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Interview

Truppenabzug aus Afghanistan - Welches Ziel haben die Taliban?

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Die Taliban sind auf dem Vormarsch und kontrollieren inzwischen mehr als die Hälfte Afghanistans. Was ist ihr Ziel? Taliban-Sprecher Zabihullah Mujahid im ZDFheute-Interview.

Taliban.
Kämpfer der Taliban (Archiv)
Quelle: epa Stringer/epa/dpa

Die Taliban erobern immer weitere Distrikte in Afghanistan und kontrollieren inzwischen mehr als die Hälfte des Landes. Auch Städte wie Masar-i-Scharif, Kundus und Herat sind inzwischen umzingelt. Nur wenige Wochen vor dem Abzug der USA und ihrer Verbündeten steht Afghanistan am Rande eines Bürgerkriegs.

Gibt es noch Perspektiven für Frieden? Und wie soll Afghanistan in Zukunft aussehen? Zabihulla Mujahid, Pressesprecher der Taliban, stellt sich im Interview mit dem ZDF per Skype den Fragen, sein Gesicht will er aus Sicherheitsgründen nicht zeigen.

ZDFheute: Wollen Sie eine friedliche Lösung, eine gemeinsame Regierung - oder das Afghanistan, das wir in den 90er Jahren erlebt haben?

Zabihulla Mujahid: Wir wollen, dass alle Afghanen in die künftige Regierung einbezogen werden. Ich bin sicher, aus der Erfahrung der letzten Jahre haben wir viel gelernt, und ich hoffe, dass die Zukunft besser wird, dass wir hoffentlich den Krieg so schnell wie möglich beenden und unsere Menschen eine hellere Zukunft haben, ihre Probleme lösen und unter dem Schirm der Scharia leben werden.

Seit Anfang Mai läuft in Afghanistan der Abzug der Nato-Truppen. Es passiert, was viele befürchtet hatten: Die radikal islamischen Taliban konnten mehr als 50 Gebiete erobern.

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ZDFheute: Die Gespräche zwischen Regierung und Taliban liegen auf Eis, überall im Land wird gekämpft. Steht Afghanistan vor einem Bürgerkrieg?

Mujahid: Wir glauben, der Hauptgrund für den Krieg ist die Anwesenheit von ausländischen Truppen im Land. Nach ihrem Abzug werden die Afghanen sehen, dass man den Krieg nicht mit Gewalt, sondern durch ehrliche und wahrhafte Gespräche beenden kann. Afghanen können ihre Probleme untereinander lösen. Ich weiß nicht, wie lange es dauern wird, um zu einer Einigung zu kommen, aber die Lage wird sich mit dem Abzug der ausländischen Truppen verändern. Dann wird die Seite, die Krieg will, um an der Macht zu bleiben, (Anm.: gemeint ist die Regierung von Präsident Ashraf Ghani) sehen, dass sie zu einer Vereinbarung mit uns kommen muss.

ZDF-Reporterin im Skype-Interview mit dem Taliban-Sprecher Zabihullah Mujahid
ZDF-Reporterin Eigendorf im Skype-Interview mit den Taliban.

ZDFheute: Vor allem Frauen fürchten jetzt, dass sie bei einer Rückkehr der Taliban an die Macht ihre Rechte und Freiheiten, die sie in den letzten 20 Jahren erreicht haben, verlieren. Werden Afghanistans Frauen ihre Rechte verlieren?

Mujahid: Die Propaganda gegen uns gibt es seit vielen Jahren, mit dem Ziel, unser Image zu zerstören. Ich habe Hoffnung, dass diese Angst schnell und bald vergeht.

Wir haben nichts gegen Frauen. Unser Wunsch ist, dass wir in einer islamischen Gesellschaft leben und Frauen als Musliminnen unter dem Schirm der Scharia leben.

Mit dem Respekt vor dem Gesetz der Scharia können sie in ihrem Land frei und friedlich leben. Sie können in den Bereichen arbeiten, die nach dem Gesetz der Scharia und der afghanischen Kultur erlaubt sind. Auf dieser Grundlage können sie auch studieren, wie sie möchten.

Zarifa Ghafari ist Bürgermeisterin in der afghanischen Provinzstadt Maidan Shar. Die Bedrohung durch die Taliban gehört für sie zum Alltag.

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Wenn wir die Regierung übernehmen, müssen wir in diese Richtung gehen und ihnen helfen, innerhalb der Scharia-Gesetze zu handeln, so dass sie ihre Arbeit und Pflichten ohne Angst oder Bedrohung ausüben können.

ZDFheute: In den 90er Jahren durften Frauen nicht das Haus verlassen, keine Schule besuchen. Sind Sie eine neue Generation von Taliban, haben Sie nichts mehr gemeinsam mit den Taliban, die damals in Afghanistan an der Macht waren?

Mujahid: Nein, die Umstände haben sich geändert. Als wir in der Vergangenheit regierten, kamen wir aus einer chaotischen Situation, wir haben dem Land Frieden gebracht. Wenn wir in diese Zeit zurückschauen, dann sehen wir vor uns Frauen, die sich in den Wohnvierteln aus dem Fenster stürzten, um ihre Ehre zu bewahren, die sich umbrachten, um sich selbst zu schützen. Wir haben sie aus dieser Lage befreit.

Wir waren damit beschäftigt zu kämpfen, wir wurden dauerhaft von der internationalen Gemeinschaft angegriffen.

Das war eine andere Situation als heute, wir können jetzt schneller dafür sorgen, dass Frauen studieren und arbeiten. Die Menschen haben verstanden, dass die Situation heute anders ist. Damals waren andere Dinge wichtiger als heute.

Die USA haben den Truppenabzug beschlossen, doch in Afghanistan herrscht Chaos.

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ZDFheute: Wird der Abzug der internationalen Truppen reibungslos verlaufen? Was passiert, wenn sie nicht bis zum 11. September abziehen?

Mujahid: Für uns ist klar, dass die internationalen Truppen das Land verlassen, denn sie haben ihre Militärbasen schon geräumt, sie haben mit dem Abzug begonnen und entweder ihre Ausrüstung zerstört oder an die Regierung in Kabul übergeben. Daran sehen wir, sie ziehen ab, sonst würden sie das nicht tun.

Wenn sie nicht pünktlich abziehen, dann wird das afghanische Volk seine Entscheidung treffen.

ZDFheute: Auch ausländische Hilfsorganisationen machen sich Sorgen um ihre Zukunft. Werden Sie künftig in Afghanistan arbeiten können?

Mujahid: Sicher, denn diese internationalen Hilfsorganisationen unterstützen das afghanische Volk im Bereich von Gesundheit und Bildung. Auch Diplomaten, die im Land sind. Wir brauchen Beziehungen mit der internationalen Gemeinschaft. Botschaften sind wichtig, auch unterschiedliche Organisationen, die den Afghanen helfen, sich sicher zu fühlen in ihrem Land. Wichtig ist, dass die Regeln und Gesetze von Afghanistan eingehalten werden.

Das Interview führte Katrin Eigendorf.

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