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Interview

Abschied vom Bundestag - Barbara Hendricks: "Nun ist gut"

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Sie war 27 Jahre im Bundestag, Ministerin, immer SPD-Politikerin: Barbara Hendricks geht. Mit dem Beginn der Sommerpause endet nach mehr als 40 Jahre ihre politische Karriere.

Archiv: Barbara Hendricks am 27.7.2017 in Hankensbüttel
Barbara Hendricks ist seit mehr als 40 Jahren in der Politik. Jetzt hört sie auf.
Quelle: dpa

ZDFheute: Sie waren 27 Jahre Bundestagsabgeordnete, Ministerin, sind seit mehr als 40 Jahren in der Politik. Jetzt hören Sie auf. Wie ist Ihnen zumute?

Barbara Hendricks: So ganz genau weiß ich es noch nicht. Aber ich weiß schon, was ich anschließend machen werde, alles im ehrenamtlichen Bereich. Ich gehe nicht von 150 auf null, sondern auf 40 oder 50. Durch den Lockdown konnten wir in den Wahlkreisen sehr wenig machen. Es gab ja keine Veranstaltungen, keine Ausstellungseröffnung, keine Schützenfeste oder Karneval …

ZDFheute: Ist das gut oder schlecht?

Hendricks: Das ist natürlich schade, da hat einiges gefehlt. Aber für mich war es ein langsames Herausgleiten aus der Verantwortung.

Viele Abgeordnete werden nach der Wahl im Herbst nicht wiederkommen. So werden neben Angela Merkel auch Horst Seehofer und Martin Schulz den Bundestag verlassen.

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ZDFheute: War das Pariser Klima-Abkommen 2015 ein Höhepunkt in Ihrer Zeit als Ministerin? Sie hatten beim Abschluss Tränen in den Augen.

Hendricks: Das war ganz gewiss der allerwichtigste Moment in meiner politischen Tätigkeit. Das war etwas ganz Besonderes. Das Abkommen 2016 vor der UNO zu unterzeichnen, war eine große Ehre. Und das ernsthafte Verhandeln zwei Wochen lang im Dezember 2015 war sehr fordernd. Das ging fast immer bis nachts um 3 Uhr.

Am Ende waren wir alle irgendwie fertig, aber deswegen hatte ich nicht Tränen in den Augen. Sondern eher vor Glück.
Barbara Hendricks

Es war sehr euphorisch, als der Hammer des Konferenzleiters fiel, haben sich alle in den Armen gelegen. Wir sind weitergekommen, als man vorher angenommen hatte.

Barbara Hendricks hat als Umweltministerin das Pariser Abkommen ausgehandelt. "Der allerwichtigste Moment in meiner politischen Tätigkeit", sagt sie. Jetzt hört sie auf.

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ZDFheute: Das Ziel, nicht mehr Erderwärmung als 1,5 Grad, ist erst in Paris reinverhandelt worden?

Hendricks: Ja, eigentlich wollten vor allem die nördlichen Länder das Zwei-Grad-Ziel. Dass 1,5 Grad reingekommen sind, ist den Ländern zu verdanken, die am verletztlichsten sind. Der Außenminister der Marshall Islands, Tony de Brum, war da ganz wichtig. Er hat als erstes die Europäische Union überzeugt, sonst hätten die USA nicht mitgemacht. Letztlich sind uns alle gefolgt.

ZDFheute: Ist Ihr größter Erfolg mittlerweile eine Niederlage, wenn sowohl Fridays for Future als auch das Bundesverfassungsgericht sagen: Die Unterschrift reicht nicht?

Hendricks: Das Klimaschutzabkommen ist so angelegt, dass wir in regelmäßigen Abschnitten unser Handeln überprüfen müssen. Zum ersten Mal Ende des Jahres. Deswegen hat ja die Europäische Union ihre Klimaziele noch einmal angehoben. Das Klimaschutzabkommen besagt: immer ehrgeiziger werden, nie schlechter werden dürfen. Das tun wir.

Bei der UN-Klimakonferenz vor fünf Jahren lag sich die Welt in den Armen: 197 Staaten, ein Ziel: Die Erderwärmung senken. Und nun?

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ZDFheute: Verstehen Sie Fridays for Future, die Grünen, die sagen: Wir müssen mehr machen?

