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Interview

Ex-General Kujat zu Afghanistan - "Evakuierung hätte im April beginnen müssen"

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Ex-Generalinspekteur Harald Kujat kritisiert die Bundesregierung scharf: Es mangele an sicherheitspolitischem Weitblick und dem notwendigen strategischen Urteilsvermögen.

In der Nacht sind mehr als 130 aus Afghanistan gerettete Menschen am Frankfurter Flughafen gelandet. Weitere Maschinen sind zu nächsten Evakuierungen unterwegs. Das Kabinett hat den Einsatz bewilligt.

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ZDFheute: Herr Kujat, Sie haben vor 20 Jahren den Einsatz in Afghanistan mit auf den Weg gebracht. Wenn Sie jetzt sehen, was dort passiert, was löst das bei Ihnen aus?

Harald Kujat: Das ist eine sehr deprimierende Situation. Ich kann nicht verstehen, warum man mit der Evakuierung so lange gewartet hat, bis sie nur noch unter Lebensgefahr ablaufen kann.

Eigentlich hätte man schon im April beginnen müssen, als Präsident Biden bekannt gab, wann der Afghanistan-Einsatz enden würde. Da war das alles noch möglich, etwa Charterflüge für das Botschaftspersonal und die Ortskräfte.

Dass wir jetzt im Grunde auf gut Glück dort reingehen und versuchen, so viele wie möglich zu retten, das ist für mich unbeschreiblich.

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ZDFheute: Die Bundeskanzlerin und der Bundesaußenminister sagen, man habe die Lage falsch eingeschätzt. Kann man eine Situation denn wirklich so falsch einschätzen?

Kujat: Offensichtlich schon, das sehen wir ja gerade. Aber eigentlich hatten wir genug Informationsquellen.

Tatsache ist, dass das Pentagon spätestens seit Beginn der Verhandlungen, die Präsident Trump mit den Taliban in Doha geführt hat, gewarnt hat: 'Verlasst euch nicht auf die Zusicherungen der Taliban, das sind Lippenbekenntnisse.' Und: 'Wenn es tatsächlich dazu kommt, dass die Taliban angreifen, dann wird die afghanische Armee innerhalb kurzer Zeit kollabieren.'

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Wenn wir mit den Vereinigten Staaten, unserem Verbündeten, engen Kontakt gehalten hätten, dann wäre uns das klar gewesen.

ZDFheute: Woran kann es liegen, dass die Bundesregierung es trotzdem so weit hat kommen lassen?

Kujat: Ich habe das immer wieder öffentlich gesagt:

Es mangelt der deutschen Politik an sicherheitspolitischem Weitblick und dem notwendigen strategischen Urteilsvermögen.

Das ist seit vielen Jahren offenkundig.

Dazu hat man auch nicht von den Experten Gebrauch gemacht, die wir in Deutschland und in der Welt haben: Offiziere, die in Afghanistan gedient haben und die Situation vor Ort kennen, oder diejenigen, die wie ich national und in der Nato an den politischen Entscheidungsprozessen mitgewirkt haben. Das ist typisch für die deutsche Politik.

ZDFheute: Was muss aus Ihrer Sicht nun passieren?

Kujat: Ich glaube, wir müssen jetzt schonungslos, wirklich schonungslos, Lehren aus dieser Situation ziehen – ohne Ansehen der Person, ob es um Minister oder die Bundeskanzlerin geht.

Und wir müssen insbesondere die politischen und militärischen Fehler, die aufgrund des Mangels an Weitblick und an strategischem Urteilsvermögen gemacht wurden, definieren und daraus Konsequenzen ziehen für andere Operationen, zum Beispiel in Mali.

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Da haben wir es mit einer ganz ähnlichen Situation wie in Afghanistan zu tun. Ich kann nicht verstehen, dass wir da immer in die nächste Phase des Einsatzes gehen, so wie wir es auch in Afghanistan getan haben, ohne einmal innezuhalten und zu fragen: Moment mal, was wollen wir politisch erreichen? Was haben wir bisher erreicht? Und ist das Ziel, das wir uns gesetzt haben, überhaupt noch erreichbar? Davon habe ich jedenfalls nichts bemerkt.

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ZDFheute: Ihr oberster Dienstherr, der damalige Verteidigungsminister Struck, ist in die Geschichte eingegangen mit dem Satz: Die Sicherheit Deutschlands wird auch am Hindukusch verteidigt. Ist dieses Projekt gescheitert?

Kujat: Mit dem Satz wollte er damals die Unterstützung der Bevölkerung für unsere Soldaten einholen - indem er sagte, es geht auch um eure Sicherheit.

In Wahrheit war es aber nicht so. Wir sind nach Afghanistan gegangen, aus Solidarität mit den Vereinigten Staaten, die angegriffen worden waren. Das war einfach auch notwendig.

Sehen Sie Auszüge des Interviews mit Harald Kujat in diesem Beitrag:

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Aber das, was auch heute wieder als positives Ergebnis herausgestellt wird - insbesondere in Amerika – nämlich, dass von Afghanistan keine terroristische Bedrohung mehr ausgehen kann, das ist eine Illusion. Wir wissen ja heute schon, dass al-Qaida und der IS im Land sind.

In welcher Weise die Taliban solche Aktivitäten wieder zulassen werden, das wissen wir natürlich noch nicht. Aber die Voraussetzungen dafür sind da.

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