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Ortskräfte in Afghanistan - "Wir haben Menschen bewusst zurückgelassen"

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Ministerien, die sich blockieren. Listen, die wichtiger sind als Leben zu retten. Eine Kanzlerin, die nicht reagiert. Das Netzwerk für Ortskräfte in Afghanistan klagt Berlin an.

Berlin: Marcus Grotian, Vorsitzender des Patenschaftsnetzwerks Afghanische Ortskräfte, beantwortet vor der Bundespressekonferenz Fragen von Journalisten zur Lage der Ortskräfte in Afghanistan.
Marcus Grotian ist Vorsitzender des Patenschaftsnetzwerks Afghanische Ortskräfte.
Quelle: dpa

Jeder beteuert, jetzt unbürokratisch helfen zu wollen. Doch an diesem Morgen soll eine ehemalige Mitarbeiterin der GIZ, der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit, an den Toren des Flughafens in Kabul von einem deutschen Soldaten abgewiesen worden sein. Ihr Name stehe nicht auf der rettenden Liste. Offenbar kein Einzelfall.

Es sind solche Geschichten, die Bundeswehroffizier Marcus Grotian und sein Patenschaftsnetzwerk für afghanische Ortskräfte fassungslos machen, wie er am Dienstag in Berlin sagte:

Es macht fassungslos, dass die Regierung jede Verantwortung von sich weist.
Marcus Grotian

Hauptverantwortlich ist für ihn: die Bundeskanzlerin.

Am Dienstag findet ein G7-Sondergipfel zur Lage in Afghanistan statt. Thema soll dabei auch eine mögliche Verlängerung der Evakuierungsmissionen über den 31. August hinaus sein.

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Briefe und Mails ans Bundeskanzleramt

Seit Anfang Juni habe er fünf Briefe und Mails an das Bundeskanzleramt geschrieben. Denn mit dem Abzug der Bundeswehr Ende Juni aus Afghanistan sei laut Grotian klar gewesen, dass man die ehemaligen Ortskräfte den Taliban überlasse. "Wir haben hier Menschen bewusst und wissentlich zurückgelassen." Menschen, die man jetzt versuche, "durch das Nadelöhr" am Flughafen Kabul doch noch zu retten. Die Probleme hätten jedoch viel früher begonnen.

Die Bundesregierung hätte auf ein Visaverfahren bestanden, das aber nie richtig funktioniert habe, seitdem man diese nach dem Abzug an die Internationale Organisation für Migration, einen Ableger der Vereinten Nationen, übertragen habe. Kein Visaverfahren, sagt Grotian, sei je abgeschlossen worden. Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) hatte das jedoch bestritten.

Interview

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Entwicklungshelferin Suzana Lipovac kritisiert, dass unklar ist, wer zur Ausreise berechtigt ist. "Alle fühlen sich bedroht", sagt sie. Und diese Angst könne bald Realität werden.

Vier Ministerien ohne gemeinsame Linie?

Weiterer Vorwurf: Vier Ministerien seien in die Rettung der Ortskräfte involviert - das Außen- Verteidigung-, Innen- und Entwicklungsministerium. Alle hätten ihre Listen mit Mitarbeitern geführt, sich aber gegenseitig nicht ausgetauscht. Oder Namen auf Listen "mit bürokratischen Tricks" wieder gestrichen. "Es gab viele kleine Rädchen, die nicht ineinander griffen", sagt Grotian.

So hätten sich die Ministerien gegenseitig blockiert. Seine Hinweise seien vom Bundeskanzleramt nicht aufgegriffen worden.

Das Bundeskanzleramt hätte eingreifen können. Was es aber leider nicht getan hat.
Marcus Grotian

So sei ein "Desaster unvorstellbaren Ausmaßes" entstanden, für das nun niemand die Verantwortung übernehmen wolle. "Jeder hat alles richtig gemacht und die anderen etwas falsch", glaubt Grotian.

„Es kommen jeden Tag mehrere Flüge, gestern waren es insgesamt fünf“, so ZDF-Reporterin Katrin Eigendorf in Usbekistan. Taschkent sei das Drehkreuz für die Bundeswehr.

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6.000 Menschen wären noch zu retten

Ziel des Patenschaftsnetzwerkes ist es, die ehemaligen Ortskräfte der Bundeswehr vor den Taliban und beim Start in Deutschland zu unterstützen. Dabei gibt es immer wieder Streit darum, wie viele Menschen diese Hilfe brauchen. Das Netzwerk geht von etwa 8.000 Menschen - Ortskräfte inklusive ihrer Familienangehörigen - aus, die in den vergangenen 20 Jahren des Afghanistan-Einsatzes für die Bundeswehr gearbeitet hätten. Die Bundesregierung rechnet mit 2.500 Menschen.

Grotian geht das von aus, dass etwa 6.000 Menschen, die Anspruch auf eine Ausreise nach Deutschland hätten, noch in Afghanistan sind. Wo sie sich aufhalten, ob sie noch leben, das weiß seine Organisation nicht. Was bleibt, ist Sarkasmus:

Das schlimme an Menschen, die nicht mehr leben, ist, dass sie sich nicht melden.
Marcus Grotian

Funktionieren wird es vermutlich ohnehin nicht, wenn die USA Ende August abziehen und damit der Flughafen Kabul nicht mehr gehalten werden kann. Bundesaußenminister Maas baute heute vor: "Wir werden in den verbleibenden Tagen dieser militärischen Evakuierungsaktion nicht alle aus Afghanistan rausbekommen können", sagte er dem Fernsehsender der "Bild". Auch nicht über den August hinaus. "Das gebietet die Ehrlichkeit, das zu sagen."

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