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Ex-BND-Chef über Afghanistan - "Die Entwicklung kam nicht aus dem Nichts"

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"Wer sehen wollte, der konnte sehen" - der frühere BND-Chef Gerhard Schindler über die Fehleinschätzung der Politik zur Entwicklung in Afghanistan und wie es besser laufen könnte.

Welche Verantwortung trägt die Bundesregierung für das Scheitern des Westens in Afghanistan? Die Opposition fordert Rücktritte der verantwortlichen Minister.

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ZDFheute: Herr Schindler, Haben Sie eine Erklärung für das Erstaunen, das Entsetzen über die Entwicklung in Afghanistan?

Gerhard Schindler: Ich glaube, die Erkenntnislage zu Afghanistan war gar nicht so schlecht. Die Behauptung, dass man jetzt überrascht sei, die überrascht mich. Denn die jetzige Entwicklung kam ja nicht aus dem Nichts. Sie hat sich langsam aufgebaut, und wer sehen wollte, der konnte sehen - im Übrigen in den letzten Tagen auch ohne, dass man Geheimdienstinformationen gebraucht hätte.

ZDFheute: Die Geheimdienste sind das eine. Das andere sind die, die von ihnen beliefert werden. Wie beurteilen Sie den Umgang der Politik mit der Situation in Afghanistan?

Schindler: Als Erstes muss man mal festhalten: Die Behauptung, dass der Bundesnachrichtendienst oder die westlichen Nachrichtendienste einen erheblichen Teil der Schuld an der jetzigen Situation tragen, hat sich ja offensichtlich als falsch erwiesen. Ich denke, die Probleme lagen weniger in der Berichterstattung, vielmehr in der Wahrnehmung der Berichterstattung auf der Empfängerseite, aber auch in der Krisenbewältigung selbst und den Entscheidungen hierzu.

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ZDFheute: Welche Probleme vermuten Sie da auf der Empfängerseite - was hat man da falsch gemacht?

Schindler: Das Phänomen ist eigentlich nicht neu. Ich kann mich gut erinnern an das Jahr 2014, an den raschen Vormarsch der damaligen Terrororganisation IS im Nordirak und die Eroberung der Stadt Mossul, die ja für viele überraschend kam.

Der Bundesnachrichtendienst berichtet und berichtet, aber die schrittweise Eskalation der Lage vor Ort wird von der Empfängerseite nicht wahrgenommen oder kaum wahrgenommen, aus welchen Gründen auch immer.

ZDFheute: Hat man sich die Situation schöngeredet - oder schöngelesen?

Ex-BND-Chef Gerhard Schindler. Archivbild
Ex-BND-Chef Gerhard Schindler. Archivbild
Quelle: Bernd von Jutrczenka/dpa

Schindler: Ich glaube, man braucht eine stärkere Vernetzung der Berichterstattung des Bundesnachrichtendienstes mit der Empfängerseite - und zwar durch ein Szenarienmodell: Das könnte so aussehen, dass man gleich zu Beginn einer Krise mindestens zwei Szenarien festlegt. Nämlich eines, dass die wahrscheinlichste Entwicklung darstellt, und eines, das die schlimmste Entwicklung darstellt, den worst case. Und anhand dieses Szenarienmodells muss man dann regelmäßig feststellen: Wo befinden wir uns gerade? Auf dem Weg des wahrscheinlichsten Falls oder des schlimmsten Szenarios? Mit einem solchen Szenarienmodell ist man gezwungen, auch solche Entwicklungen zu bedenken und zu beplanen, die man eigentlich gar nicht haben will oder die man sich am liebsten wegdenken will, nämlich den schlimmsten Fall.

ZDFheute: Keines der bislang kritisierten Ministerien hat sich mit Ruhm bekleckert, aber die Fäden laufen doch im Kanzleramt zusammen. Was ist dort falsch gelaufen?

Schindler: Ich denke, es wird sicher wichtig sein, nach dieser Krise einmal zu beurteilen - wo lagen die Sollbruchstellen, wo können wir besser werden für die Zukunft? Ich glaube, dass auf jeden Fall ein Nationaler Sicherheitsrat, den ich bereits im letzten Jahr vorgeschlagen habe, ein wichtiges Modul wäre, die Krisenfrühwarnerkennung, aber auch die Krisenbewältigung der Bundesregierung zu verbessern.

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ZDFheute: Was könnte ein solcher Nationaler Sicherheitsrat besser als das, was das Kanzleramt geleistet hat?

Schindler: Ein Nationaler Sicherheitsrat müsste natürlich im Detail ausgestaltet werden. Aber ich glaube, es ist ganz wichtig, dass so ein Nationaler Sicherheitsrat einen eigenen Unterbau hat, wo Analysen betrieben werden. Und zwar nicht nur singulär auf der Basis der Informationen des Bundesnachrichtendienstes, sondern auf der Basis aller Quellen - des Auswärtigen Amtes, der Militärattachés, und und und. Also eine ganzheitliche Sicht der Dinge und ich glaube, eine solche ganzheitliche Sicht der Dinge, die kann ein solcher Nationaler Sicherheitsrat besser leisten als die derzeitige Struktur in der Bundesregierung.

ZDFheute: Mit anderen Worten: Das hat nicht stattgefunden?

Schindler: Das muss man überprüfen, inwieweit das stattgefunden hat, das kann ich von außen so schlecht beurteilen.

ZDFheute: Wagen Sie eine Prognose, wie das weitergeht? In Afghanistan, mit Afghanistan? Was können wir aus dieser Situation für die nächsten Entscheidungen lernen?

Schindler: Ich würde daraus zwei Dinge lernen - erstens: Wir brauchen dieses Szenarienmodell beispielsweise jetzt für Mali, um zu schauen, wie entwickelt sich dort die Lage, was ist der schlimmste Fall und wie sind wir darauf vorbereitet? Das wäre das Eine. Und der zweite Punkt wäre, dass wir nicht in ein Wunschdenken verfallen, was die Taliban und die Umsetzung ihrer Ideologie in Afghanistan anbelangt. Im Vertrag mit den Amerikanern im April diesen Jahres ist keine Rede von Frauenrechten oder von Menschenrechten, und ich kann nicht erkennen, warum die Taliban sich anders gerieren sollten als nach ihrer ersten Machtübernahme. Wer Jahrzehnte kämpft, um seine Ideologie siegen zu lassen, warum soll der plötzlich human und gemäßigt werden? Also:

Kein Wunschdenken ist ganz wichtig.

Das Interview führte Klaus Brodbeck, ZDF-Hauptstadtstudio

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