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Warnungen vor Sturm auf Kabul - Bundesregierung unterschätzte Taliban-Vorstoß

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Die Taliban haben Afghanistan überrannt - vom Tempo überrascht war auch die Bundesregierung. ZDFheute-Recherchen zeigen, wie lange Ministerien die Lage falsch eingeschätzt haben.

Seit Juni warnte die deutsche Botschaft in Kabul vor dem Vorrücken der Taliban. Die Grünen stellten einen Antrag für eine schnelle Evakuierung. SPD, Union und AfD lehnten ab. Wieso kommt die deutsche Hilfe erst jetzt?

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Die Taliban haben Afghanistan eingenommen - in nur wenigen Wochen. Das Bundesinnenministerium hat mit solch einem rasanten Durchmarsch nicht gerechnet. Auch das Auswärtige Amt hat die Lage optimistischer eingeschätzt.

Zu lange blieben die Ministerien untätig. Sieht man, wie sich in den letzten Stunden am Flughafen Kabul verzweifelte Menschen an startende Flugzeuge klammern, bleibt die Frage, ob man das hätte verhindern können.

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Auswärtiges Amt: Kabul werde "nicht so schnell fallen” 

Am Freitag um 15.30 Uhr unterrichtet das Auswärtige Amt in einer Telefonschalte die Obleute von Verteidigungs- und Auswärtigem Ausschuss.  

Bijan Djir-Sarai, außenpolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, berichtet ZDFheute: "Die Einschätzung des Auswärtigen Amtes war: Kabul werde nicht so schnell wie die anderen Städte in den Provinzen fallen, stattdessen werde es ein langer Kampf werden. Was für eine Fehl-Einschätzung!"

Nachdem die Taliban am Wochenende auch die afghanische Hauptstadt erobert haben, versuchen Tausende aus dem Land zu fliehen. Am Flughafen in Kabul herrscht Chaos und die Lage verschlechtert sich dramatisch und viel schneller, als erwartet worden war.

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Auch im Bundesinnenministerium war am Freitagabend noch die vorherrschende Meinung: Mit einem Angriff auf Kabul sei erst zu rechnen, wenn die US-Amerikaner ihre Truppen vollständig abgezogen hätten, wie das ZDF erfuhr. Der US-Militäreinsatz sollte am 31. August enden.

"Bundesregierung hat keinen Kontakt zur afghanischen Regierung" 

In der Telefonschalte von Freitag ging es auch um die diplomatischen Beziehungen. "Mitglieder der Bundesregierung haben seit Beginn der Offensive keinen einzigen Kontakt mit der afghanischen Regierung gesucht, wurde uns berichtet”, sagt der außenpolitische Sprecher der Grünen, Omnid Nouripour.

"Man hätte auch mal auf die Idee kommen können, die afghanische Regierung zu kontaktieren und zu fragen, was Ghanis Plan ist, wenn Kabul umstellt ist", so FDP-Außenpolitiker Djir-Sarai. 

Ignorierte die Politik Warnungen der Botschaft in Kabul? 

Schon seit Langem gewarnt hatte dagegen die deutsche Botschaft in Kabul. Laut "ARD” schrieb der stellvertretende Botschafter Jan-Hendrik van Thiel am Freitag in seinem Lagebericht, "dass den dringenden Appellen der Botschaft über längere Zeit erst in dieser Woche Abhilfe geschaffen" worden sei. ZDFheute wurde das aus Kreisen bestätigt. 

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Dass sich die Botschaft in Kabul mehrfach vergeblich um Hilfe für bedrohte Ortskräfte bemüht hatte, bestätigte ZDFheute auch eine Person aus dem Umfeld der Botschaft. Wochenlang seien ohne Ergebnis Flugzeuge angefordert worden. 50 bis 70 Deutsche und Tausende Ortskräfte seien aktuell noch in Kabul gestrandet. 

Sonntag: Rettung der Botschafts-Mitarbeiter, Präsident Ghani flieht 

Erst am Sonntag zieht Außenminister Heiko Maas (SPD) die Notbremse und kündigt an, Botschafts-Mitarbeiter ausfliegen zu lassen. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich der afghanische Präsident Ashraf Ghani bereits ins Ausland abgesetzt, die Taliban marschieren in Kabul ein.

Nicht nur die Bundesregierung lag mit ihrer Einschätzung falsch. Am 9. Juni sagte Außenminister Maas noch im Bundestag:

All diese Fragen haben ja zur Grundlage, dass in wenigen Wochen die Taliban das Zepter in Afghanistan in der Hand haben werden. Das ist nicht die Grundlage meiner Annahmen.
Außenminister Heiko Maas

Auch US-Präsident Joe Biden betonte noch am 8. Juli in einer Pressekonferenz, er glaube nicht, dass es unausweichlich sei, dass die Taliban die Macht übernehmen würden.

Für die Rückholung von EU-Bürger*innen aus Afghanistan und auch für den Umgang mit dem erwarteten Flüchtlingsaufkommen gibt es bislang keine gemeinsame Strategie der EU.

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Experte: "Spätestens im Juli war Kaskade erkennbar" 

Experten war dagegen schon lange klar, dass sich in Afghanistan etwas zusammenbraut: Es habe eine wachsende Beschleunigung der Gebietsverluste gegeben, betont Prof. Hans-Joachim Giessmann von der Berghof-Foundation, die direkt in die Verhandlungen mit den Taliban in Doha eingebunden war. "Spätestens seit Juli war das Muster einer Kaskade zu erkennen.” 

Die Republik Afghanistan wurde nicht besiegt, sie ist einfach umgepustet worden, wie ein Kartenhaus zusammengefallen.
Prof. Hans-Joachim Giessmann, Berghof-Foundation

Thomas Ruttig vom Afghanistan Analysts Network sagte ZDFheute: "In der Praxis war sichtbar, dass die Bundesregierung bis zuletzt die Lage völlig unterschätzte - bis es zu spät war." Typisch sei die Äußerung von Maas am Sonntag gewesen, dass man nun Schritte zur Evakuierung unternehme - zu einem Zeitpunkt, "als die afghanische Regierung schon zusammengebrochen und am Flughafen Kabul schon Chaos ausgebrochen war."

Die Fehleinschätzungen zu Afghanistan könnten am Mittwoch den Auswärtigen Ausschuss beschäftigen. Eine Sondersitzung, zu der auch Außenminister Maas erwartet wird, wurde beantragt.

Eine vollständige Chronologie der Ereignisse in Afghanistan finden Sie hier:

Chronologie zu Afghanistan - Truppen ziehen ab, Taliban rücken vor 

Seit Beginn des Abzugs der internationalen Truppen aus Afghanistan hat die Regierung die Kontrolle das Land rasend schnell verloren. Eine Chronologie der Ereignisse.

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