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"Satan schläft nicht"

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Missbrauch in Polens Kirche - "Satan schläft nicht"

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Der polnische Journalist Tomasz Sekielski bricht mit seinen Dokus über Missbrauch in der Katholischen Kirche Tabus. Hier erzählt er, warum die Aufarbeitung nicht voran kommt.

Vor einem Jahr haben die Sekielski Brüder ihre Dokumentation über sexuellen Missbrauch in Polens Kirche veröffentlicht. Ihr neues Werk "Das Versteckspiel" sorgt wieder für Furore.

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2 min
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ZDFheute: Warum haben Sie sich für das Thema interessiert?

Tomasz Sekielski: Im Jahr 2013 habe ich persönlich die Opfer eines pädophilen Priesters kennengelernt. Und schon damals wusste ich, dass das in Polen ein riesiges Thema war. Aber auch ein Tabu.

Polnische Medien, die öffentliche Meinung - es wurde ein bisschen diskutiert. Aber aufgrund der besonderen Position der Kirche - ein Priester ist in der polnischen Kultur und Gesellschaft selbst eine Institution - geschah das alles am Rande der öffentlichen Debatte.

ZDFheute: Wie verhält sich im Jahr 2020 die katholische Kirche in Polen in Sachen Missbrauch durch pädophile Geistliche?

Sekielski: Ich glaube, dass leider weiterhin die Mehrheit der Hierarchen denkt, dass man auf Zeit spielen kann. Obwohl sie vielleicht tief drinnen etwas anders denken.

Das ist eine Strategie, dafür ist die Kirche im Allgemeinen bekannt, nicht nur in diesem Fall: Wir kommentieren nicht, wir antworten nicht auf die Fragen, wir entschuldigen uns nicht. Wir werden jede Krise überleben. Diese Taktik, das zeigt die Situation der Kirche in anderen Ländern, wird nicht den erwünschten Effekt bringen.  

Hintergrund

ZDFheute: Ist es also für Sie frustrierend, sich wieder mit dem Thema zu beschäftigen?

Sekielski: Es ist für mich nicht frustrierend. Natürlich würde ich mir wünschen, die Diskussion in Polen darüber und die Abrechnung mit sexueller Kriminalität der Geistlichen wäre soweit fortgeschritten wie in Irland, den USA und in Deutschland.

Aber bei uns hat die ganze Diskussion eine Dekade oder sogar zwei Dekaden später angefangen. Wir sind in dieser Diskussion, Debatte dort, wo Deutschland, Irland und die USA Anfang oder Mitte der 90er waren. Man muss auch die polnische Spezifik verstehen.

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ZDFheute: Hat sich in Polen innerhalb des Jahres - seit der Premiere Ihres ersten Filmes etwas geändert?

Sekielski: Sowohl die Kirche als auch die staatlichen Organe haben dieses Jahr verschwendet. Es ist nichts Bahnbrechendes passiert. Aber das bedeutet nicht, dass der Film nicht zu etwas Positivem beigetragen hat. Heute bemerke ich eine wichtige Veränderung.

Es war noch vor einem Jahr unvorstellbar – dass ein polnischer Bischof einen anderen Bischof beim Vatikan meldet. Und das ist sofort nach unserem zweiten Film "Das Versteckspiel" passiert. Der Primas Polens hat an den Vatikan eine Benachrichtigung über Bischof Janiak geschickt - über den, der vieles vertuscht hat. Das ist ein absoluter Umbruch.

ZDFheute: Was ist die Haupterwartung der Opfer von der Kirche?

Sekielski: Viele von diesen Opfern hätten ihre Geschichte nicht veröffentlicht, sie vor Gericht gebracht oder Entschädigungen verlangt, wenn sie von der Kirche irgendwelche Empathie bekommen hätten. Wenn jemand  Entschuldigung gesagt hätte. Wenn jemand sie einfach gehört und Gefühle gezeigt hätte. 

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ZDFheute: Sie zeigen in Ihren Filmen die Konfrontationen der Missbrauchsopfer mit den Tätern. Wie verhalten sich dann diese Priester?

Sekielski: Das, was die Täter und diejenigen, die diese Fälle vertuschen, tun, ist eine Art kirchliche neue Sprachumdeutung. Plötzlich hört man: das Leben ist schmerzvoll, der Satan schläft nicht und der Satan führt besonders die Kaplane in Versuchung.

Die Opfer stoßen an eine Wand des Unverständnisses, der Gleichgültigkeit und oft des Spotts. Oder es gibt den Versuch, sie mitschuldig zu machen. Beispielsweise mit empörender Frage: Warum sind Sie zu dem Täter zurückgekommen, zu dem Priester, der Sie einmal verletzt hat?

Das Interview führten Natalie Steger und Roman Krysztofiak, ZDF-Studio Warschau.

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