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Interview

20 Jahre Wowereits Coming-out - "Der Satz war richtig spontan"

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Vor 20 Jahren hatte Klaus Wowereit sein Coming-out: "Ich bin schwul - und das ist auch gut so". Ein Satz für die Ewigkeit. Doch die Diskriminierung sei nicht überwunden, sagt er.

Klaus Wowereit, SPD-Politiker und Berlins Ex-Bürgermeister spricht im Interview mit ZDFheute über sein öffentliches Outing als homosexueller Mann vor genau 20 Jahren.

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ZDFheute: Kurz vor Ihrer Wahl zum Regierenden Bürgermeister 2001 haben Sie sich offen zu ihrer Homosexualität bekannt. War das damals kalkuliert oder spontan?

Wowereit: Also der Satz war richtig spontan, hat eine kleine Vorgeschichte: Mich mit den Stimmen der PDS zum Regierenden wählen zu lassen, das war eine besondere Situation. Da wollte ich vorher denjenigen, die mich unterstützen, sagen: 'Ja, ich bin schwul. Ist meine persönliche Situation.' Das habe ich dann auch gemacht.

Berater haben vorher gesagt, häng das niedriger, sag`s mal lieber nicht. Aber ich habe mich dann noch entschieden, es zu sagen.
Klaus Wowereit

ZDFheute: Kann man im Nachhinein sagen, dass Sie das ganz weit nach vorne gebracht hat, auch gesellschaftlich?

Wowereit: Ich habe damals überhaupt nicht geahnt, zu einer Ikone der Schwulenbewegung zu werden. Aber die Resonanz war ja nicht nur in Berlin sehr groß, nicht nur deutschlandweit, sondern auch weltweit. Die New York Times hat darüber berichtet, aus Südamerika habe ich Radiointerviews geben dürfen.

ZDFheute: Gab es auch Lob aus der Heteroszene?

Wowereit: Ja, selbstverständlich und vor allen Dingen bei jungen Menschen. Ganz besonders berührt hat mich aber, wenn mich Eltern angeschrieben haben, wo der Sohn schwul war oder die Tochter lesbisch. Und die haben geschrieben, Mensch, Herr Wowereit, ich bin ihnen so dankbar. Ich kann jetzt besser zu meinem Sohn, meiner Tochter stehen, das hat mich persönlich sehr bewegt und hat hoffentlich einigen Menschen auch geholfen.

ZDFheute: Ist Homosexualität ein Stück weit in der Gesellschaft enttabuisiert worden?

Wowereit: Ja, sicherlich nicht in allen Teilen unserer Gesellschaft. Aber im Prinzip schon. Das ist das eine und ganz wichtig. Das andere ist aber immer noch, in der Gesellschaft offen damit umzugehen. Und in großen Unternehmen, in den Führungsetagen – auch da ist das immer noch ein Tabuthema. Und solange das so ist, muss man doch kämpfen.

ZDFheute: Deutschland diskutiert dieser Tage viel über geschlechtergerechte Sprache. Wie halten Sie das, gendern Sie selbst?

Wowereit: Verinnerlicht hat man mal schon immer die weibliche Form. Also das ist manchmal vom Sprachgebrauch her gar nicht so einfach.

Und mit Sternchen und nur mit dem großen Innen habe ich auch meine Probleme. Das ist auch klar.
Klaus Wowereit

Aber da sollten auch diejenigen, die es fordern, auch ein bisschen rücksichtsvoll sein gegenüber einer älteren Generation, wie meine, die das nicht schon so verinnerlicht hat, sondern damit noch ein bisschen zu kämpfen hat.

Immer häufiger findet man das Gendersternchen - doch es scheidet die Geister. Bei ZDFheute live diskutieren Aminata Touré, Bündnis 90/Die Grünen, und Christoph Ploß, CDU.

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ZDFheute: Kann Sprache überhaupt gesellschaftliche Veränderungen herbeiführen? Ist das ein Mittel?

Wowereit: Sprache entlarvt auch. Und es ist doch klar, wenn die Sprache über Jahrzehnte benutzt worden ist, zum Diskriminieren, zum Ausgrenzen oder Machtverhältnisse zu manifestieren, dann muss man da auch Änderungen durchführen. Früher war es üblich, unverheiratete Frauen mit Fräulein zu bezeichnen. Sagt heute kein Mensch mehr. Da hat sich was verändert in Bereichen, die heute völlig unumstritten sind.

ZDFheute: Corona ist Thema, das sich seit Wochen und Monaten wie ein Schleier über Deutschland gelegt hat. Alle Debatten, alle persönlichen Gespräche drehen sich nur noch um dieses eine Thema. Wie sind Sie denn persönlich durch diese Zeit gekommen?

Wowereit: Na ja, am Anfang ganz schwer durch meine persönliche Situation und den Verlust meines Partners. Ja, das ist natürlich ein Einschnitt, der elementar ist. Und ansonsten habe ich natürlich versucht, auch das nachzuvollziehen, auch mit dafür zu werben, dass man vorsichtig sein muss.

Alle sind ungeduldig, alle wollen diese Situation wieder normalisieren. Und so langsam geht es ja auch wieder. Aber wir müssen immer noch vorsichtig sein, und das muss uns einen. Jeder Tote ist einer zu viel.

Politisch sei einiges passiert, so Wowereit im Interview. Aber gesellschaftlich müsse man als homosexueller Mensch in Deutschland weiterhin kämpfen, um wirklich akzeptiert zu werden.

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2 min
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ZDFheute: Würde ihr berühmter Satz vor 20 Jahren heute noch so viel Aufmerksamkeit bekommen?

Wowereit: Das glaube ich nicht. Gott sei Dank ist da in der Zwischenzeit was passiert. Das denke ich schon.

Aber damals war er eben sensationell, und er war es deshalb, weil er nicht geplant war. Er stand nicht im Manuskript.  
Klaus Wowereit

Denn ich hätte auch sagen können, ich bin schwul, und dafür muss ich mich nicht rechtfertigen. Oder das ist so. Aber das ist auch gut so - da haben ja Viele interpretiert, was hat er mit dem auch gemeint? Das war auch wie ich es gesagt habe, ganz wichtig und hat dadurch die Befreiung auch gegeben.

Das Interview führte Markus Gross.

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