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Interview

Islamisten erobern Afghanistan - Ist die neue Generation Taliban gemäßigter?

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Hans-Joachim Giessman hat die Verhandlungen zwischen Taliban und dem Westen eng begleitet. Er plädiert für weitere Hilfen aus dem Westen - aber mit Bedingungen.

Afghanistan, Kabul: Taliban Kämpfer bewachen eine Straßenkreuzung in Kabul.
Die Taliban haben die Macht in Afghanistan ergriffen - viel schneller als erwartet.
Quelle: epa

ZDFheute: Herr Giessmann, wir nehmen die Taliban meist als einheitliche Gruppe wahr. Haben Sie sie in Doha bei den Verhandlungen mit der afghanischen Regierung auch so erlebt?

Hans-Joachim Giessmann: Die Delegation des politischen Auslandsbüros der Taliban, verstärkt von Vertretern der vielen Strömungen in Pakistan, hat sich erstaunlich geschlossen gezeigt. Man darf nicht vergessen, dass es ein einigendes Band gegeben hat, nämlich das Interesse, die Macht in Afghanistan zu übernehmen.

Jetzt haben die Taliban die Macht und müssen auch gegenüber ihren eigenen Flügeln und Strömungen liefern und die Erwartungen managen.  

ZDFheute: Welche Erwartungen sind das?

Giessmann: Das ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt die größte Unbekannte. Die Taliban-Delegation hat in Doha nicht gezeigt, dass sie schon klare Vorstellungen hätte, wie das Land künftig gestaltet werden soll.

Wie ein Mantra wurde wiederholt, dass es ein echtes islamisches System sein müsse, mit  afghanischen Traditionen und einer erneuerten Verfassung.

Aber immer, wenn es darum ging, wie das konkret ausgestaltet sein soll, sind sie sehr ausweichend gewesen. Vielleicht auch, um interne Diskussionen zu überspielen.  

ZDFheute: Wie unterscheidet sich die jetzige Generation der Taliban von der zu Zeiten des Einmarsches der Alliierten vor 20 Jahren?

Giessmann: Natürlich ist das eine Generation, die mit den sozialen Medien aufgewachsen ist, und ein anderes Verhältnis zu Kommunikation und Öffentlichkeit hat. Auf der anderen Seite sind es gerade die jungen Männer der Bewegung, die besonders radikalisiert worden sind.

Auch durch die Erfahrung in den letzten 20 Jahren, dass die Republik für sie keine Heimstatt geworden ist. Da verfingen die Dogmen aus den Koranschulen sehr viel eher als bei der urbanen Bevölkerung auf der Republikseite. Wir haben da starke Diskrepanzen und werden sehen, wie sich das entfaltet.

ZDFheute: Was erwartet die Bevölkerung von den Taliban?  

Giessmann: Es zeigt sich jetzt, dass der Rückhalt für die Regierung nicht stark genug gewesen ist, um sich schützend vor die Republik zu stellen, und dass viele Menschen inzwischen eher den Taliban folgen. Nicht nur, weil sie gezwungen worden sind, sondern weil sie zum Teil mehr Vertrauen in die Ordnung der Taliban gewonnen haben, auch wenn sie rigide ist, als in das Rechtssystem der Republik.

Es gab eine schleichende Erosion der Republik, zum Teil bedingt durch die unglaubliche Diskrepanz zwischen dem Aufhäufen von Reichtum für relativ wenige und einer hohen Armutsrate und Bildungsmisere insgesamt.

Es gab eine schleichende Erosion der Republik, zum Teil bedingt durch die unglaubliche Diskrepanz zwischen dem Aufhäufen von Reichtum für relativ wenige und einer hohen Armutsrate und Bildungsmisere insgesamt.

Wir haben im Westen die Mädchenschulen und den Zugang zur Bildung hervorgehoben, aber 75 Prozent der Bevölkerung kann nach 20 Jahren Republik immer noch nicht lesen und schreiben. Das sind diejenigen, die das Vertrauen in die Republik verloren haben.

Afghanistan, Kabul: Taliban-Kämpfer bewachen ein Checkpunkt.
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ZDFheute: Wie beurteilen Sie Ankündigungen der Taliban, Frauen an der Regierung zu beteiligen?

Giessmann: Es ist vielleicht so, dass die Taliban gegenwärtig versuchen, vor der internationalen Gemeinschaft gut dazustehen, um die wirtschaftlichen und finanziellen, Hilfen, von denen das Land abhängig ist, nicht zu gefährden. Ich bin aber über eine Reihe Erklärungen überrascht, angefangen von der inklusiven Regierung bis hin zur angekündigten Generalamnestie.

Wenn sich die in Taten umsetzen, könnte das zu einer Diskussion führen, die ein afghanisches Gesellschafts- und politisches System hervorbringt, das mit unseren Vorstellungen von Demokratie nicht viel zu tun hat - das aber vielleicht die Grundlage für einen schmerzlichen Aussöhnungsprozess sein kann. In einem Land, in dem es seit 40 Jahren ununterbrochen Krieg gibt und in dem Frieden als Wert einen hohen Stellenwert bekommen hat.

ZDFheute: Welche Haltung sollte der Westen gegenüber der neuen Situation in Afghanistan einnehmen?

Es ist ein guter Zeitpunkt zu akzeptieren, dass die Bevölkerung eher bereit ist, einen neuen Weg einzuschlagen, ungeachtet der schrecklichen Bilder, die wir aus Kabul gesehen haben. Und dass die Hilfen nicht per se abgebrochen werden sollten, weil die Taliban an die Macht gekommen sind, sondern dass im Westen darüber nachgedacht werden muss, welche Bedingungen für die Hilfen formuliert werden - auch als Druckmittel an die Taliban, sich an ihre Worte und Versprechen zu halten.

Das Interview führte Ralf Lorenzen.

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