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Google und Co. sollen zahlen - Wikipedias Big Tech-Bezahlschranke

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Die großen Tech-Konzerne sollen in Zukunft bezahlen, wenn sie Daten und Informationen aus der Wikipedia benutzen. Ein lukratives Geschäft mit möglichen Nebenwirkungen.

Unter einem Cursor steht auf der Startseite mit dem Logo der deutschsprachigen Internet-Enzyklopädie Wikipedia «Hauptseite der Wikipedia».
Die Internet-Enzyklopädie Wikipedia
Quelle: dpa

Was gibt's eigentlich Neues zu Jens Spahn? Kurz den Namen bei Google eingetippt und siehe da: es gibt viel Kritik, die in den Google-Ergebnissen angezeigt wird. Sehr prominent ist aber noch ein weiterer Kasten platziert: "Jens Georg Spahn ist ein deutscher Politiker. Seit 2002 ist er Mitglied des Bundestages", steht da.

Außerdem, dass er 1980 geboren, 1,92 m groß ist und noch weitere biografische Details. Diese Infos, Google nennt das den Knowledge Graph, stammen aus der Wikipedia. Sind sie von ehrenamtlichen Wikipedianer*innen zusammengetragen und geprüft. Und Google benutzt das, um seine kommerzielle Suchmaschine zu füttern. Ähnlich arbeiten auch Sprachassistenten, die Infos aus der Wikipedia ziehen. Ohne dafür zu bezahlen. Ist das fair?

Täglich schlagen Millionen Menschen Informationen bei Wikipedia nach. Die Online-Enzyklopädie zählt zu den beliebtesten Websites weltweit. Wir sprechen mit Mitbegründer Jimmy Wales.

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Als ich im Januar den Wikipedia-Gründer Jimmy Wales im Interview danach fragte, wiegelte er noch ab. Alles in der Wikipedia solle frei verfügbar sein für alle, auch für die Tech-Riesen aus Kalifornien. Damals sagte Wales:

Wir sind Teil der weltweiten Infrastruktur geworden, so wie wir es wollten.
Jimmy Wales

Google und Co. sollen für Inhalte bezahlen

Nun ist die Wikimedia Stiftung, die hinter der Wikipedia steht, von diesem Prinzip zumindest ein kleines Stück abgerückt und hat Pläne für Wikimedia Enterprise vorgestellt. Der Dienst soll anderen Organisationen und Unternehmen schnelle und effektive Schnittstellen bieten, über die Daten aus der Wikipedia in andere digitale Produkte integriert werden können, zum Beispiel auch in Google-Suchergebnisse. Und das gegen Bezahlung.

Ein echter Paradigmenwechsel für die gemeinnützige Wikimedia-Stiftung und für die bislang vollkommen spendenfinanzierte, non-profit Wikipedia.

Gewünscht haben sich diesen Wandel die Tech-Unternehmen selbst, wie mir Lisa Gruwell von der Wikimedia Foundation in einem Videocall erzählt hat. Gruwell trägt den Titel Chief Advancement Officer und ist damit zuständig fürs Spendensammeln und das Partner-Management. Sie hält also auch den Kontakt zu Google und Co.

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Und sie hat ein wichtiges Argument für die neue Big Tech-Bezahlschranke: Technologieunternehmen wie Google greifen ohnehin schon seit Jahren auf Wikipedia-Inhalte zurück. Die technische Infrastruktur, die Wikipedia dafür vorhalten muss, wird bislang aus Spenden finanziert. "Ist es etwa fair, dass Spender für Big Tech bezahlen?", fragt Gruwell. Natürlich nicht.

Die gigantischen Gewinne der "großen Fünf" sind weltweit begehrt

Was die Wikimedia-Stiftung macht, ist dabei kein Einzelfall. Überall auf der Welt denken Unternehmen und Politiker*innen darüber nach, wie man sich ein Stückchen vom gigantischen Profit-Kuchen der großen Fünf (Google, Amazon, Facebook, Apple, Microsoft) abschneiden kann. Der Streit zwischen Facebook auf der einen und Verlegern sowie der Regierung auf der anderen Seite in Australien ist dafür ein Beispiel. Der jahrelange Streit um ein Leistungsschutzrecht in Europa ein weiteres.

Das Leistungsschutzrecht wird im Zuge des neuen Urheberrechts, das demnächst im Bundestag verhandelt werden soll, wohl eingeführt.

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von Stephan Mündges

Das neue Geschäftsmodell unterscheide sich aber von diesen gesetzgeberischen Vorhaben, meint Gruwell. Man biete einen Service und reagiere damit auf die Bedürfnisse des Marktes. Das ist nicht ohne Risiken. Wikipedia wird geschrieben und gepflegt von Freiwilligen. Nutzer*innen, die ihre Freizeit für ein idealistisches Projekt opfern, das sich dem freien Wissen verschrieben hat. "Die Motivation ist ja nicht, das Geschäftsmodell am Laufen zu halten", sagt Christian Pentzold, Professor für Medien- und Kommunikationswissenschaft an der Uni Leipzig.

Community der Mitschrieber soll noch eingebunden werden

Wohl auch deshalb wollen die Wikimedianer*innen doch nicht ganz all-in gehen. Bevor es erste Testläufe gibt, soll mit der Community ausführlich gesprochen werden. Und die Wege, über die man bislang auch schon maschinell auf Wikipedia-Inhalte zurückgreifen kann, sollen bestehen bleiben. Große Unternehmen sind also nicht zwingend auf die neuen, kostenpflichtigen Schnittstellen angewiesen.

Die Online-Enzyklopädie Wikipedia feiert ihr 20-jähriges Jubiläum. Was als klassisches Nachschlagewerk begann, entwickelte sich schnell zum Großprojekt mit unzähligen, freiwilligen Mitarbeitern. Eine Bilanz nach zwei Jahrzehnten.

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Wie teuer der Schnittstellen-Service für die Unternehmen werden soll, dazu wollte Gruwell im Interview nichts konkret sagen. Aber die Stiftung erwartet wohl substanzielle Einnahmen. Denn mit Wikimedia Enterprise sollen die weitreichenden Pläne der Wikimedia-Stiftung mitfinanziert werden. "Gerechtigkeit des Wissens" - so heißt die zugrundeliegende Idee.

Wir wollen das Wissen der Welt allen Menschen auf der Welt zugänglich machen.
Lisa Gruwell

Und für das Ziel brauche man Geld. In reichen Ländern wie den USA oder Deutschland sei es einfacher Spenden zu sammeln. In ärmeren Ländern, in denen die Wikipedia noch nicht so groß ist, könnte das wesentlich schwieriger sein. Bei dieser Entwicklungsarbeit soll nun das Geld der großen Tech-Konzerne helfen.

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