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Terrorgefahr Afghanistan - Eine gefährliche Fehleinschätzung

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Ex-US-General Michael Nagata warnt vor einer global steigenden Terrorgefahr durch den US-Truppenabzug aus Afghanistan. Anti-Terror-Operationen aus der Ferne seien schwierig.

Bewaffnete Taliban-Kämpfer kontrollieren einen Eingang in Kabul.
Afghanistan droht, so Experten, wieder eine Schutzzone für Anschlagsplaner zu werden.
Quelle: AP

Über 30 Jahre hat Michael Nagata Terroristen bekämpft, als Soldat, als Kommandeur von US-Spezialeinheiten, als strategischer Direktor im Anti-Terror-Zentrum der USA. Jetzt sieht der Ex-General mit Schrecken, dass die US-Regierung wichtige Werkzeuge in diesem Kampf aus der Hand gibt - durch den Abzug aus Afghanistan:

Wenn wir uns entscheiden, nichts zu tun außer Anti-Terror-Operationen aus der Ferne, erhöht dies das Risiko bei unseren Einsätzen so sehr, dass nach einer Weile auch schwere Niederlagen unvermeidlich sind.
Michael Nagata, Ex-US-General

Damit meint Nagata Anschläge wie am 11. September 2001. Damit sich solche Angriffe nie wiederholen, weder in den USA noch in den Ländern ihrer Verbündeten, war die NATO in den Krieg gezogen gegen den Terrorismus. Allein in Afghanistan forderte dieser Krieg unzählige Verletzte, mehr als dreieinhalbtausend Tote bei amerikanischen und alliierten Streitkräften.

Biden: Mission in Afghanistan erfüllt

2011 wurde Osama bin Laden von den USA "ausgeschaltet". Zehn Jahre danach ist für US-Präsident Joe Biden die Mission damit erfüllt. Am 20. August fragte er bei einer Pressekonferenz "welche Interessen haben wir da noch, nachdem Al-Kaida nun weg ist?" Aber Al-Kaida existiert immer noch, ist nicht besiegt.

Trotzdem behauptet die US-Regierung, auch jede künftige Terrorgefahr im Griff zu haben - aus der Ferne. "Seit 9/11 sind unsere Fähigkeiten, mit Terrorismus auch da fertigzuwerden, wo wir keine Soldaten haben, immens gewachsen", so Außenminister Antony Blinken, am 22. August, "wir können jetzt Dinge tun, die vor 20 Jahren nicht möglich waren. Wenn die Gefahr in Afghanistan wieder auftaucht, werden wir damit fertig."

Als die Taliban das letzte Mal an der Macht waren, konnten sich internationale Terrorzellen wie Al Qaida dort ungehindert ausbreiten. Droht Afghanistan zum sicheren Rückzugsort für islamistische Terroristen zu werden?

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6 min
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Nagata: Anti-Terrorkampf braucht Nähe

Irrtum, meint Michael Nagata, Terroristen aus der Ferne stoppen, reines Wunschdenken: "Man kann sie unter Druck setzen, auch stören, aber man kann sie nicht strategisch besiegen und sicher auch nicht vollständig vernichten. Es ist zu weit weg." Der Anti-Terrorkampf brauche Nähe, um die richtigen Ziele auszuschalten und Terrorpläne dauerhaft zu vereiteln.

Mit Kommandoaktionen oder mit gezielten Drohneneinsätzen. Die sind nur mit Stationierungen innerhalb der Regionen möglich, Angriffe nur dann erfolgreich, wenn es menschliche Quellen vor Ort gibt, die verlässliche Informationen liefern. Die größte Gefahr in der Region sieht Nagata im ISK, dem Ableger des IS in Afghanistan.

ISK: Globaler Terrorismus

Der "Islamische Staat Khorasan", so der volle Name, verfügt über rund 800 Kämpfer, sieht sich als Feind der Taliban und propagiert den globalen Terrorismus. Aber auch Al-Kaida bleibt eine Bedrohung mit einem weltweiten Terrornetz. Die Filialen von Mali bis Bangladesch feiern den Abzug der Alliierten als großen Sieg. Die 600 Al-Kaida-Kämpfer in Afghanistan sind eng verzahnt mit den Taliban.

Michael Nagata glaubt, dass der Fall von Kabul Terroristen rund um den Globus motiviert und dass Afghanistan wieder eine Schutzzone werden kann für Anschlagsplaner von Al-Kaida und IS: "Ob sie eine massive, clevere, komplizierte Attacke verüben können, weiß ich nicht, aber ich kenne beide Organisationen gut genug: Wenn sie die Gelegenheit bekommen, werden sie die Fähigkeit dafür entwickeln."

Kann Pakistan helfen?

Deshalb, so meint Nagata, müsse der Westen von den Taliban fordern, dass sie Terrorgruppen keinen Schutz geben. Helfen soll dabei Pakistan. Aber dessen Regierung steht unter dem Verdacht, den Kampf der Taliban gegen die afghanische Armee mit finanziert zu haben. Im Interview mit dem ZDF bestreitet das der pakistanische Botschafter in Washington, Asad Majeed Khan:

Wir haben eine Beziehung zu den Taliban, aber wir kontrollieren und finanzieren sie nicht. Sie sind nicht auf unserer Gehaltsliste.
Asad Majeed Khan, pakistanischer Botschafter in Washington

Seine Regierung, so Khan, werde alles tun, um das Wiedererstarken von Terrorgruppen zu verhindern: "Wir werden mit dem Westen und anderen Ländern weiter zusammenarbeiten, weil wir von denselben Terrorgruppen bedroht werden, wie sie." Botschafter Khan hält die Taliban für kompromissbereit. Sie stünden unter Erfolgsdruck, den Menschen in Afghanistan bessere Perspektiven zu bieten als die bisherige Regierung.

Afghanistan: Instabilität verhindern

Michael Nagata empfiehlt, den Einfluss Pakistans auf die Taliban zu nutzen, um sie zur Einhaltung der Menschenrechte zu bewegen: "Es ist in unserem Interesse, einen Weg zu einer Zusammenarbeit mit den Pakistanern zu finden, um dann schlimme Dinge zu verhindern, die aus einer Instabilität in Afghanistan entstehen könnten."

Trotzdem bleibt der ehemalige Kommandeur bei den Spezialkräften skeptisch. Dass die Taliban Menschen- und Frauenrechte garantieren und Terrorgruppen keine Zuflucht gewähren, hält er für kaum vorstellbar. Deshalb könnte sich der Terror des 11. Septembers 2001 doch wiederholen, meint er - in den USA und in den Ländern ihrer Verbündeten.

US-Soldaten sichern den Flughafen von Kabul am 15.08.2021.
FAQ

Deadline 31. August - Was der Afghanistan-Abzug der USA bedeutet 

Bis zum 31. August sollen alle US-Truppen aus Afghanistan raus. Wieso der US-Präsident bei dieser Deadline bleibt und welche Folgen das hat - Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Nina Niebergall, Washington D.C.

Elmar Theveßen ist Leiter des ZDF-Studios in Washington

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