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Afghanistan - Rettung der Ortskräfte läuft langsam

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Fünf Monate nach den Chaostagen von Kabul sind die Menschen, die für die Deutschen in Afghanistan arbeiteten, noch nicht alle gerettet. Die Hoffnung liegt auf Ministerin Baerbock.

Pakistan, Kitton: Ein Soldat steht an der afghanisch pakistanischen Grenze. Archivbild
Pakistan, Kitton: Ein Soldat steht an der afghanisch-pakistanischen Grenze. Archivbild
Quelle: Reuters

An Beteuerungen hat es nie gefehlt. Seitdem die Taliban in Afghanistan die Macht übernommen haben, seitdem alle ausländischen Truppen abgezogen sind, hieß es immer: Wer in den dramatischen Tagen um den Fall des Flughafens von Kabul noch nicht rausgekommen ist, wird später geholt. Die ehemaligen Ortskräfte der Deutschen, die Afghaninnen und Afghanen, die von den Taliban bedroht werden, weil sie mit und für Deutsche gearbeitet haben.

Gut fünf Monate danach zeigt sich: Weit gekommen ist man noch nicht. Und die Bedrohung durch die Taliban hat nicht aufgehört.

Das Scheitern des Westens in Afghanistan

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Wie viele Menschen müssen gerettet werden?

Wer wissen will, wie groß die Gruppe ist, die aus Afghanistan evakuiert werden soll, stößt auf ein Grundproblem: Überblick? Nur so grob. Allein vier Ministerien waren in die Evakuierung involviert, dazu Menschenrechtsorganisationen und andere Initiativen. Und jeder kümmert sich um seine Leute und hat seine Zahlen.

6.000 Visa sind bislang ausgestellt worden, sagt das Auswärtige Amt, um Menschen aus Afghanistan zu holen. Bundesaußenministerin Annalena Baerbock (Grüne) sprach kurz vor Weihnachten von mehr als 15.000 Menschen, denen man zugesagt habe, sie dürften nach Deutschland kommen. Dazu kämen 135 deutsche Staatsangehörige, die derzeit in Afghanistan seien:

Sie sind nicht vergessen. Wir werden nicht lockerlassen, sondern arbeiten mit Hochdruck daran, sie in Sicherheit zu bringen.
Außenministerin Annalena Baerbock
Annalena Baerbock am 23.12.2021 in Berlin

Aktionsplan für Afghanistan - Baerbock will Evakuierungen beschleunigen 

Für Außenministerin Baerbock hat die Ausreise besonders schutzbedürftiger Menschen aus Afghanistan höchste Priorität. Etwa 15.000 Personen warten darauf, das Land zu verlassen.

"Hochdruck" sieht momentan so aus: Die Bundeswehr hat nach Angaben eines Sprechers des Einsatzführungskommandos zwischen dem 16. August, dem Beginn der Evakuierungsaktion, und 26. Dezember 334 Ortskräfte herausgeholt, die für sie gearbeitet haben. Inklusive ihrer Familienangehörigen kamen 1.228 Menschen. Die Bundeswehr geht davon aus, dass 680 Ortskräfte mit ihren Familien, insgesamt 2.700 Personen, noch Anspruch haben zu kommen.

Von den Ortskräften, die in Afghanistan für das Bundesinnenministerium gearbeitet haben, sind nach Angaben eines Ministeriumssprechers seit August 73 Personen eingereist, etwa 50 Ortskräfte des ehemalige deutschen Polizeiprojektbüros sind noch in Afghanistan.

Viele der Ortskräfte, die die Bundeswehr in Afghanistan unterstützt haben, sitzen nach wie vor dort fest. Sie leben in ständiger Angst, von den Taliban entdeckt zu werden.

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Ohne Aufnahmezusage geht nichts

Immerhin: Viele dieser ehemaligen Mitarbeiter der deutschen Behörden oder der Nichtregierungsorganisationen haben für sich und ihre Familien eine Aufnahmegenehmigung des deutschen Staates in der Hand. Jedenfalls theoretisch. Ob das Mailpostfach noch existiert, an das es geschickt wurde, ob es sie überhaupt bei guter Gesundheit erreicht hat – all das weiß man nicht so genau. Viel ist derzeit nicht klar, in Afghanistan.

Wer diese Aufnahmezusage hat, braucht einen Reisepass und muss sehen, wie er auf dem Landweg in ein Nachbarland, vor allem nach Pakistan oder in den Iran, kommt. Erst dort gibt es in der deutschen Botschaft ein Visum, erst dort geht es weiter per Flugzeug in Sicherheit.

Hilfe gibt es von deutschen Nichtregierungsorganisationen: der Kabul Luftbrücke oder dem Patenschaftsnetzwerk Afghanische Ortskräfte etwa. Ihre Bilanz sieht etwas besser aus als die der Bundesregierung. Sie brachten zusammen seit August rund 1.200 Menschen raus.

