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Interview

Über Zustände in Afghanistan - Bundeswehrsoldat: "Es ist der blanke Horror"

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Seine Eltern flohen einst aus Afghanistan, er selbst ist in Deutschland geboren und bei der Bundeswehr, diente in Afghanistan. Ein Soldat über Erlebnisse, Frust und Hoffnung.

Zwei bewaffnete Soldaten in Dienstkleidung und Ausrüstung laufen durchs Feldlager in Kundus un Afghanistan.
Feldlager Kundus in Afghanistan (Archivbild) -
Quelle: dpa/Michael Kappeler

Harun Shah (Name von der Redaktion zum Schutz des Interviewpartners geändert) ist in Deutschland geboren und aufgewachsen. Er spricht fließend Dari, seine Eltern stammen aus Afghanistan und sind Mitte der 1980er Jahre von Kabul nach Deutschland emigriert. Sein Beruf: Hauptfeldwebel bei der deutschen Bundeswehr.

Sechs Mal war Shah in Afghanistan vor Ort im Einsatz. Im ZDFheute-Interview schildert er, wie die Bundeswehr das Heimatland seiner Eltern verlassen hat, was sein Einsatz bewirkt hat und was den Ortskräften jetzt droht.

ZDFheute: Warum sind Ihre Eltern Mitte der 1980er Jahre aus Afghanistan nach Deutschland emigriert?

Harun Shah: Die Lage damals war ähnlich zu der jetzigen Lage, dass sich die Schlinge um die Hauptstadt Kabul, woher meine Eltern stammen, immer enger gezogen hat und eine Flucht die einzige Option war sicherzugehen, dass man überlebt.

Man muss es einfach deutlich benennen: Es ist der blanke Horror, was da vor sich geht.
Harun Shah

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ZDFheute: Welches Afghanistan kannten Sie von Ihren Eltern und welches Land trafen Sie als Soldat an?

Shah: Alles, was ich vor meinem Einsatz von Afghanistan wusste, kannte ich aus Erzählungen meiner Familie: ein Land, das vor 1979 friedlich war, wo Menschen - Frauen vor allem - frei leben konnten, nach westlichen Vorbildern. Ich denke an Videoaufnahmen von der Hochzeit meiner Eltern in den 80er Jahren in Kabul - das hätte auch in Paris sein können. Die Eindrücke, die ich dann als Soldat im ISAF-Einsatz [International Security Assistance Force] hatte, waren natürlich unter ganz anderen Voraussetzungen.

Zwischen der Migration meiner Familie und meinem ersten Einsatz lagen über 20 Jahre - und eine dunkle Ära der Taliban-Herrschaft. Das heißt, die Infrastruktur vor Ort war um Jahrzehnte zurück gebombt und bei unserem ISAF-Einsatz herrschten bürgerkriegsähnliche Zustände.

Diese Generationen, die ich dort zum ersten Mal getroffen habe, ob Jung oder Alt, haben nichts anderes erlebt als Krieg und kriegsähnliche Zustände. Das war nicht das Land, von dem mir meine Eltern erzählt hatten.

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ZDFheute: Wie haben Sie die Menschen vor Ort zu Beginn des Einsatzes erlebt?

Shah: Es herrschte eine Aufbruchstimmung, eine Art Euphorie in der Bevölkerung, weil man eben das erste Mal seit Jahren der Taliban-Herrschaft das Gefühl hatte, man kann sich draußen frei bewegen. Man musste sich als Mann keine Gedanken machen, ob der Bart lang genug ist, ob man möglicherweise ausgepeitscht wird, wenn man auf die Straße geht. Gerade in großen Metropolen wie Kabul gab es schon so eine Art Jugendkultur nach westlichem Vorbild, zum Beispiel junge Frauen, die Skateboard fuhren.

ZDFheute: Hat sich Ihre Einstellung während des Einsatzes geändert?

Shah: Vor meinem ersten Einsatz hatte ich noch ein sehr idealistisches Bild. Sicherlich auch wegen der Aufregung: Das erste Mal war ich in dem Land meiner Eltern, das ich nur aus Erzählungen kannte. Dann auch noch in Uniform: Man will ja etwas dazu beitragen, dauerhaft für Sicherheit und Frieden sorgen. Im Laufe der Einsätze bin ich pragmatischer geworden. Ich will nicht sagen, dass eine Ernüchterung einkehrte, aber man sieht schon, dass die Mühlen sehr langsam mahlen. Du kannst nicht mit einem Einsatz alles ändern, auch nicht mit zwei.

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ZDFheute: Kam der aktuelle Vormarsch der Taliban für Sie überraschend?

Shah: Der Vormarsch der Taliban war nicht nur vorhersehbar, das war vollkommen sicher. Nur dass es so schnell geht, das hat, glaube ich, alle überrascht, vor allem das Tempo der letzten sechs, sieben Tage.

ZDFheute: Wieso konnten die Taliban so schnell voranschreiten?

Shah: Die Struktur innerhalb der afghanischen Streitkräfte ist alles andere als homogen, vor allem bezüglich verschiedener Ethnien. Das ist eine ureigene, afghanische Problematik, und das zieht sich natürlich auch durch die Streitkräfte.

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Aber dazu muss man auch sagen: Eine richtige Führungsstrategie hat dort nie Einzug gehalten. Wenn man sieht, dass führende, afghanische Militärs ihren Posten verlassen innerhalb der letzten Tage und auch der Staatspräsident in ein Flugzeug steigt, das ihn außer Landes bringt, kann ich natürlich auch nachvollziehen, dass sich der einzelne Soldat denkt: Wofür kämpfe ich hier eigentlich? Stelle ich mich jetzt gegen die Taliban und gehe in den sicheren Tod - denn es ist gewiss, dass ich keine großartige Unterstützung bekomme - oder gebe ich auf und gehe zu meiner Familie in der Hoffnung, dass ich am Leben gelassen werde und meine Familie ebenso?

ZDFheute: Was sagen Sie zu dem Umgang mit den Ortskräften?

Shah: Welches Bild gibt das denn nach außen ab? Wir haben ja noch weitere Einsatzgebiete, zum Beispiel Mali.

Welches Signal sendet dieser Abzug und das Im-Stich-Lassen der Ortskräfte an andere Einsatzgebiete und Ortskräfte?
Harun Shah

Jede Ortskraft in einem anderen Land muss sich nach diesen Bildern doch fragen: Kann ich darauf vertrauen, dass mein Arbeitgeber das, was er hier verspricht - mich im Falle eines Falles zu retten und zu unterstützen - wirklich tun würde?

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Die Ortskräfte haben uns auf allen möglichen Ebenen unterstützt - wenn es sein musste auch im Gefecht. Es sind Menschen, die der Gefahr genauso ausgesetzt waren wie wir. Und da unterscheidest du nicht, ob dein Nebenmann jetzt bei der Bundeswehr angestellt ist oder bei einem Subunternehmen.

Ihnen droht der Tod - nicht mehr und nicht weniger.
Harun Shah über die zurückgelassenen Ortskräfte

Aufgrund dessen, dass sie in den Augen der Taliban Landesverräter sind, und zwar wegen der Zusammenarbeit mit uns - und mit uns meine ich nicht nur die Bundeswehr oder die Nato. Es gibt sämtliche Institutionen, die dort vor Ort sind: Das Auswärtige Amt, die Polizei, alle ausländischen Institutionen waren auf Ortskräfte angewiesen. Fast all diese Ortskräfte werden im Stich gelassen. 

Das Interview führte Jenifer Girke.

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