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Interview

Afghanische Diaspora in Russland - "Keine militärische Lösung" für Afghanistan

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1992 sind viele Afghanen nach einem Machtwechsel aus ihrem Land geflohen. Einer von ihnen ist Gulam Dschalal - heute Präsident des Zentrums der Afghanistan-Diaspora in Russland.

Afghanen vor dem Gelände des Flughafens am 26.08.2021 in Kabul
Dichtes Gedränge vor dem Flughafen in Kabul
Quelle: AP

Sie wissen genau, wie sich die Mitarbeiter der letzten afghanischen Regierung fühlen, seitdem die Taliban jetzt wieder an der Macht sind: Afghaninnen und Afghanen, die 1992 aus ihrem Land nach Moskau flohen, nachdem die damalige Regierung um Präsident Najibullah gestürzt worden war - für die sie zuvor gearbeitet hatten - so wie General Gulam Mohammad Dschalal, der heute Präsident des Zentrums der Afghanistan-Diaspora in Russland ist.

ZDFheute: Wann und unter welchen Umständen haben Sie Afghanistan verlassen?

Gulam Dschalal: Die Taliban waren 1996 an die Macht gekommen, und die Mudschahedin – 1992. Ich kam nach Russland, nachdem 1993 auf mich ein Anschlag verübt worden war. Danach wandte ich mich an die Botschaft Russlands in Islamabad, da in Kabul nichts arbeitete und es keinerlei Botschaften gegeben hatte. Ich fuhr nach Islamabad und wandte mich an die Botschaft Russlands, da ich in der UdSSR, in Sankt Petersburg studiert hatte. Man gab mir ein Visum, und ich kam hierher.

ZDFheute: War es damals schwierig, das Land zu verlassen? Wie sieht die Situation heute aus?

Gulam Dschalal: Damals waren die Grenzen nicht so stark geschlossen wie heutzutage. Damals gelangten die Afghanen vor allem über die zentralasiatischen Länder und Pakistan nach Russland. Viele Menschen sind hierhergekommen, Frauen, Kinder, alte Menschen. Damals war der Terrorismus nicht so in der ganzen Welt verbreitet, und es war leichter, ein Visum zu bekommen. Mit Visa sind damals viele Afghanen über Tadschikistan und Usbekistan ausgereist. Besonders schwierig war das nicht, es gab kein Chaos. Die Straßen waren nicht blockiert.

Damals und heute, dies sind unterschiedliche Situationen.

Über Tadschikistan oder Usbekistan könnten sowohl Waffen als auch Terroristen nach Russland kommen. Für Moskau dürfte jetzt der Schutz davor höchste Priorität haben.

Beitragslänge:
2 min
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ZDFheute: Worin sehen Sie den Unterschied zwischen der heutigen Situation und dem Machtantritt der Taliban 1996?

Gulam Dschalal: Ein ernsthafter Unterschied zur damaligen Situation sind sowohl das Chaos als auch der rasante Fall der Regierung. So etwas hat es früher nicht gegeben. Dies ist das erste Mal in der Geschichte Afghanistans. Es hatte sich stets etwas verändert, das hatte aber Zeit gedauert.

Dass aber das gesamte System innerhalb einer Woche zusammengebrochen ist, wie Glas, so etwas hatte es nicht gegeben.

ZDFheute: Warum herrschte solch eine Panik im Flughafen von Kabul?

Gulam Dschalal: Die Aufregung ist durch zwei Kategorien von Menschen ausgelöst worden: Die ersten sind jene, die mit den Koalitionsbehörden gearbeitet hatten – Dolmetscher, technische Kräfte usw. Und ihre Familien. Die Aufregung haben auch die Erklärungen einiger westlicher Länder befeuert, dass 'wir bereit sind, das Personal, das mit uns gearbeitet hat, und ihre Familien außer Land zu bringen.

Die zweite Kategorie: In Afghanistan haben im Verlauf von zwanzig Jahren alle nur als Dienstleister gearbeitet. Es wurde überhaupt kein Fundament für die Wirtschaft angelegt, nicht eine Produktionsstätte errichtet, wo zumindest 1.000 Menschen hätten arbeiten können.

  

In Afghanistan herrscht derzeit eine absolute Armut. Nichts funktioniert. Die Produktion ist in den letzten 20 Jahren komplett zum Stillstand gekommen. Dies ist die bittere Wahrheit.
Konflikt in Afghanistan.

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ZDFheute: Sie erklärten, dass die Taliban von heute nicht die gleichen seien wie 1996. Wie drückt sich dies aus?

Gulam Dschalal: Wir alle haben im Verlauf der letzten 43-45 Jahre unterschiedliche Regierungen ausprobiert. Linke, rechte, die Mudschahedin, die Taliban, Technokraten in der Anwesenheit westlicher Truppen. Es ist aber nichts daraus geworden. Lassen Sie uns jetzt den Taliban irgendeine Chance geben, zumindest für eine gewisse Zeit!

Die ersten Anzeichen wecken Hoffnung: Jetzt erklären sie, dass Frauen arbeiten gehen können, selbst im Fernsehen. Zweitens, die Mädchen können zur Schule gehen. So etwas hatte es früher ebenfalls nicht gegeben. Drittens: Man hat für alle eine Amnestie verkündet, unabhängig davon, mit wem du gearbeitet hast, mit den Truppen oder anderen staatlichen Strukturen.

Ich stehe täglich mit vielen Landsleuten im Kontakt, mit Freunden, Verwandten, die nicht nur in Kabul, sondern in ganz Afghanistan leben.

Das Volk ist durch den Krieg müde geworden. Sie freuen sich darüber, was geschieht. Gleichzeitig wünschen sie, dass die Taliban eine nationale Regierung bilden, in der alle ethnischen Gruppen vertreten sind.

Natürlich müssen wir weiter gucken, was die Taliban tun werden, und nicht einfach dem glauben, was sie sagen.

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ZDFheute: Könnte Moskau erneut Truppen nach Afghanistan entsenden?

Gulam Dschalal: Für das Afghanistan-Problem gibt es keine militärische Lösung. Man darf keine Truppen entsenden. Man muss Arbeitsplätze schaffen. Die Menschen kämpfen und kämpfen, weil sie nichts anderes zu tun haben.

Wenn sich Möglichkeiten zum Arbeiten ergeben, werden die meisten Afghanen in Betrieben, Fabriken und Firmen arbeiten wollen, dessen bin ich mir gewiss, und nicht kämpfen .

ZDFheute: Hat die Hilfe des Westens Afghanistan Nutzen gebracht?

Gulam Dschalal: Große Hoffnungen hatten sich für uns im Jahr 2001 ergeben, als erklärt wurde, dass westliche Truppen in Afghanistan stationiert werden, so etwa aus 50 Ländern.

Wir hatten sie mit offenen Armen empfangen und geglaubt, dass in Afghanistan endlich Frieden Einzug gehalten hat und dass eine neue Gesellschaft geschaffen wird.

Die Jahre gingen ins Land, und wir begriffen, dass dies eine Illusion ist, denn die Hilfe blieb in jenen Hauptstädten, in denen man sie beschlossen und bereitgestellt hatte. Und was gekommen war, teilte eine korrupte Gruppe untereinander auf, die nicht einmal eine Woche lang den Taliban Widerstand leisten konnte.

Das Interview führte Phoebe Gaa, Leiterin ZDF-Studios Moskau.

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