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Frankreich und Afrika - es bleibt kompliziert

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60 Jahre Unabhängigkeit - Frankreich und Afrika - es bleibt kompliziert

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In diesem Jahr feiern mehr als ein Dutzend Länder auf dem afrikanischen Kontinent ihre Unabhängigkeit von Frankreich. Die Beziehung ist bis heute schwierig.

Amadou Gon Coulibaly und Emanuel Macron am 21.12. 2019 in Abidjan
Ende Dezember besuchte Emmanuel Macron Abidjan an der Elfenbeinküste.
Quelle: AP

Zu oft werde Frankreich in der heutigen Zeit als ein Land wahrgenommen, das überlegen und beschönigend auf den Kolonialismus schaue, der "ein tiefgehender Fehler der Republik" war: Das sagte der französische Präsident Emmanuel Macron Ende Dezember 2019 bei einem Besuch in Abidjan, in der Elfenbeinküste.

Solche Töne von Seiten Macrons sind nicht neu: Bereits im Februar 2017, damals als Präsidentschaftsbewerber, hatte er den Kolonialismus bei einem Besuch in Algerien "ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit" genannt.

Macron versucht, Beziehung zu afrikanischen Staaten zu verbessern

In Abidjan lud Macron dazu ein, "eine neue Seite aufzuschlagen". Und in der Tat sind die Worte des Präsidenten mit Blick auf die immer noch schwierige Beziehung zwischen Frankreich und seinen ehemaligen Kolonien etwas Besonderes. Das zeigt der Blick in die jüngste Vergangenheit: Etwa auf eine Rede von 2007, die vielen Afrikanern schmerzlich im Gedächtnis geblieben ist.

Damals verglich der konservative Präsident Nicolas Sarkozy vor Studierenden in Dakar, der senegalesischen Hauptstadt, die Afrikaner mit Kindern - und bediente damit ein bekanntes rassistisches Bild. Sarkozy attestierte ihnen, weder an der Geschichte noch am Fortschritt teilzuhaben.

Neue Kolonial-Debatte durch Black-Lives Matter

Im Jahr 2020 hat die weltweite Black-Lives-Matter-Bewegung wochenlang die Schlagzeilen bestimmt. Während es in den USA mehr um Bürgerrechte gehe, führe die Bewegung in Europa dazu, dass mehr über die Kolonialvergangenheit gesprochen werde, analysiert der Kolonial-Historiker Samuël Coghe von der Freien Universität Berlin.

Black Lives Matter bewegt die Welt, besonders Belgien. Der Protest wendet sich hier gegen Protagonisten der Kolonialgeschichte und deren Denkmäler.

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"Das ist auch richtig und wichtig, denn der Kolonialismus ist auch Teil der Migrationsgeschichte in Europa", so Coghe. "Die kann man zum großen Teil ohne den Kolonialismus nicht verstehen. Das Gleiche gilt für den Rassismus." Er habe auch den Eindruck, dass Black Lives Matter mehr Menschen erreiche als bisherige Debatten über die Kolonialvergangenheit.

Frankreichs Umgang mit der eigenen Kolonialvergangenheit ist noch schwierig, sah und sieht sich die Grande Nation doch als Verfechterin der in der Aufklärung selbstzugeschriebenen Tugenden liberté, égalité und fraternité - Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit.

Frankreich wollte Ende des Kolonialismus hinauszögern

Dass mit der Kaskade an Unabhängigkeiten 1960 der Anfang vom Ende des französischen Kolonialismus gesetzt war, überraschte nicht wenige, sagt der Historiker Coghe: "Nach dem Zweiten Weltkrieg konnten sich weder die afrikanischen Eliten noch die Kolonialmacht vorstellen, dass nur 15 Jahre später so viele Länder unabhängig werden sollten."

Im Krieg seien etwa eine halbe Million Soldaten aus Afrika auf Seiten der Alliierten eingebunden gewesen. Die Unzufriedenheit in den Kolonien sei danach groß gewesen. Deswegen setzte Frankreich taktisch auf mehr Rechte und Investitionen in Bildung, Infrastruktur und Gesundheitswesen, um das Ende des Kolonialismus hinauszuzögern.

"Das hat aber trotzdem nicht funktioniert und den Prozess sogar beschleunigt. Denn die Bildung verbesserte sich und viele afrikanische Kolonialbeamte haben den Prozess von innen mit angetrieben", erklärt Coghe. "Sie hatten zum Teil in Europa studiert und waren Teil nationalistischer Bewegungen. Auch die Weltöffentlichkeit hat über die UN mehr zugeguckt, was in den Kolonien passierte."

Macron will Kulturschätze nach Benin und Senegal zurückgeben

Unter Macron scheint nun einiges in Bewegung: Er hat den populär gewordenen Bericht über die Rückgabe afrikanischer Kulturgüter initiiert - im Juli verpflichtete Frankeich sich dazu, Kulturschätze an Benin und den Senegal zurückzugeben. Bei Macrons Auftritt in Abidjan ging es um das Ende einer von Frankreich mitverwalteten Währung in Westafrika und auch in Sachen Erinnerungspolitik hat Macron ein Projekt gestartet.

Eine französisch-algerische Kommission soll den Algerien-Krieg - der bis vor wenigen Jahren offiziell nicht als solcher bezeichnet wurde - aufarbeiten. Algerien, das eine Sonderstellung hatte und in dem eine Million Franzosen lebten, ist sicher das heikelste historische Kapitel, durchzogen von extremer Gewalt und Antisemitismus gegen die dort lebenden Juden und Jüdinnen.

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