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Trotz Milliarden für Ausbildung - Warum die Taliban Afghanistans Armee besiegen

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20 Jahre lang haben Nato-Truppen afghanische Soldaten ausgebildet. Innerhalb weniger Tage verlieren sie die Kontrolle über das gesamte Land. Wie konnte das passieren?

Die Taliban haben nach Angaben des afghanischen Innenministeriums begonnen in die Hauptstadt Kabul vorzudringen. Die Islamisten stießen von allen Seiten in die Randbezirke vor.

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Kaum zwei Wochen hat es gedauert, um 20 Jahre militärische Zusammenarbeit ungeschehen zu machen. Stand Sonntagmittag kontrollieren die Taliban fast alle Provinzen von Afghanistan. Die Regierung kündigte eine Übergabe der Hauptstadt Kabul an.

Allein die USA haben für ihre 20-jährige Präsenz in Afghanistan 2.261 Milliarden US-Dollar ausgegeben, so die Statistik des Costs of War-Forschungsprojekts der Brown University. Mehr als 90 Milliarden davon flossen als direkte Unterstützung in die afghanischen Sicherheitskräfte.

Noch 2021 stellte die Nato den afghanischen Streitkräften (ANA) Ausrüstung im Wert von 72 Millionen Dollar zur Verfügung. Mit ihren gepanzerten Fahrzeugen, Hubschraubern und auf dem Papier 350.000 Soldaten und Polizeikräften hätte der afghanische Staat den Taliban hoch überlegen sein sollen.

Gründe, warum die Taliban dennoch gewinnen, gibt es viele.

1. Der Abzug der internationalen Truppen

Dass die internationalen Truppen mittelfristig abziehen würden, war den afghanischen Streitkräften klar. Die Art, wie die letzten US-Soldaten Anfang Juli etwa den Stützpunkt Bagram verließen – mitten in der Nacht und ohne die afghanischen Partner darüber zu informieren – wurde genau beobachtet. Ein weiterer Stoß für die Moral der afghanischen Soldaten.

Doch der Abzug hatte auch praktische Auswirkungen. Die Nato-Operation Resolute Support umfasste zuletzt rund 10.000 Soldaten. Hinzu kamen jedoch etwa 16.000 zivile Vertragskräfte, die für unterschiedlichste technische und logistische Dienstleistungen eingesetzt wurden.

"[Es gingen] die Vertragsfirmen, die im Auftrag der USA die Flugzeuge und Helikopter der afghanischen Luftwaffe gewartet haben", sagt ZDFheute Carlo Masala, Professor für Internationale Politik an der Universität der Bundeswehr München.

Auch die US-Luftunterstützung und nachrichtendienstliche Aufklärung sei eingestellt worden, so Masala.

Pointiert gesprochen, ließ man die afghanische Armee blind zurück.
Prof. Carlo Masala, Universität der Bundeswehr München

Chronologie zu Afghanistan - Truppen ziehen ab, Taliban rücken vor 

Seit Beginn des Abzugs der internationalen Truppen aus Afghanistan hat die Regierung die Kontrolle das Land rasend schnell verloren. Eine Chronologie der Ereignisse.

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2. Taliban griffen gezielt wichtige Infrastruktur an

Die wichtigste strategische Infrastruktur Afghanistans ist die sogenannte Ring Road. Sie ist die einzige Verbindung zwischen vielen Provinzhauptstädten und über sie muss militärischer Nachschub transportiert werden.

Die Taliban wissen genau, dass die staatlichen Streitkräfte ihre Positionen kaum dauerhaft halten können, wenn sie diese Verbindung kappen. In Folge versiegt dann auch der Nachschub an Essen und Munition für die zahllosen kleinen Stationen und Außenposten überall im Land.

