Expertin zu AKW Saporischschja: Worst Case wie in Fukushima

    Interview

    Expertin zu AKW Saporischschja:"Worst Case wäre wie in Fukushima"

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    Die Lage im ukrainischen Atomkraftwerk Saporischschja ist weiter angespannt. AKW-Expertin Wendland warnt vor katastrophalen Folgen, wenn die Notversorgung mit Strom zusammenbricht.

    AKW Saporischschja
    AKW Saporischschja: IAEA dringt auf Maßnahmen zur Verhinderung eines Atomunfalls.
    Quelle: Victor/XinHua/dpa

    International wächst weiter die Sorge um das Atomkraftwerk Saporischschja in der Ukraine. Erneut sind nach einem Beschuss alle Reaktoren vom Netz genommen worden. Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) schlug am heutigen Dienstag Alarm: In ihrem Bericht über die Erkundungsmission nach Saporischschja heißt es, die Situation am größten Kernkraftwerk Europas sei "unhaltbar".
    Die Mitarbeiter erlebten selbst den Beschuss und dokumentierten in ihrem Report die Schäden auf Fotos. Doch ein Raketeneinschlag am Reaktor wäre nicht die einzige Gefahr, die einen GAU auslösen könnte: Die Technikhistorikerin und Expertin für Reaktorsicherheit, Anna Veronika Wendland, warnt im ZDF-Interview vor katastrophalen Folgen für den Fall, dass durch Beschuss in der Umgebung die Notversorgung mit Strom zusammenbricht.
    ZDFheute: Macht sich die Welt zu Recht große Sorgen um die Sicherheit des Kraftwerks Saporischschja?
    Veronika Wendland: Ja. Wir wissen inzwischen, dass die Anlage durch den Beschuss de facto vom ukrainischen Landesnetz und neuerdings auch vom Reservenetz getrennt ist. Bislang war sie immer noch am Reservenetz - das, was ein Kernkraftwerk braucht, um sich regulär mit Strom zu versorgen, vor allem, wenn die Mehrzahl der Blöcke selbst nicht läuft.
    Die aktuellste Information ist jetzt, dass derzeit tatsächlich nur noch Block sechs den Eigenbedarf des Kraftwerks produziert und auch die letzte Verbindung abgebrochen ist, um Strom ins Netz abzugeben. Das bedeutet, dass der Reaktor auf Teillast runtergefahren wird, um dann nur noch den Eigenbedarf des Kernkraftwerks zu bestreiten. Das heißt "Lastabwurf auf Eigenbedarf" und ist allenfalls zur Überbrückung kürzerer Ausfälle gedacht, aber es ist keine reguläre Situation.
    ZDFheute: Worin besteht die Gefahr?
    Wendland: Es besteht die Gefahr, dass das eben auch nicht mehr funktioniert und Sie Notstrom-Dieselaggregate einsetzen müssen, um die Versorgung des Kernkraftwerks zu gewährleisten. Denn ein Kernkraftwerk braucht immer selbst Strom, insbesondere für die Nachkühlkette, für die Reaktoren und die Abklingbecken. Die Pumpen der Nachkühlkette müssen zuverlässig mit Strom versorgt werden.

    wendland

    ... ist Osteuropa- und Technikhistorikerin am Herder-Institut in Marburg. Sie hat jahrelang in einem ukrainischen Kernkraftwerk geforscht. Wendland engagiert sich für die friedliche Nutzung von Kernkraft zur Stromerzeugung.

    ZDFheute: Und wenn nicht? Was ist der Worst Case?
    Wendland: Der Worst Case wäre wie in Fukushima: Damals ist Tsunami-bedingt die Notstromversorgung zusammengebrochen, als die Schaltanlagen und Notstrom-Aggregate überflutet wurden. Diese Angst steht natürlich auch im Raum für den Fall, dass Saporischschja auf Notstromdiesel angewiesen ist - und dann womöglich nach einigen Tagen die Treibstoffvorräte ausgehen oder Dieselaggregate ausfallen.
    ZDFheute: Die Sprecherin des russischen Außenministeriums behauptet, die Ukraine provoziere selbst eine nukleare Katastrophe.
    Wendland: Das ist natürlich Unsinn. Denn man sollte sich immer klarmachen, dass die Ursache aller Probleme im Kernkraftwerk Saporischschja die russische Besatzung ist und die Kriegshandlungen, die durch den russischen Angriffskrieg ausgelöst werden.
    Selbst die entfernt von der Anlage stattfindenden Beschädigungen der Hochspannungsleitungen, die dafür sorgen, dass die Anlage sauber am Netz hängt - das ist letzten Endes durch diesen Krieg verursacht. Und der Verursacher sitzt in Moskau.
    Das Interview führte Joachim Bartz aus der "frontal"-Redaktion
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