Vier Monate nach der Machtübernahme der Taliban versinkt Afghanistan im Elend. Hilfszahlungen gestoppt, die Regierung zahlungsunfähig, Kinder drohen zu verhungern. Katrin Eigendorf reist durch das Land und spricht mit dem Volk - und den neuen Herrschern.

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Grotian: Langsamkeit "frustriert"

Marcus Grotian steht für das Patenschaftsnetzwerk. Er war selbst als Bundeswehrsoldat in Afghanistan. Jetzt hat er sich ohne Bezüge für drei Jahre beurlauben lassen, um noch mehr für die Rettung der ehemaligen Ortskräfte tun zu können. Denn wie zögerlich sie aus dem Einfluss der Taliban geholt werden, frustriert Grotian zutiefst. Er geht von viel weniger Menschen als Baerbock aus, die noch gerettet werden müssen: 7.000 Menschen inklusive ihren Familien.

Die meisten, zu denen das Patenschaftsnetzwerk, in Afghanistan noch Kontakt hat, hätten erst Mitte Dezember ihre Aufnahmezusagen vom deutschen Staat bekommen. Da, sagt Grotian, hätte er sie schon längst über Mazar-i-Sharif ausfliegen lassen können, aber es fehlte die Aufnahmezusage. Und ohne die geht es nicht. "Das hat mich sehr frustriert", sagt Grotian.

Eine lebensgefährliche Langsamkeit, die er schon von den Chaostagen im August, rund um den Fall von Kabul, kennt.

Bundeswehroffizier Marcus Grotian schrieb fünf Briefe an die Kanzlerin, bat darum, schnell zu handeln und Ortskräfte in Sicherheit zu bringen. Doch es passierte nichts.

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Hätten mehr gerettet werden können?

400 Menschen hatte das Patenschaftsnetzwerk in so genannten Safehouses untergebracht, damit sie in Sicherheit vor dem Zugriff der Taliban sind. Kontakte im Land habe es zu 1.700 Ortskräften und ihren Familien gegeben. Über Verbindungen des Patenschaftsnetzwerkes, sagt Grotian, hätten alle koordiniert in kleinen Gruppen zum Flughafen kommen können. Informationen, wie man in den Flughafen vor dem Abzug der internationalen Truppen gelangt, hätten es gegeben.

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Sein Wissen, sagt er, wollte man in der Bundesregierung und in den Ministerien aber nicht haben. "Ich habe nie eine Antwort bekommen." Auch nicht auf die fünf Mails, die er an Bundeskanzlerin Angela Merkel im Sommer geschrieben hatte. Damals und heute, glaubt er, hätten viel mehr Menschen rausgebracht werden können. "Uns fehlt nur Geld und ein bisschen politischer Wille." 2.200 Euro kostet es laut Grotian derzeit, einen Menschen aus Afghanistan in Sicherheit zu bringen.

Will man nicht oder kann man nicht? Beides finde ich katastrophal und entsetzlich.
Marcus Grotian

Marquardt fordert mehr Verantwortung

Beide Organisationen, die Kabul Luftbrücke und das Patenschaftsnetzwerk, finanzieren sich durch Spenden. Erik Marquardt ist Europaabgeordneter der Grünen und hat die Kabul Luftbrücke mitinitiiert, als die Bundesregierung es im Sommer nicht schaffte, die Menschen auszufliegen.

Auf Dauer kann es nicht sein, dass Deutschland Visa verteilt und die Zivilgesellschaft Spenden sammelt, um die Menschen auszufliegen.
Europaabgeordneter Erik Marquardt

Im Sommer, sagt Marquardt, habe es eine "starke Abwehrhaltung" ihnen gegenüber gegeben. Niemand habe in der unübersichtlichen Situation Verantwortung übernehmen wollen.

Nach der Machtübername der Taliban in Afghanistan ist das Land politisch isoliert. UNICEF schlägt Alarm: 18 Millionen Menschen leiden unter den desaströsen Folgen, ganz besonders Kinder.

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Mittlerweile sei das besser, sagt Marquardt. Auch das Auswärtige Amt unterstützt nun die Bemühungen, gefährdeten afghanischen Staatsangehörigen bei der Ausreise und Weiterreise nach Deutschland zu helfen. "Diese Kooperation wird nun ausgebaut, unter anderem durch die Einrichtung eines regelmäßigen Austauschs und die Einbeziehung der Zivilgesellschaft in die Ausgestaltung unserer geplanten Maßnahmen", heißt es dort.

Ministerin Baerbock hatte das vor Weihnachten in ihrem Afghanistan-Plan zugesagt. Diese Woche will Marcus Grotian vom Patenschaftsnetzwerk an sie noch einmal schreiben und sie daran erinnern. Auch Marquardt will mit seiner Parteifreundin Baerbock noch einmal reden. Alles sei noch sehr mühsam. "Die Bundesregierung muss mehr Verantwortung übernehmen", sagt Marquardt.

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