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AfD-Aussteiger - "Habe ich das Zerstörerische bemerkt?"

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Zwei AfD-Aussteiger haben ein Buch geschrieben. Sie zeichnen das Bild einer sich selbstzersetzenden Partei - Lästereien, Hass und Rassismus brechen sich in Chats ihre Bahnen.

Archiv: Flaggen der AfD am 22.09.2018 in München
Die Machtkämpfe in der AfD gibt es seit ihrer Gründung - nun werfen zwei "Gemäßigte" das Handtuch.
Quelle: picture alliance / ZUMAPRESS.com

Rassistische Chats, Drogen auf der Herrentoilette, Selbstzersetzung und ein Eingeständnis von Jörg Meuthen - zwei junge AfD-Aussteiger haben ein Enthüllungsbuch geschrieben, das ihrer alten Partei drei Monate vor der Bundestagswahl nicht gerade helfen dürfte. Alexander Leschik und Nicolai Boudaghi zählten sich selbst zum "gemäßigten" Lager und berichten nun aus dem Seelenleben und den Hoffnungen der weniger Radikalen in der Partei.

Leschik sollte der AfD gegen den Verfassungssschutz helfen

Leschik erhielt kurz vor seinem Austritt im April noch einmal eine wichtige Aufgabe: Als Teil der Arbeitsgruppe Verfassungsschutz sollte er helfen, das Gutachten der Verfassungsschützer durchzugehen und argumentativ zu widerlegen - denn der AfD droht die Gesamtbeobachtung.

Leschik bekam also die vielen problematischen Aussagen seiner Kollegen auf den Tisch. Darin: Islamfeindlichkeit, Diktatur-Vergleiche, eine Forderung nach einer "Rückführung des gesamten politischen Systems". Leschik schreibt dazu: "Mir fehlt jede Idee, wie die Arbeitsgruppe Verfassungsschutz der AfD solche Aussagen entkräften will." Und:

Ich selbst bin nach dem Lesen der vielen Seiten einerseits erschrocken, dass ich so lange dabeigeblieben bin. Klar, ich habe innerhalb der AfD immer gegen die radikalen Kräfte angekämpft. Aber habe ich das Zerstörerische, das letztlich Zersetzende solcher AfD-Äußerungen tatsächlich immer bemerkt?
Alexander Leschik, Ex-AfDler

Auch wenn die AfD ihr Ziel, stärkste Kraft in Sachsen-Anhalt zu werden, nicht erreicht hat, ist das Ergebnis für die Partei ein Erfolg: Platz zwei hinter der CDU. Doch intern rumort es.

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29 min
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Leschik und Boudaghi zeichnen das Bild einer zerstrittenen Partei, deren Flügel sich unerbittlich gegenüberstehen - und von denen auch die "Gemäßigten" den Rechtsaußen in puncto Lästereien in nichts nachstehen. Georg Pazderski, Vorsitzender der Berliner AfD-Fraktion, schimpfte in einem Chat über den jetzigen Chef Tino Chrupalla und den Thüringer Rechtsaußen Björn Höcke:

Wir dürfen uns das Projekt AfD nicht von einem Malermeister und einem Sportlehrer kaputt machen lassen, dafür ist es viel zu wichtig für unser Land.
Georg Pazderski, Vorsitzender AfD-Fraktion Berliner Abgeordnetenhaus

Geradezu verächtlich spricht Pazderski über Mitglieder, die zum monatlichen Spartarif in der Partei sind. Er nennt sie "Jogginghosenträger" und "3K-Mitglieder: keine Zähne, keine Kohle, keine Bildung."

Uwe Junge, damals Fraktionsvorsitzender in Rheinland-Pfalz, stimmte mit ein und ätzte über "das grölende Stimmvieh ohne erkennbare Lebensleistung". Solche Aussagen dürften den Rechtsaußen in der Partei nun weiteres Futter geben. Pazderski will in den Bundestag - eine Zusammenarbeit mit Tino Chrupalla dürfte nicht gerade angenehmer werden.

Meuthen mit Eingeständnis gegenüber Verfassungsschutz

Für die Parteispitze pikant dürften auch die Aussagen von Parteichef Meuthen sein. AfD-Funktionäre stellen den Verfassungsschutz meist als "Handlanger der Bundesregierung" dar. Meuthen aber gibt - laut Buchautoren - in einem Zoom-Meeting unumwunden zu:

Es gibt ja Gründe, warum einige Landesverbände im Osten unter Beobachtung stehen und im Westen nicht. Das hat Gründe, und diese Gründe haben Namen. Das könnte man alles vermeiden, indem man eben das ein oder andere unterlässt.
Jörg Meuthen, AfD-Parteivorsitzender

Boudaghi: Drogen auf der Herrentoilette

Einen Blick auf die mittlerweile vom Verfassungsschutz beobachtete Parteijugend kann besonders Boudaghi geben, der im September 2020 aus der Partei ausgetreten ist. Er war stellvertretender Chef der Jungen Alternative.

Auszüge aus einer Chatgruppe zeigen den Hass und den Umgangston der JA-ler untereinander: "Heil Höcke, Kameraden", schrieb einer in Anspielung auf den Rechtsaußen Björn Höcke. Hitlerbilder wurden verschickt, ein Bürgerkrieg als "hilfreich" befunden, ein Mann, der einen "Türken verprügelt hat", verherrlicht.

Extreme Szenen beobachtete Boudaghi auch auf Parteitagen der Jugend. Er berichtet von einem Foto, das auf der Herrentoilette entstanden sein und Reste eines weißen Pulvers zeigen soll.

Mehl jedenfalls dürfte niemand an diesem Ort benutzt haben,

schreibt er lapidar.

Leschiks und Boudaghis Eltern sind nach Deutschland geflohen - Boudaghis Vater stammt aus dem Iran. Auf einen Stimmzettel schrieb ein JA-Mitglied "Boudaghi ins Gulag". Dennoch engagierten sich beide weiter in der Partei - auch, um - wie sie sagen - gegen die immer stärker werdenden rechtsextremen Kräfte zu kämpfen, die auch "Gemäßigte" radikalisierten. Einen Kampf, den sie nun für verloren halten.

Der Milliardär Henning Conle soll mehr Geld als bisher bekannt an die AfD geschleust haben. Das behauptet die frühere AfD-Chefin Frauke Petry gegenüber Frontal21 und CORRECTIV.

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4 min
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Wie viel ist Nachtreten, wie viel echter Appell?

Bücher von AfD-Aussteigern gibt es mittlerweile einige, es könnte ein eigenes Genre werden. Neben Franziska Schreiber, die als junge Frau in der Partei schnell aufgestiegen war, hat vor Kurzem auch Frauke Petry ein Buch veröffentlicht, in dem sie Details zu mutmaßlich illegalen Parteispenden aus der Schweiz offenlegt. Sie hat darüber exklusiv mit dem ZDF und Correctiv gesprochen.

Buchverträge bringen immer auch Geld. Wie viel von Leschiks und Boudaghis Zeilen echter Appell, wie viel ein Nachtreten ist, lässt sich nur mutmaßen. Leschik ruft am Ende sogar indirekt dazu auf, die AfD nicht zu wählen:

Vielleicht helfen unsere Erfahrungen und Einblicke ja, wenn jemand überlegt, sich für die AfD zu engagieren oder ihr seine Stimme zu geben.
Alexander Leschik, Ex-AfDler
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