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Taliban über Zukunftspläne - "Wir wollen mit Deutschland zusammenarbeiten"

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Man wolle kooperieren, so der Taliban-Sprecher im Interview - und man brauche Investitionen, auch aus Deutschland. Aber man müsse auch gewisse Differenzen hinnehmen.

Suhail Shaheen ist als Sprecher der Taliban in Doha tätig.
Suhail Shaheen im Interview mit dem ZDF in Doha.

Suhail Shaheen ist als Sprecher der Taliban in Doha tätig. ZDF-Korrespondentin Katrin Eigendorf hat ihn für das auslandsjournal exklusiv interviewen können. Frauenrechte, Frieden, Zusammenarbeit - keine unbedingt zu erwartenden Assoziationen, wenn man an die Taliban-Herrschaft der 90er Jahre denkt. Den Austausch mit Deutschland wisse man laut Shaheen zu schätzen. Womöglich auch, weil man auf die Hilfe aus dem Westen angewiesen ist. Nicht zuletzt auf Geld, was das Land dringend benötigt.

ZDF: Welche Beziehung wünschen Sie sich zu Deutschland?

Suhail Shaheen: In dieser Phase, in der die Besatzung beendet ist, wollen wir eine positive und gute Beziehung zu Deutschland haben. Wir begrüßen ihren Beitrag zu Afghanistan, weil wir ihn brauchen. Wir befinden uns in einer entscheidenden Phase. Wir brauchen den Wiederaufbau des Landes, wir müssen Frieden im Land schaffen. Unser Volk braucht Beschäftigung und Arbeitsplätze. Wir wollen, dass Deutschland und andere Länder mit uns zusammenarbeiten.

Sehen Sie hier ein Video über die aktuelle Lage in Afghanistan und die Position der Taliban:

Die letzten US-Soldaten haben Afghanistan verlassen. Jetzt ist das Land vollständig unter der Kontrolle der Taliban. Mit Bildern der letzten verbliebenen Kamerateams zeigen wir, wie sich der Alltag für die Menschen verändert.

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4 min
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ZDF: Afghanistan ist nach wie vor eines der ärmsten Länder der Welt. Zwei Drittel Ihres Haushalts sind internationale Hilfsgelder. Jetzt ist eine Menge Geld eingefroren, auf das Sie keinen Zugriff mehr haben. Wie wollen Sie diese Notlage überwinden?

Shaheen: Die Frage ist, warum Sie [Deutschland] in einer so entscheidenden Zeit, in der die Menschen in Afghanistan in großer Not sind, die Hilfsgelder eingefroren haben. Ich denke, es entspricht nicht den humanitären Werten und Grundsätzen, wenn die Menschen unter der Armutsgrenze leben und jemand kommt und das Geld einfriert.

ZDF: Sie erwarten also von Deutschland, dass es Ihnen Geld gibt und Ihr Land unterstützt?

Shaheen: Ja.

ZDF: Welche Zugeständnisse sind Sie bereit, Deutschland gegenüber zu machen?

Shaheen: Sehen Sie, das Geld ist für die Menschen, für das Leben der Menschen in Afghanistan. Es ist nicht für uns. Die Regierung wird auf jeden Fall ein besseres Leben haben, aber das einfache Volk braucht Chancen und Arbeitsplätze. Dadurch wird der Frieden gestärkt, was im Interesse aller ist.

ZDF: Garantieren Sie, dass Menschen Afghanistan verlassen können?

Shaheen: In dieser Hinsicht ist unsere Politik klar: Jeder, der ein entsprechendes Dokument, einen Pass oder ein Visum hat, kann mit kommerziellen Flügen ins Ausland reisen. Alle Afghanen sollten in Afghanistan bleiben, es ist ihr Land, es braucht sie, es braucht ihre Fähigkeiten und Talente für den Wiederaufbau. Aber wenn sie sich entscheiden, nach Deutschland oder in ein anderes Land zu gehen, kann sie niemand daran hindern.

Hier lesen Sie, wie zurückgelassene Menschen versuchen, aus dem Land auszureisen:

Hunderte von Menschen, von denen einige Dokumente in der Hand halten, versammeln sich im Rahmen der Evakuierungen aus dem Land an Bussen in der Nähe eines Kontrollpunkts am Rande des internationalen Flughafens Hamid Karzai in Kabul.

