, an seine Helden des Warschauer Aufstandes und des Ghetto-Aufstandes wiederum gedenkt Polen mit großen Feierlichkeiten.

Am 1. September vergangenen Jahres waren zahlreiche Staats- und Regierungschefs zum 80. Jahrestag des Überfalls der Deutschen auf Polen und damit dem Weltkriegsbeginn nach Warschau gereist.

Polen fühlt sich von den Alliierten ausgegrenzt

In der polnischen Hauptstadt ist die Erinnerung allgegenwärtig - wie wohl in keiner anderen Stadt Europas. Gedenktafeln an vielen Häusern erinnern an die Menschen, die dort von den Nazis ermordet wurden, zahlreiche Denkmäler für die Aufständischen etwa sind in der Stadt verteilt. Die Erinnerung an das polnische Leid im Zweiten Weltkrieg ist im kollektiven Gedächtnis der Polen verankert.

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Doch ausgerechnet das Ende des Krieges wird nicht gefeiert. Nicht nur wegen der darauffolgenden Zeit unter der Herrschaft der Sowjetunion - sondern auch wegen verletzter Gefühle, erklärt Spiewak.

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"Der Krieg hinterließ am Ende ein Gefühl des Stolzes der alliierten Länder. Aber Polen - mit seinen Opfern, etwa fünf Millionen Menschen, darunter zwei Millionen Polen, drei Millionen Juden, mit wesentlichem Anteil der polnischen Soldaten an allen Fronten des Zweiten Weltkriegs - wurde von den Alliierten ausgegrenzt."

Auf dem Pilsudski-Platz wird es also ruhig zugehen am 8. Mai - aus historischen Gründen, nicht wegen der Pandemie.

Natalie Steger leitet das ZDF-Studio in Warschau.
Mitarbeit an diesem Text: Milena Drzewiecka und Roman Krysztofiak 

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