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Schicksal eines WM-Arbeiters : Im Metallsarg von Katar nach Nepal

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Die Bedingungen der Gastarbeiter auf den WM-Baustellen in Katar stehen seit Jahren in der Kritik. Immer wieder gibt es Tote. Hinterbliebene müssen um ihre Entschädigung kämpfen.

Bauarbeiter in Katar.
Die Arbeitsbedingungen auf den Baustellen der Stadien der WM 2022 stehen seit Jahren in der Kritik.
Quelle: dpa

Denkt Nirmala Pakhrin an die Fußball-Weltmeisterschaft in Katar, wird sie traurig. Ihr Mann Rupchandra Rumba war Gerüstbauer auf der Baustelle des unter der heißen Sonne schimmernden Education City Stadions unweit der Hauptstadt Doha. Per Videoanruf habe er es ihr immer wieder gezeigt. "Er sagte mir, dass Leute aus der ganzen Welt in dem Stadion spielen würden", erzählt Nirmala in Nepal.

Er musste auf hohe Gerüststangen klettern, und er sagte, dass das ihm manchmal Angst machte.
Nirmala Pakhrin

Am 23. Juni 2019 starb Rupchandra Rumba - an einem Herzinfarkt. Der Nepalese steht in jener vom WM-Organisationskomitee veröffentlichten Statistik der "Non-Work-Related Deaths", der Todesfälle, die laut diesen Angaben nicht unmittelbar im Zusammenhang mit der Arbeit auf den Stadionbaustellen stünden. 37 Namen sind auf dieser Liste zu finden. Das Emirat weist Kritik und Berichte über Tausende Tote auf den Baustellen Katars seit Jahren vehement zurück.

Tausende Nepalesen reisen jeden Monat nach Katar

Der britische "Guardian" hatte in einem viel beachteten Bericht von 6.500 Toten auf allen Baustellen in Katar im vergangenen Jahrzehnt seit der Vergabe gesprochen. Das Organisationskomitee kritisiert eine demnach undifferenzierte und verkürzte Darstellung der Todesfälle.

Wie Rupchandra reisen jeden Monat Tausende Nepalesen und wenige Nepalesinnen zur Arbeit in den Mittleren Osten. Dort sind die Löhne vergleichsweise hoch - und versprechen in einigen Jahren ein besseres Leben in der Heimat.

Geld für Haus, Familie und Schulden verdienen

Rupchandra sei in Katar ein Monatslohn von 1.200 Riyal (329 Euro) plus Überstundenbezahlung versprochen worden, etwa dreimal so viel wie ein Nepalese durchschnittlich in seiner Heimat verdient.

Ausgebeutete Gastarbeiter und 15.000 Tote bei den Bauarbeiten zur Fußball-WM 2022. Das Wüstenemirat steht seit Jahren in der Kritik und muss nun mit Boykott-Aufrufen leben.

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Im WM-Gastgeberland leben der Menschenrechtsorganisation Amnesty International zufolge rund zwei Millionen Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter. Rupchandra wollte in Katar genügend Geld verdienen, um seiner Familie ein Stück Land und ein Häuschen zu kaufen sowie um Schulden abzubezahlen, wie Nirmala sagt.

Harte Arbeit in Katar

Die Geldrücksendungen aus Katar machen für Nepal einen wichtigen Teil des Bruttoinlandsprodukts aus. Die Nepalesen arbeiten oft auf dem Bau, als Wachleute oder in Hotels. Ihre Arbeitszeiten sind lang, die Arbeit hart, und immer wieder werden sie wie Bürger zweiter Klasse behandelt. Sie leben oft jahrelang in Fernbeziehungen, ihre Familien dürfen sie als Gastarbeiter nicht mitnehmen. Auch Nirmala und Rupchandra verbrachten die meiste Zeit ihrer Ehe getrennt.

Er musste zuerst im Straßenbau arbeiten, und es war so hart, dass er nach Hause kommen wollte.
Nirmala Pakhrin

Nach Hause kam ihr Mann in einem schlichten Metallsarg. Menschenrechtsorganisationen und zuletzt auch der Deutsche Fußball-Bund fordern inzwischen die Einrichtung von Entschädigungsfonds für die Hinterbliebenen der gestorbenen WM-Arbeiter. Der Weltverband FIFA und Katar nehmen mit dem Turnier eine Milliardensumme ein. Amnesty fordert unter dem Motto "Fußball ja. Ausbeutung nein" Zahlungen in Höhe von mindestens 440 Millionen US-Dollar (etwa 446 Millionen Euro). Die FIFA stehe hier klar in der Verantwortung, hatte DFB-Präsident Bernd Neuendorf gesagt.

Kampf um eine Entschädigung

Mit dem Tod ihres Mannes begann Nirmala den Kampf um eine Entschädigung, die sein Arbeitgeber zunächst nicht zahlen wollte.

Sie sagten mir, dass ich Entschädigung erhalten hätte, wenn er bei der Arbeit gestorben wäre. Aber nun qualifiziere ich mich nicht dafür, weil er im Schlaf starb.
Nirmala Pakhrin

Schließlich habe sie nach Rupchandras Tod 1.500 Riyal (rund 414 Euro) erhalten. Später, nachdem das WM-Organisationskomitee interveniert hatte, seien noch weitere 7.000 Riyal (1914 Euro) dazugekommen. "Bitte gestatten Sie mir, Ihnen nach dem schmerzlichen Verlust Ihres Mannes mein tiefstes Beileid auszusprechen", schrieb WM-Organisationschef Hassan al-Thawadi in einem Brief an die Witwe im März 2020. "Zu erfahren, dass jemand in Verbindung mit meiner Organisation und diesem Projekt gestorben ist, erfüllt mich mit tiefem Bedauern."

Die Fußball-WM in Katar steht seit der Vergabe in der Kritik. Der Golfstaat inszeniert sich seither als perfekter Gastgeber. Doch die Wahrheit sieht anders aus.

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Von nepalesischer Seite gab es schließlich noch 700.000 Rupien (5.588 Euro) aus einem Fonds für Arbeiterinnen und Arbeiter im Ausland und 1,5 Millionen Rupien (11.745 Euro) für eine Lebensversicherung. Von diesem Geld habe sie sich ein Stück Land gekauft, sagt Nirmala.

Die Botschaft an WM-Fans

Sie vermisst ihren Mann sehr - und das tut auch ihr zehnjähriger Sohn. Wenn die Väter seiner Schulfreunde aus dem Ausland nach Hause kämen, ihnen Schokolade aus der Ferne brächten und sie auf den Schultern trügen, würde er immer an ihn denken, sagt seine Mutter.

Was sie den WM-Fans gerne sagen möchte? Nirmala schweigt. Doch Indra Lal Gole Tamang von der Hilfsorganisation für nepalesische Arbeiter im Ausland  sieht bei der WM eine Chance:

Arbeiterinnen und Arbeiter bekommen ihre Honorare nicht,  bleiben gestrandet und werden ignoriert, wenn Firmen bankrottgehen. Ich hoffe, dass die Gäste und Politikerinnen und Politiker, die Katar während der WM besuchen werden, Druck auf Katar ausüben, um das Land auf die richtige Bahn zu bringen.
Indra Lal Gole Tamang von der Hilfsorganisation für nepalesische Arbeiter im Ausland
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