Sie sind hier:

Kämpfe in Provinz Tigray - Äthiopien: Wie kam es zur Eskalation?

Datum:

Der Konflikt in Äthiopien spitzt sich weiter zu, Tausende fliehen in Nachbarländer, Experten fürchten eine Destabilisierung der gesamten Region. Wie konnte es dazu kommen?

Mitglieder der Milizen der Region Amhara fahren mit ihrem Lastwagen auf dem Weg zur Volksbefreiungsfront Tigray (TPLF) in Sanja, Region Amhara, nahe der Grenze zu Tigray, Äthiopien, 9. November 2020
Mitglieder der Milizen der Region Amhara auf dem Weg zur Volksbefreiungsfront Tigray, Äthiopien.
Quelle: Reuters

Es begann an jenem Morgen, als die Welt gespannt auf die Ergebnisse der US-Wahl blickte: Nachdem die Volksbefreiungsfront von Tigray, die TPLF, in Äthiopiens Norden angeblich einen Stützpunkt des äthiopischen Militärs angegriffen hatte, reagierte Premierminister Abiy Ahmed mit militärischer Härte. Eine rote Linie sei überschritten worden, sagte der Friedensnobelpreisträger von 2019.

Berichte von Massaker, Tigray abgeriegelt

Seit Anfang November wird gekämpft in der Provinz Tigray. Die äthiopische Regierung führt Luftangriffe durch, es gibt Bodenkämpfe. Es soll bereits Hunderte Tote gegeben haben. Amnesty International berichtet von einem Massaker an Dutzenden, womöglich mehreren Hundert Menschen. Überprüfen lässt sich das alles nicht.

Seit Beginn der Militäroffensive sind das Internet und andere Kommunikationswege unterbrochen, die Provinz Tigray ist abgeriegelt. Es dringen nur wenig Nachrichten vom Kampfgeschehen nach draußen.

Karte von Eritrea und Äthiopien
Quelle: ZDF

Dabei ist Äthiopien ein atemberaubendes Land. Die Landschaften wunderschön, die Jahrhunderte alte Kultur beeindruckend, egal ob man in den Süden reist, etwa in die Region Kaffa, die Wiege des Kaffees, oder in den Norden nach Tigray.

Äthiopien: Viele Ethnien, viele Interessen

Als der junge Premierminister Abiy Ahmed im Frühjahr 2018 die Macht übernahm und im Rekordtempo demokratische Reformen durchführte und das Land öffnete, waren die Hoffnungen groß, dass die Nation mit der zweitgrößten Bevölkerung Afrikas eine bessere Zukunft vor sich hat, nach Jahren der Proteste gegen das damals repressive Regime. Abiy Ahmed, der selbst aus dem Staatsapparat stammt, wurde das von vielen zugetraut.

Aber es war auch klar, dass es schwierig werden würde, die unterschiedlichen Interessen im multi-ethnischen Staat Äthiopien auszubalancieren und zusammenzubringen. Dabei hat Abiy Ahmed Fehler gemacht, sagen Kritiker. Spannungen und Gewalt im Land nahmen zu, selbst innerhalb seiner eigenen Ethnie, den Oromo, schwand der Rückhalt.

Konflikt mit Volksgruppe der Tigray programmiert

Auch mit der Elite der Volksgruppe der Tigray, die jahrzehntelang Äthiopien politisch dominierte, bahnte sich früh ein Konflikt an. Durch Abiy Ahmeds Machtübernahme verlor die TPLF an Einfluss und Macht. Im September hielt die Regionalregierung unter Berufung auf die Verfassung gegen den Willen der Machthaber in Addis Abeba Regionalwahlen ab, obwohl die Wahlen landesweit wegen der Corona-Pandemie abgesagt worden waren. 

Seit Mitte vergangener Woche eskaliert dieser Konflikt nun militärisch. Abiy Ahmed möchte gerne den Eingriff einer präzisen, chirurgischen Militäroperation vermitteln, die schon bald zu Ende ist. Viele Beobachter, wie William Davison von der Crisis Group in Addis Abeba aber befürchten eine andere Entwicklung: "Die tigrayische Regionalregierung ist gut bewaffnet und es scheint, als würden einige Teile der nationalen Regierungseinheiten zur Regionalregierung halten."

Es sieht eher so aus, als könnte sich ein langwieriger und schmerzhafter Konflikt entwickeln.
William Davison

Tausende aus Tigray fliehen in Nachbarländer

Die Situation könnte in einen zähen Guerillakampf münden, sagen Beobachter. Schon jetzt sind offenbar Tausende in Tigray auf der Flucht, unter anderem in das Nachbarland Sudan. Internationale Hilfsorganisationen, die EU und die Vereinten Nationen befürchten eine humanitäre Katastrophe. Die Nahrungsmittelversorgung, Handel und Bankenwesen sind unterbrochen.

Der Konflikt könnte nicht nur Äthiopien, sondern die gesamte Region destabilisieren, vor allem die Nachbarländer Somalia und Südsudan. Eritrea, mit dem Abiy Ahmed 2018 Frieden schloss, könnte gar in den Konflikt eingreifen, so William Davison: "Eritrea hat eine lange gemeinsame Grenze mit Tigray und ein sehr feindliches Verhältnis zur dortigen Führung." Diese Feindseligkeit geht zurück auf den Krieg zwischen Eritrea und Äthiopien um das Jahr 2000.

Nun fordern unter anderem die Afrikanische Union und auch der deutsche Außenminister Heiko Maas Verhandlungen, um eine Lösung des Konflikts zu finden. Die aber lehnt Premier Abiy Ahmed bislang ab.

Äthiopiens Ministerpräsident Abiy hat Frieden mit Eritrea geschlossen und bekommt den Friedensnobelpreis. Doch in Äthiopien steigen die Spannungen und Abiy steht in der Kritik.

Beitragslänge:
2 min
Datum:
Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Zur Merkliste hinzugefügt! Merken beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um dir ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier kannst du mehr erfahren und hier widersprechen.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, kannst du jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigst du dein Ausweisdokument.

Du wechselst in den Kinderbereich und bewegst dich mit deinem Kinderprofil weiter.