In Afghanistan - Die Zurückgelassenen 

Deutschland hat die Evakuierungsflüge nach Kabul eingestellt. Die Zurückgebliebenen ringen jetzt um Sicherheit und suchen andere Wege aus dem Land.

von Katrin Eigendorf

ZDF: Was ist mit den Frauen und Frauenrechten? Dürfen Frauen zum Beispiel zur Arbeit und zur Schule gehen?

Shaheen: Das Bildungsministerium hat vor zwei Tagen alle Rektoren, Professoren, Dozenten, Verwaltungsangestellten und so weiter, ob männlich oder weiblich, aufgefordert, ihre Arbeit wieder aufzunehmen. Dasselbe hat das Gesundheitsministerium getan und alle männlichen und weiblichen Arbeitnehmer aufgefordert, ihre Arbeit wieder aufzunehmen. Ich hoffe, die anderen Ministerien werden folgen.

Was Frauenrechte betrifft, so setzen wir uns für ihre Grundrechte ein, auch in Bezug auf Bildung und Arbeit. Im Moment sind alle Mädchenschulen geöffnet, es gibt keine neuen Beschränkungen. Außer, dass sie einen Hijab tragen, weil sie Musliminnen sind.

Ein Bericht über Frauen in Afghanistan seit der Machtübernahme sehen Sie hier:

Seit der Machtübernahme der radikal-islamischen Taliban trauen sich viele Frauen in Afghanistan nicht mehr auf die Straße, dürfen nicht mehr arbeiten gehen. Sie bangen um die Rechte, die sie sich in den letzten Jahren erkämpft haben.

Beitragslänge:
2 min
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ZDF: Was sind in Ihren Augen die größten Hindernisse bei Verhandlungen mit westlichen Ländern?

Shaheen: Unsere Gesellschaften sind verschieden, das ist Fakt. Wir sind eine asiatische, islamische Gesellschaft, Sie sind eine westliche Gesellschaft, aber wir können miteinander kooperieren und friedlich koexistieren. Wir können in vielen Bereichen zusammenarbeiten - im Bildungsbereich, im technischen Bereich, in der Wirtschaft. Ihre Investitionen in unsere natürlichen Ressourcen sind willkommen.

Aber wir müssen akzeptieren, dass wir unterschiedliche Kulturen haben, zum Beispiel ist in unserer Gesellschaft der Hijab für eine muslimische Frau Pflicht, und es wird von ihr erwartet, ihn zu tragen. Aber vielleicht ist das in Ihrer Gesellschaft nicht so und eine Frau kann in der Schule ohne Hijab unterrichtet werden. Aber in unserer Gesellschaft wird sie zur Schule gehen und Bildung erhalten, während sie den Hijab trägt. Das ist der Unterschied. Es geht also nicht um ihr Recht auf Bildung, sondern um den Unterschied in der Kultur.

ZDF: Wo sehen Sie den Unterschied zwischen den Taliban in den 90er Jahren und Ihrer Generation?

Shaheen: In den 90er Jahren waren wir Anfänger. Wir hatten noch nicht so viel Erfahrung mit der Führung einer Regierung, mit Beziehungen zu anderen Ländern. Und wir waren auch nicht in den Medien aktiv. Wir haben uns auf unsere militärischen Angelegenheiten konzentriert. Wir hielten es für sehr wichtig, zunächst ganz Afghanistan unter unserer Kontrolle zu haben, und dann haben wir uns anderen wirtschaftlichen Bereichen und anderen Dienstleistungen zugewandt.

Aber jetzt haben wir diese Politik nicht mehr. Ja, militärische Angelegenheiten und Sicherheit sind wichtig, aber gleichzeitig ist es wichtig, Möglichkeiten für die Menschen zu schaffen, um den Lebensstandard der Menschen zu heben, Arbeitsplätze zu schaffen und positive und gute Beziehungen zu anderen Ländern zu haben.

Das Interview führte ZDF-Korrespondentin Katrin Eigendorf.

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