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Bürgerkrieg in Tigray : Äthiopien an der "Grenze zum Völkermord"

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Schwere Kämpfe, Massenvergewaltigungen, Massaker an Zivilisten: Der Bürgerkrieg in Äthiopien weitet sich aus. Vereinte Nationen, USA und EU finden keine Mittel, um zu schlichten.

Äthiopien, Tigray, Howzen: Ein Kämpfer der Tigray People's Liberation Front (TPLF) hält Wache.
Ein Kämpfer der Tigray People's Liberation Front (TPLF) hält Wache.
Quelle: ap

Es komme einem "Völkermord" nahe, was derzeit im Norden Äthiopiens geschehe, berichtet Joel O. Otieno, Analyst des Internationalen Horn-Instituts für Strategische Studien mit Sitz in Kenias Hauptstadt Nairobi.

Tausende Zivilisten sind ermordet worden, mehr als 1,7 Millionen aus ihrer Heimat vertrieben.
Joel O. Otieno, Analyst des Horn-Instituts

"Einige Berichte verweisen auf umfassende Menschenrechtsverletzungen, Massaker und Kriegsgräuel, die an Völkermord grenzen", sagt Otieno weiter. Eine Einschätzung, die Otieno mit Michelle Bachelet, der Hohen Kommissarin für Menschenrechte der Vereinten Nationen, teilt.

Zivilbevölkerung schutzlos ausgeliefert

Seit fast einem Jahr herrscht in Tigray im Norden Äthiopiens ein Konflikt, der sich inzwischen zu einem Krieg ausgewachsen hat, dem die sechs Millionen in der Region lebenden Menschen schutzlos ausgeliefert sind.

Etwa 400.000 Menschen leiden laut UN akut unter Hunger. Ernten wurden vernichtet, die spärlichen Vorräte der Bauern seien längst aufgebraucht, berichten Hilfsorganisationen.

Neue und alte Eliten kämpfen um die Macht im Land

Die Ursachen des Konflikts, der auf dem Rücken der Zivilbevölkerung ausgetragen wird, sind vielfältig. Im Kern geht es den Beteiligten aber schlicht darum, wer das Sagen hat in einem Land, mit stark wachsender Bevölkerung und derzeit bereits mehr als 112 Millionen Einwohnern.

Jahrzehntelang bestimmte die Elite der verhältnismäßig kleinen Volksgruppe der Tigray die Geschicke ganz Äthiopiens. Die Herrscher konnten sich einen starken wirtschaftlichen Aufschwung in einem der ärmsten Staaten der Welt zugutehalten. Kritiker, die ihnen Korruption vorwarfen, landeten jedoch hinter Gittern.

Regionaler Konflikt weitet sich aus

Nach seiner Wahl zum Ministerpräsidenten 2018 beendete Abiy Ahmed Ali die autoritäre Herrschaft. Er reformierte Wirtschaft und Politik, was zum Machtverlust der Tigray-Elite führte, die Abiy wiederum die Gefolgschaft versagte.

Die "militärische Operation", die Abiy im November 2020 begann, um "Recht und Ordnung" in Tigray wiederherzustellen, hat sich inzwischen zu einem Bürgerkrieg ausgewachsen, der auch Tigrays Nachbarregionen Amhara und Afar sowie die Region Oromia in Mitleidenschaft gezogen hat.

Karte, Äthiopien, Tigray
Karte, Äthiopien, Tigray
Quelle: ZDF

Nach jüngsten militärischen Erfolgen der "Volksbefreiungsfront von Tigray" (TPLF) herrscht in Äthiopiens Hauptstadt die Angst, dass die TPLF Addis Abeba erobern könnte.

Äthiopiens Nachbarn längst in Konflikt involviert

Etwa 80 Volksgruppen vereint Äthiopien. Im schlimmsten Fall könnte der Staat zusammenbrechen, befürchten die Analysten des kenianischen Horn-Instituts. Zudem herrscht dort die Sorge, dass der Konflikt die ganze Region destabilisieren könnte.

Längst sind einige äthiopische Nachbarn in den Konflikt involviert. So bekämpft eritreisches Militär an der Seite von Abiys Truppen die TPLF. Nach Angaben des Horn-Institutes versucht zudem der Sudan, der TPLF den Nachschub abzuschneiden. Als ein "drohendes Szenario" gilt zudem ein Einschreiten der Golfstaaten und einiger nordafrikanischer Staaten.

UN-Lebensmittelkonvois blockiert

Millionen Äthiopier, die unter der Eskalation des Konflikts leiden, haben derzeit wenig Aussicht auf Hilfe. Die UN sprechen von "der schlimmsten Hungerkrise seit einem Jahrzehnt" in Äthiopien und beklagen, dass derzeit nur etwa ein Zehntel der benötigten Lebensmittelhilfe in die umkämpften Regionen gelangt. Der Rest werde durch die äthiopische Regierung blockiert.

Analyst: Einfluss von UN, USA und EU "gering"

Kritik von UN-Generalsekretär António Guterres perlt an Äthiopiens Ministerpräsident bislang ab. Ebenso unbeeindruckt zeigt sich Abiy, der für seinen Friedensschluss mit Eritrea im Jahr 2019 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde, von Kritik der USA und Europäischen Union.

Als "gering" bezeichnet Edmond J. Pamba, Analyst des Horn-Instituts, deren Einfluss auf die Konfliktparteien

Möglicher EU-Beitrag zur "Fluchtursachenbekämpfung"

Um aus der "diplomatischen Sackgasse" herauszukommen sollten die internationalen Schwergewichte Pamba zufolge auch auf die Konfliktakteure Eritrea und Sudan einwirken und gegebenenfalls mit Hilfskürzungen, Handels- und Waffenembargos den Druck erhöhen.

Sanktionen würden die Dynamik des Konflikts verändern und ein Fenster für Waffenstillstand und Dialog in Äthiopien eröffnen.
Edmond J. Pamba, Analyst des Horn-Instituts

Mehr diplomatisches Engagement der EU empfiehlt auch Nicole Hirt vom Hamburger Giga-Institut für Afrika-Studien. Für die Politikwissenschaftlerin wäre dies ein konstruktiver Beitrag zur angestrebten "Fluchtursachenbekämpfung".

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