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Interview

Navid Kermani zu Afghanistan - "Sie haben ans Projekt Demokratie geglaubt"

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"Die Menschen haben an das Projekt Demokratie geglaubt": Der Autor Navid Kermani erklärt im ZDF heute journal-Interview, was in Afghanistan schief gelaufen ist.

Sehen Sie hier das Interview mit Navid Kermani in voller Länge.

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ZDF: Wir wollen sprechen mit Navid Kermani, ein deutscher Autor, Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, Kenner des Orients. Guten Abend Herr Kermani, was ist bei dieser ursprünglich, ja auch gut gemeinten Mission Afghanistan, den gesamten Westen, so furchtbar schief geraten?

Navid Kermani: Ich glaube das, was wir jetzt erleben, sind ja nicht die Folgen unseres Einsatzes. Auch da ist vieles schief gelaufen, sondern was wir erleben, das sind die Folgen unseres Rückzugs. Das heißt, das Desaster ist ausgelöst worden durch die direkten Verhandlungen mit den Taliban, dem Vertrag mit den Taliban und ohne die afghanische Regierung zu konsultieren und diesem fluchtartigen Rückzug.

Also, wenn man schon ein Land besetzt, dann darf man das nicht einfach über Nacht gleichsam sich selbst überlassen. Und dann schon gar nicht einen Friedensvertrag genau mit jenen Mächten schließen, die man ja eigentlich vertreiben wollte. [Aktuelle Entwicklungen im Blog.]

In Doha wird über die Zukunft Afghanistans verhandelt. Was wird Außenminister Heiko Maas erreichen können? ZDF-Korrespondentin Katrin Eigendorf mit einer Einschätzung.

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ZDF: Nun hört man aus Amerika einhellig und auch viel in Deutschland, dass nach 20 Jahren intensiven Bemühungen, nach tausend Milliarden Geldausgabe, nach vielen verlorenen Menschenleben auch auf Seiten der westlichen Allianz, hat Afghanistan es immer noch nicht geschafft, seine Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Also im Grunde seien die Afghanen ein bisschen Mitschuld daran, nun alleine zu sein. Was halten Sie davon?

Kermani: Davon halte ich nicht viel. Wenn man das Land, schon mit dem Einmarsch, weil man keine eigene Bodentruppen einsetzen möchte, den korruptesten Warlords und Drogenbaronen überlässt. Wenn man die Ausgaben, die ja durch die vielen Milliarden hauptsächlich ins eigene Militär steckt, wenn man die zivilen Ausgaben von dem einen Dollar, den man ausgibt, auch noch drei Dollar verdienen möchte, weil man den Aufbau einer wirklich absolut korrupten Wiederaufbau-Industrie überlässt, die einfach Geld verdienen will mit Afghanistan, dann finde ich das ein bisschen zynisch, jetzt gerade auch mit Blick auf den Blutzoll, den die Afghanen selbst gegeben haben.

Die afghanische Armee, die vielen Aktivisten, die Frauen, die gekämpft haben, die Lehrer, die an die Schulen gegangen sind unter Lebensgefahr. Trotzdem haben sie eine Wahlbeteiligung hinbekommen, von der wir im Westen oft träumen. Die Menschen haben an dieses Projekt Demokratie geglaubt.

Sie haben natürlich an manchen Stellen vielleicht das falsche Kreuz gemacht, oder sie hatten noch nicht viel Wahl. Aber jetzt, nach diesem fluchtartigen Abzug, diesem wirklich feigen Abzug und des Abkommens mit den Taliban, auch noch das Volk selbst zu beschuldigen, anstatt vielleicht auch einmal auf die afghanische Regierung, auf die Warlords hinzuweisen.

Aber das afghanische Volk selbst zu beschuldigen, das erscheint mir nun wirklich (...) im höchsten Maße zynisch.
Navid Kermani, Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels

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ZDF: Wenn man jetzt so selbstverständlich davon spricht, dass Europa und der Westen Verantwortung trägt für das, was in den nächsten Monaten und Jahren dort passiert. Was heißt das dann praktisch?

Kermani: Naja, zunächst einmal gilt es, die Leute rauszuholen, die jetzt unter Lebensgefahr sind. Wobei das nur zu einem kleinen Teil gelingen wird. Wir werden vielleicht den einen oder anderen Helfer noch herausholen, hoffentlich über vereinbarte Fluchtwege nach Usbekistan, nach Pakistan.

Da müssen wir uns, muss sich die Bundesregierung bemühen, muss sich Europa bemühen. Aber wir werden nicht die Mädchen vor der Zwangsverheiratung in den Dörfern schützen können. Die haben keine Chance.

Die werden versuchen, selbst aus dem Land zu kommen. Dann müssten wir uns vorbereiten auch auf gewaltige Fluchtbewegungen.
Navid Kermani
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Eine Studie zeigt, dass Merkels Flüchtlingspolitik im Jahr 2015 keinen messbaren Einfluss auf die späteren Migrationsbewegungen nach Deutschland hatte. Ein Überblick:

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Und dann vor allem, und ist das Entscheidende, wir dürfen uns nicht damit abfinden, dass Afghanistan wieder ein schwarzes Loch wird, indem Drogen angebaut werden, indem Terroristen Zuflucht finden, eine Inspiration für den radikalen politischen Islam. Wir müssen unsere Mittel nutzen, auch noch weiter auf diplomatischem, auf ökonomischen Wege Einfluss zu üben.

Die Taliban sitzen nicht in Nordkorea, die sitzen auch nicht in Russland, nicht in China. Sie sitzen in Katar, die sitzen in Pakistan. Beide sind enge politische Verbündete des Westens.
Navid Kermani

Also haben wir Wege, auch weiterhin, nicht nur unter militärischem Einsatz, aber ökonomisch, politisch Druck auszuüben, damit die Macht in Afghanistan, damit nicht das wiederkehrt, was in den 90er-Jahren schon einmal war.

Und dann hoffe ich natürlich vor allem auf die Afghanen selbst, die ja in 20 Jahren extrem viel Selbstbewusstsein und Kraft auch entwickelt haben und hoffentlich auch nach dieser deprimierenden Situation jetzt auch wieder Mut fassen und sich nicht abfinden mit dem, was da jetzt im Augenblick zu sein scheint.

Sehen Sie oben das gesamte Interview als Video. Alle Hintergründe und aktuellen Entwicklungen lesen Sie hier:

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