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Zum 100. Geburtstag - Wolfgang Borchert: Pazifist, Träumer, Kämpfer

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Wolfgang Borchert ist Deutschlands berühmtester Anti-Kriegs-Schriftsteller. Er wäre heute 100 Jahre alt geworden.

Die Einsamkeit der Kriegsheimkehrer, die verlorene Generation der Überlebenden: Das waren Themen für Wolfgang Borchert. ,,Draußen vor der Tür‘‘, sein berühmtes Theaterstück, atmet diese Haltlosigkeit. Heute vor 100 Jahren wurde der Trümmerliterat geboren.

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"Ein Mann kommt nach Deutschland. Er war lange weg, der Mann. Sehr lange. Vielleicht zu lange. Und er kommt ganz anders wieder, als er wegging. Einer von denen, die nach Hause kommen und die dann doch nicht nach Hause kommen, weil für sie kein Zuhause mehr da ist. Und ihr Zuhause ist dann draußen vor der Tür."

Beckmann heißt dieser Mann in Deutschlands berühmtestem Hörspiel: "Draußen vor der Tür". Dieser Beckmann war im Grunde der Autor selbst: Wolfgang Borchert. Heute wäre er 100 Jahre alt geworden. Nur ein Viertel dieser Jahre hat er gelebt, starb mit 26. Einen Tag bevor sein Drama am 21. November 1947 an den Hamburger Kammerspielen uraufgeführt und ein Riesenerfolg wurde.

Humpelnder Unteroffizier

Es traf den Nerv der Generation Kriegsheimkehrer. Beckmann kehrt nach drei Jahren Gefangenschaft aus Sibirien zurück. Seine Frau hat einen anderen, sein Sohn ist tot, Häuser und Hafen zerstört. Verzweifelt von Not und Hunger springt der humpelnde Unteroffizier mit zertrümmerter Kniescheibe in die Elbe – die ihn wieder ausspuckt. Am Ende bleibt er von der Gesellschaft ausgeschlossen und erhält auf seine Fragen keine Antwort. "Warum schweigt ihr denn? Warum? Gibt denn keiner Antwort? Gibt keiner Antwort? Gibt denn keiner – keiner – Antwort?"

Todgeweihte und Geschlagene wie Borchert waren daheim, aber fanden nicht zurück. Der Krieg war aus, doch sie bekamen keinen Frieden. Borchert, der zu jung zerstört war, um selbst je Frau und Kinder zu haben, schrieb für die so vielen seelisch Verkrüppelten. Trümmerliteratur nannte man seinen Stil später. Dieser Kahlschlag war neu – Sätze ohne Zier und Girlanden. So nüchtern und karg, dass sie noch heute wehtun.

Texte zeigen Seelenqualen

Carsten Brosda, Hamburgs Kultursenator, kennt Borchert. Weil er ihn gelesen hat wie so viele schon in der Schule. "Man merkt, da hat jemand etwas zu sagen und nicht mit wenigen Ausnahmen im plakativ-vordergründig politischen Stil, sondern tatsächlich sehr radikal." Brosda hat den berühmten Hamburger nun für seine Stadt wiederentdeckt. Er lässt Borcherts 100. eine Geburtstagswoche lang feiern. "Hamburg liest" heißt das Lesefestival, das nicht nur dem Drama, sondern dem ganzen Werk des Schriftstellers gilt: 50 Erzählungen, Kurzgeschichten und Gedichte. Jeder Text zeigt die Seelenqualen, wie "damals die Verdrängungsmechanismen funktioniert haben", sagt Brosda, und wie die zahl- und namenlosen Beckmanns und Borcherts "damals mit der Verwüstung des II. Weltkriegs umgegangen" seien.

Borcherts Elternhaus steht noch: Tarpenbekstraße 82 in Eppendorf, heute zum Fest mit frischen Blumen vor der Gedenktafel. Die Mutter war Plattdeutsch-Schriftstellerin, der Vater Volksschullehrer, liberale Leute. Sie halfen ihrem an Gelbsucht und Erschöpfung sterbenden Sohn, tippten seine fleckfiebrig geschriebenen Texte ab. Wie begabt der Junge war, hatten nicht nur sie früh erkannt.

Von der Bühne an die Front

Mit 15 schreibt er Gedichte, bricht später eine Buchhändler-Lehre ab, um Schauspieler zu werden. Von der niedersächsischen Landbühne aus wird er eingezogen, muss als Panzergrenadier an die Ostfront. Dort gilt er als Aufmüpfer und Wehrkraftzersetzer, eine Verletzung wird ihm als Selbstverstümmelung ausgelegt. Nach der Haft untauglich als Soldat, spielt er im Fronttheater. Als er Goebbels parodiert, johlen die Kameraden. Einer denunziert ihn, wieder folgt Haft.

Nach dem Krieg flieht er aus französischer Gefangenschaft und erreicht nach 600 Kilometern Fußmarsch völlig entkräftet Hamburg. Zwei Jahre bleiben ihm für sein Wirken, am Ende kann er nur noch liegend schreiben.

"Borchert war ein Pazifist und Idealist, ein Kämpfer und Träumer, ein junger Mann mit großen Ideen und überfließendem Herzen", feiert Hamburgs Kulturbehörde den Mann, der jenen, denen Krieg die Sprache verschüttet hat, eine Stimme gab. Nein: gibt.

Lebe er hoch!

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