Hendricks: Dass die jüngeren Menschen ungeduldig sind, verstehe ich wirklich gut. Ich bin dankbar, dass sie uns einen Anstoß gegeben haben. Das Pariser Abkommen haben wir 2015 abgeschlossen und 2016 unterzeichnet. Die gesellschaftliche Debatte hat sich aber erst in der zweiten Hälfte 2018 zu mehr Klimaschutz auch in Deutschland gewandelt. Das hat mit Fridays for Future zu tun, aber auch mit mehreren trockenen, heißen Sommern.

2015, 2016, 2017 hatte ich als Umweltministerin noch nicht viel gesellschaftliche Unterstützung, da waren noch nicht alle so weit.

Ich verstehe, dass die jungen Menschen ungeduldiger sind, ich finde aber, dass die Grünen sich daran halten sollten, was wir Anfang des Jahres in der CO2-Bepreisung auf den Weg gebracht haben. Da haben die Grünen im Bundesrat alle zugestimmt. Wenn sie jetzt sagen, das geht uns nicht schnell genug, dann ist das für eine seriöse Partei nicht korrekt.

Barbara Hendricks hat als Umweltministerin das Pariser Abkommen ausgehandelt. Dass Fridays for Future immer noch nicht zufrieden ist, versteht die SPD-Politikerin.

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ZDFheute: Demokratie ist mühsam. In welchem Zustand ist der Parlamentarismus? Hat sich etwas verändert, seitdem die AfD im Bundestag sitzt?

Hendricks: In der Tat. Ich sehe unsere Demokratie nicht gefährdet, Gott sei Dank. Wir haben genügend Menschen, die unsere Demokratie verteidigen. Aber es gibt eben auch viel mehr als früher, die die Demokratie angreifen. Und davon sind einige in den Parlamenten. Sicher sind nicht alle AfD-Abgeordneten Demokratieverächter, aber es gibt viele, die die Demokratie von innen aushöhlen wollen.

ZDFheute: Merkt man das an der Atmosphäre?

Hendricks: Auf jeden Fall. Das merkt an ihren Wortmeldungen, an den Inhalten, die sie auch im Netz verbreiten. Und AfD-Abgeordnete vergiften die Atmosphäre, weil sie nicht kollegial sind. Sie würdigen Kolleginnen und Kollegen aus anderen Fraktionen herab.

Man hört Beleidigungen, die habe ich in den 25 Jahren vorher nie erlebt.

ZDFheute: Sie sind Mitglied in zwei Organisationen, denen es nicht besonders gut geht: der SPD und der katholischen Kirche. Welche von beiden schafft es?

Hendricks: Beide schaffen es, davon bin ich absolut überzeugt. Ich bin als Kind getauft worden, das war keine freie Entscheidung, in diese Kirche zu gehen. Ich bin aber aus freier Entscheidung geblieben. Und ich bin aus freier Entscheidung in die SPD gegangen. Ich werde beide nicht verlassen. Es ist besser von innen zu arbeiten.

Barbara Hendricks war Ministerin, Abgeordnete und immer SPD-Politikerin und Katholikin. Aus beiden Organisationen würde sie nie austreten, sagt sie.

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Ich bin Mitglied im Zentralkomitee der Katholiken. Ich glaube, dass von da viele Impulse kommen, um die Kirche von innen zu verändern. Mit einem Teil der Bischöfe, nicht mit allen, und natürlich den Gläubigen. Und die SPD wird auch bestehen bleiben.

Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir bei der Bundestagswahl gut über den Durst und über die jetzigen Umfragewerte kommen.

ZDFheute: Bei der letzten war es mit 20,5 Prozent das historisch schlechteste Wahlergebnis der SPD, was schon viel mehr als die 14, 15, 16 Prozent sind, die jetzt in den Umfragen vorausgesagt werden.

Hendricks: Ich würde mir schon wünschen, dass am Ende eine Zwei vorne steht.

ZDFheute: Wie schwer fällt Ihnen der Abschied?

Hendricks: Ich bin jetzt 69 Jahre alt. Ich habe mit 23 Jahren mein Studium abgeschlossen. Schon bevor ich Abgeordnete wurde, habe ich ehrenamtlich viel gearbeitet. Im Schnitt vielleicht immer insgesamt zwölf Stunden, also eigentlich ein Drittel drauf. Dann reicht es auch. Nun ist gut.

Das Interview führte Kristina Hofmann.

Blick in den Bundestag.

Legislaturperiode läuft aus - "Es war eine Ehre": Abschied vom Bundestag 

Zeit zu gehen: Diese Woche noch, dann geht der Bundestag in die Sommerpause. Zwar läuft die Legislaturperiode weiter, aber ohne Sitzungen. Viele Abgeordnete nehmen Abschied.

von Kristina Hofmann
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