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"Der Hoffnungsträger der Goldenen Zwanziger"

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Vorgänger der Vereinten Nationen - "Der Hoffnungsträger der Goldenen Zwanziger"

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Ziel: Weltfrieden. Vor 100 Jahren nahm der Völkerbund die Arbeit auf. Der Historiker Jakob Tanner erklärt, warum die Institution scheitern musste - und vor allem: an wem.

Archiv: Reichsaußenminister Gustav Stresemann spricht vor dem Völkerbund in Genf am 10.09.1927
Reichsaußenminister Gustav Stresemann spricht vor dem Völkerbund
Quelle: picture alliance / akg-images

heute.de: Welcher Geist herrschte vor 100 Jahren, als der Völkerbund in Genf mit der Arbeit loslegte?

Jakob Tanner: Der Völkerbund war eine Reaktion auf die grauenhafte Erfahrung des Ersten Weltkrieges. An ihm schieden sich die Geister: Wer im Krieg ein nationales Stärkungselixier sah, lehnte ihn ab. Wer hingegen die Massenschlächtereien dieses totalen Krieges ablehnte, unterstützte den Völkerbund. Trotz Aufrufen zum Frieden war auch die Arbeiterbewegung zunächst der Ansicht, der Völkerbund sei eine imperialistische Institution der Siegermächte. Sie änderte dann aber rasch die Meinung. Insgesamt setzten sich die Kräfte durch, die nach der Katastrophe des Krieges eine neue internationale Friedens- und Rechtsordnung durchsetzen wollten.

heute.de: Worin bestand der Charme des Völkerbundes?

Tanner: Der Völkerbund war ein Hoffnungsträger, der in die Stimmungslage der Goldenen Zwanziger hineinpasste: das widersprüchliche Nebeneinander von Rückkehr zur Normalität und Aufbruch in Unbekanntes. Ein großer Durchbruch für den Völkerbund war die Aufnahme Deutschlands 1926. Während der besten Jahre der Weimarer Republik strahlte der Völkerbund universelles Flair aus und konstruktive Chancen.

heute.de: Ein paar Jahre später war davon nichts mehr zu spüren…

Tanner: Der Völkerbund konnte seine wichtigsten Ziele nicht durchsetzen. Das hängt aber nicht mit einem Konstruktionsfehler zusammen, sondern mit nationalistischen Widerständen.

Der Nationalsozialismus hat den Völkerbund immer frontal bekämpft.

Der Nationalsozialismus hat den Völkerbund immer frontal bekämpft, weil er in ihm die große Antithese zu einer aggressiven Kriegspolitik und zu einer antisemitisch-rassistischen Weltanschauung sah. 1933 trat Deutschland aus dem Völkerbund aus und der geschwächte Völkerbund fand keinen wirksamen Hebel, um dem Kriegstreiber Hitler das Handwerk zu legen.

heute.de: Auch der Nachfolger des Völkerbundes, die Vereinten Nationen, haben Genozide wie in Ruanda oder Srebrenica nicht verhindern können. Wieder ein zahnloser Tiger?

Tanner: Die Vereinten Nationen sind kein Tiger, aber sie zeigen den Völkerrechtsverächtern durchaus die Zähne. Wie schon der Völkerbund sind auch die UN kein "Deus ex machina", die eine schlechte Welt auf magische Weise in ein irdisches Paradies verwandeln. Unter den mittlerweile 193 UN-Mitgliedern sind viele Länder sicher korrupt und schrecklich ineffizient. Trotzdem fahren sie mit der UN weit besser als ohne sie.

heute.de: Laut Kanzlerin Merkel ist Multilateralismus sehr mühsam, aber der einzige Weg in einer globalisierten Welt. Stimmt das?

Tanner: Angela Merkel durchläuft ein Formtief nach dem andern, weist aber in zentralen strategischen Fragen eine beeindruckende Klarsicht auf. Dazu gehört ihr gut begründetes Eintreten für den Multilateralismus.

heute.de: US-Präsident Donald Trump sieht das anders…

Tanner: Trump orientiert sich an einer "America First"-Ideologie und sucht die Rettung in einer großen Vergangenheit, die es nie gegeben hat: "Make America great again." Trump versteht den Multilateralismus nicht. Da er politisch nicht lernfähig ist, wird sich das auch nicht ändern. Die Drohung, iranische Kulturstätten anzugreifen, zeugt ebenso von impulsiv-unreflektierten Twitter-Ausfällen wie von einem erschreckend dumpfen Kulturverständnis. Trump ist aber nicht das letzte Wort der Großmacht, die er repräsentiert. Amerika weist noch immer erstaunliche demokratische und multilaterale Potenziale auf.

Die Fragen stellte Raphael Rauch. Dem Autor auf Twitter folgen: @raphael_rauch

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