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Die USA und Afghanistan - Das Ende eines Selbstbetrugs

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Der US-Abzug aus Afghanistan ist das Ende eines Selbstbetrugs: Denn trotz gegenteiliger Behauptungen lief der internationale Einsatz von Beginn an schlecht.

Kommentar: Theveßen / Biden
ZDF-Korrespondent Elmar Theveßen kommentiert Joe Bidens Rede an die Nation.
Quelle: ZDF/ap

Es ist nicht gut, eine Rede an die Nation mit einer Lüge zu beginnen, aber Joe Biden tat genau dies: "Unsere Mission in Afghanistan sollte niemals 'Nation Building' sein. Es sollte nie eine einheitliche, zentralisierte Demokratie sein." Wenn das stimmte, hätten sich die USA und ihre Verbündeten unzählige Milliarden von Dollar sparen können und - viel wichtiger - Tausende von Toten und Verletzten, die genau dafür ihr Leben opferten - "Nation Building".

Bei seiner Rede zur Lage der Nation am 28. Januar 2003 sprach George W. Bush folgende Worte: "In Afghanistan haben wir dabei geholfen, ein unterdrücktes Volk zu befreien. Und wir werden ihnen weiter dabei helfen, ihr Land zu sichern, ihre Gesellschaft wieder aufzubauen und all ihre Kinder zu erziehen, Jungen und Mädchen."

Die Machtergreifung der Taliban in Afghanistan schadet dem Ansehen der USA als Führungsmacht. US-Präsident Biden verteidigte jedoch die Entscheidung, die Soldaten abzuziehen.

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In Afghanistan lief es von Beginn an schlecht

Verrückterweise war auch das eine Lüge, besser gesagt, Selbstbetrug, wie sich in den Folgejahren herausstellen sollte. Denn die Verbündeten, einschließlich Deutschland, gaukelten den Menschen in ihren Ländern vor, dass es gut laufe in Afghanistan.

Nach fast 20 Jahren NATO- und Bundeswehr-Einsatz wurde Afghanistan von den Taliban fast im Handumdrehen erobert. Ein Überblick über den Einsatz am Hindukusch.

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Das Gegenteil war der Fall, gleich von Beginn an. Viele der Hilfsmilliarden versickerten in dunklen Kanälen, landeten in den Taschen korrupter Politiker. Nicht jeder, der Ämter innehatte in Afghanistan, war korrupt, aber doch viele. Freiheit, Bildung, Beteiligung an der politischen Willensbildung, Frauenrechte, das alles gab es, aber fast ausschließlich in den urbanen Zentren, nicht draußen in weiten Teilen des Landes, wo die Hilfen nicht ankamen und die Nato-Truppen bis heute als Besatzungsmacht gesehen wurden, nicht als Partner und Freunde.

International und national wird der Nato-Einsatz in Afghanistan massiv kritisiert. Auch die Bundesregierung steht im Fokus der Vorwürfe, sie habe zu spät reagiert.

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Afghanistan wurde seiner besten Talente beraubt

Selbst die Vereinten Nationen verhinderten trotz aller gutgemeinten Hilfsmaßnahmen eine zukunftssichere Entwicklung des Landes, weil sie mit Unmengen von Geld die Tatkräftigsten und Klügsten in der afghanischen Bevölkerung anheuerten und damit Verwaltung und Wirtschaft Afghanistans der besten Talente beraubten.

Solche Talente, mit standfestem Charakter, bereit zur Verteidigung fehlten auch in den afghanischen Streitkräften. Viele Kommandeure machten sich die Taschen voll, während ihre Soldaten monatelang auf ihren Sold, bessere Ausrüstung, nicht selten auch auf eine anständige Verpflegung an der Front warten musste.

Todesangst und Sorge um Freiheiten - wie sieht die Zukunft der afghanischen Frauen nach der Eroberung der Taliban aus? ZDFheute live ordnet ein und spricht mit Betroffenen.

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Eingeständnis des eigenen Versagens

Und weil all das so war, enthielt Joe Bidens Rede am Tag nach dem Fall von Kabul - abgesehen von der ersten Lüge - auch viel Wahres:

Wir müssen ehrlich sein - unsere Mission in Afghanistan hatte viele Fehler über die letzten zwei Jahrzehnte.
US-Präsident Joe Biden

Es ist ein Eingeständnis des eigenen Versagens, aber gleichzeitig auch die Einsicht, dass Afghanistan sich niemals eignete als Paradebeispiel für gelungene Demokratisierung. Dass sich eine Armee von 300.000 Soldaten trotz bester Ausrüstung und angeblich großartigen Trainings angesichts von 75.000 Taliban-Kämpfern in Luft auflöste, ist der eindrucksvollste Beleg, dass Joe Biden Recht hat:

"Amerikanische Soldaten können und sollten nicht in einem Krieg kämpfen und sterben, in dem afghanische Truppen selbst nicht kämpfen wollen. (…) Wir haben ihnen jede Chance gegeben, ihre eigene Zukunft zu bestimmen. Was wir ihnen nicht geben konnten, war der Wille, für diese Zukunft zu kämpfen."

Markus Grotian erreichen derzeit 400 bis 500 Nachrichten von Ortskräften in Afghanistan, "denen wir nicht mehr helfen können". Er war selbst als Soldat in Afghanistan und sagt: 80 Prozent von ihnen werden zurückgelassen.

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Abzug stößt bei Amerikanern auf Zustimmung

Der Abzug aus Afghanistan stößt auf überwältigende Zustimmung in der amerikanischen Bevölkerung, auch wenn die Empörung über das Wie, diese schrecklichen Bilder aus Kabul, viele Amerikaner umtreibt. Der Präsident nannte die Szenen "herzzerreißend" und fuhr fort:

Die Wahrheit ist, es hat sich schneller so entwickelt, als wir erwartet hatten.
US-Präsident Joe Biden

Joe Biden trägt für das Leid der Menschen die Verantwortung. Sie wird ihn verfolgen, wenn Afghanistan unter den Taliban wieder in ein menschenverachtendes Unrechtsregime mutiert.

Joe Biden beendet Selbstbetrug

Aber auch das gehört zur Wahrheit dazu: Die US-Regierung kehrt zu einer Haltung zurück, die auch zahlreiche ihrer europäischen Verbündeten, einschließlich die Bundesregierung, im Umgang mit vielen Unrechtsregimen dieser Welt pflegen - politisch-moralische Verurteilung ohne jede Bereitschaft zur militärischen Intervention: "Ich stehe kerzengerade hinter meiner Entscheidung", so der US-Präsident.

"Ich weiß, diese Entscheidung wird kritisiert werden, aber ich nehme lieber all diese Kritik in Kauf, als diese Entscheidung einem anderen Präsidenten der Vereinigten Staaten weiterzureichen - wieder einem anderen, dem fünften." Joe Biden beendet damit einen Selbstbetrug, dem Amerika und seine Verbündeten viel zu lange aufgesessen sind.

Tragödie, Debakel, Totalversagen - die Kritik am chaotischen Ende des Afghanistan-Einsatzes ist immens. Tausende warten auf ihre Rettung. Auf dem Flughafen in Kabul herrscht Chaos.

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