Es gibt eine riesengroße Differenz zwischen dem rosigen Bild, das von der Leistungsfähigkeit der afghanischen Armee in westlichen Hauptstädten gezeichnet wurde und der Realität am Boden.
Prof. Carlo Masala, Universität der Bundeswehr München

“In den letzten Tagen gab es gar kein Essen, kein Wasser und keine Waffen“, zitiert das "Wall Street Journal" einen Soldaten in der nördlichen Provinz Kundus. Die Elitetruppen, die eigentlich wöchentlich mit Versorgung hätten kommen sollen, blieben aus. Am Ende zog sich die Einheit zurück, überließ 11 gepanzerte Fahrzeuge den Taliban.

Ohne Treibstoff, ohne Munition und ohne Hoffnung, dass diese bald eintreffen, bleibt die Schlagkraft der afghanischen Truppen hinter ihren theoretischen Fähigkeiten weit zurück.

3. Domino-Effekt lässt eine Stadt nach der anderen fallen

Viele Provinzhauptstädte wurden von den Taliban schon wochenlang belagert. Die Kämpfe waren intensiv. In den letzten Tagen stellte sich schließlich ein Domino-Effekt ein.

Ohne Nachschub konnten die Verteidigungsringe um Großstädte wie Kandahar nicht mehr effektiv gehalten werden. Immer mehr Truppen desertierten. Gleichzeitig befreiten die Taliban Tausende Häftlinge aus den eroberten Gefängnissen, die ihre Reihen wiederum stärkten.

In zahllosen Social-Media-Videos der letzten 48 Stunden sieht man afghanische Streitkräfte, die sich in langen Konvois aus den Städten zurückziehen. Etwa aus Herat oder Masar i-Scharif, wo sich bis Juni 2021 das größte deutsche Feldlager befand.

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Die Stadt Dschalalabad wurde nach Verhandlungen unter Einbindung lokaler Stammesvertreter sogar kampflos übergeben. Die staatlichen Sicherheitsstrukturen befinden sich in völliger Auflösung.

Die Taliban haben inzwischen Dschalalabad im Osten Afghanistans eingenommen. Damit stehen alle großen Städte außer der Hauptstadt Kabul unter ihrer Kontrolle.

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4. Die Streitkräfte sind so gespalten wie die Gesellschaft

Die ethnischen und politischen Konflikte Afghanistans ziehen sich direkt durch die afghanischen Streitkräfte.

"Aus der Forschung wissen wir, dass multiethnische Armeen aber nur dann gut im Feld sind, wenn die Integration verschiedener Ethnien in dem Staat, für den sie kämpfen sollen, gelingt. Das ist in Afghanistan nie der Fall gewesen", erklärt Masala. Darum seien die "ethnisch homogeneren" Taliban die effektiveren Kämpfer.

Zusätzlich zur afghanischen Armee gibt es noch persönliche Milizen einflussreicher Warlords, von denen einige auch zeitweise offizielle Ämter im afghanischen Staat bekleideten.

Hoffnungen, dass sie den afghanischen Staat bewahren könnten, haben sich jedoch zerschlagen. Mit Abdul Rashid Dostum und Atta Mohammad Noor flohen am Samstag zwei von ihnen nach Usbekistan. Mohammad Ismail Khan ergab sich in Herat den Taliban.

5. Die Taliban verstehen es, sich zu inszenieren

Die Taliban verstehen, dass sie schon bald die politischen Geschicke des gesamten Landes bestimmen könnten. Sie nutzen ihre Offensive auch, um sich gegenüber den häufig korrupten Eliten des Landes zu legitimieren. Taliban-Unterstützer zirkulieren Handyvideos aus dem prunkvollen Anwesen des geflohenen Warlords Dostum.

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Am Sonntag stoppte die Taliban-Führung ihren Angriff auf die Hauptstadt Kabul. Die Regierung solle aufgeben und die Stadt friedlich übergeben, hieß es in einer Pressemitteilung.

Anstatt sich auf blutige Gefechte mit vielen zivilen Toten einzulassen, kündigte die afghanische Regierung die Machtübergabe an.

Taliban-Vormarsch in Afghanistan - Regierung in Kabul kündigt Machtübergabe an 

In Afghanistan sind die Taliban bis an den Stadtrand von Kabul vorgerückt. Die Hauptstadt soll nicht angegriffen werden, es deutet sich eine kampflose Machtübergabe an.

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