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Anschlag von Halle - "Es gab nie eine Zeit ohne Antisemitismus"

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Zum zweiten Mal jährt sich der Anschlag auf die Synagoge in Halle. Antisemitismus sei allerdings nicht nur Gewalt, erklärt Dr. Julia Bernstein im Gespräch. Der beginne im Alltag.

Der Stern der jüdischen Gemeinde in Halle.
Der Stern der jüdischen Gemeinde in Halle.
Quelle: dpa-zentralbild/Jan Woitas

Vor genau zwei Jahren, am 9. Oktober 2019, versuchte ein Rechtsextremist in Halle an der Saale mit einer Waffe und selbst gebauten Sprengsätzen in die Synagoge im Paulusviertel einzudringen. Es war Jom Kippur, der höchste jüdische Feiertag, und in der Synagoge befanden sich gut 50 Menschen. Der Angreifer schoss mehrmals auf die Tür, konnte sie aber nicht öffnen. Seinen Plan eines Massakers, das er auch noch live im Internet streamen wollte, scheiterte, er erschoss dann aber noch eine Passantin und einen Mann in einem Imbiss.

Halle: Schockierend aber nicht überraschend

Die Tat war ein Schock für das Land. Für die Politik, die Zivilgesellschaft und auch für die jüdische Bevölkerung in Deutschland. Bundesinnenminister Horst Seehofer erklärte heute zum zweiten Jahrestag:

Der Anschlag auf die Synagoge in Halle hat mich tief erschüttert. 'Ihr könnt uns nicht schützen' rief mir danach ein junger Mensch zu. Ein bewegender Satz, der schmerzt und alarmiert. Angriffe auf Jüdinnen und Juden in Deutschland sind Angriffe auf unsere Demokratie, unsere Freiheit und unsere Werte. Wir werden Antisemitismus mit der vollen Härte des Rechtsstaates bekämpfen. Wir werden alles dafür tun, die Menschen in unserem Land zu schützen.
Horst Seehofer

Überraschend war die Tat für viele Jüdinnen und Juden dagegen allerdings nicht, erklärt Prof. Dr. Julia Bernstein von der Frankfurt University of Applied Sciences im Interview mit ZDFheute. Sie lehrt und forscht dort zum Thema "Diskriminierung und Inklusion in der Einwanderungsgesellschaft".

Was in Halle passiert ist, war für viele nicht jüdische Menschen schockierend und plötzlich, aber es gab nie eine Zeit, in der jüdische Menschen in Deutschland ohne Antisemitismus gelebt haben. Jüdinnen und Juden waren auch schockiert, aber nicht wirklich überrascht.
Dr. Julia Bernstein

Betroffene berichten seit Jahren von unterschiedlichen Formen von antisemitischer Gewalt. Systematisch untersucht wird das Thema aber erst seit wenigen Jahren: Bis 2017 habe es aber noch keine Studie gegeben, die Juden nach ihren Erfahrungen mit Antisemitismus befragt hatte, so Bernstein. Man habe eher über Juden gesprochen als mit ihnen. Seitdem sei das Bewusstsein für Antisemitismus etwas besser geworden.

Vorfall in Hotel in Leipzig "nur einer von vielen"

Vergleichbar sei die Situation auch bei antisemitischen Vorfällen im Alltag: Am Dienstag berichtete der Sänger Gil Ofarim, dass er in einem Hotel am Einchecken gehindert worden sei, weil er einen Davidstern als Kette um den Hals trug. Auch bei diesem Fall war das mediale Echo groß, Politiker und Prominente verurteilten das Verhalten des Hotelmanagers und forderten etwa einen "Schulterschluss der Gesellschaft" gegen Antisemitismus.

Der Musiker Gil Ofarim beklagt antisemitische Diskriminierung in einem Leipziger Hotel. Wegen seiner Davidstern-Kette sei er am Einchecken gehindert worden. Der beschuldigte Hotelangestellte bestreitet die Vorwürfe. Die Staatsanwaltschaft ermittelt.

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Doch auch diese Situation, in der Gil Ofarim war, sei für viele Jüdinnen und Juden Alltag, erklärt Dr. Bernstein. Die Befragten ihrer empirischen Forschungen berichteten seit Jahren, dass das die Realität für jüdische Menschen in Deutschland sei. Die meisten würden sich nicht trauen, einen Davidstern zu tragen, weil er oft als Zeichen der Unterdrückung der Palästinenser durch den israelischen Staat interpretiert wird.

Es ist gefährlich, einen Davidstern in Deutschland zu tragen. Das berichten uns die Befragten die ganze Zeit.
Dr. Julia Bernstein

60 Prozent aller Juden denken an Auswanderung

Der Vorfall in Leipzig ist nicht vergleichbar mit der schrecklichen Tat von Halle, reiht sich aber ein in eine lange Kette von antisemitischen Ereignissen, Handlungen oder Worten, die eine Atmosphäre schaffen, die für jüdische Menschen unangenehm ist. Seien es Judensterne auf Corona-Demonstrationen, brennende Israel-Flaggen oder Redewendungen wie "Bis zur Vergasung".

Etwa 60 Prozent der Juden in Deutschland denken an eine Auswanderung, weil sie sich nicht sicher und nicht geschützt fühlen, erklärt Bernstein. Viele denken: "Habe ich hier einen Platz, haben meine Kinder hier noch eine Zukunft?"

Antisemitismus wird oft marginalisiert

Ein großes Problem im Umgang mit Antisemitismus sei, dass er bis heute nicht wirklich als ein real existierendes Problem eingeordnet wurde, meint die Psychologin Marina Chernivsky. Sie leitet eine Beratungsstelle für Betroffene antisemitischer Diskriminierung und Gewalt (OFEK e.V.) und hat auch Betroffene des Halle-Anschlags betreut.

Ein Anschlag wie in Halle oder Hanau teilt das Leben der Betroffenen und Angehörigen in davor und danach. Wir wissen, wann das Trauma beginnt, aber nicht wo und wann es endet.
Marina Chernivsky

Zur Heilung brauchten die Betroffenen nicht nur Zeit und praktische Begleitung von entsprechenden Beratungsstellen, sondern auch die Gewissheit, dass die Gesellschaft um sie herum um die Bedrohung weiß und alles tut, um diese Kette der Gewalt zu unterbrechen.

Einen sehr persönlichen Eindruck zum Thema Antisemitismus in Deutschland 2021 können Sie hier in einem Gastbeitrag lesen:

Der Spruch «Gegen jeden Antisemitismus!» an einer Wand.
Kommentar

Zwei Jahre nach Halle - Antisemitische Strukturen überwinden 

Der Anschlag von Halle 2019 richtete sich gegen die jüdische Gemeinschaft und jede andere Minderheit in Deutschland. Leider steckt Antisemitismus fest in Menschen und Strukturen.

von Marina Chernivsky

Öffentlichkeit ist wichtig im Kampf gegen Antisemitismus

Aber was ist der Ausweg aus dem Antisemitismus? Wie kann entgegengewirkt werden? Für Julia Bernstein ist ein Weg, Fälle öffentlich zu machen, wie es Gil Ofarim getan hat. Das zeige, dass Antisemitismus eine sehr reale Gefahr ist und nicht eine oft unterstellte Opfermentalität oder Übersensibilität.

Außerdem sei eine lernende und zuhörende Haltung zur jüdischen Perspektiven wichtig.

Da soll jeder bei sich anfangen, Antisemitismus ernst nehmen, es benennen und reflektieren, und dann versuchen dagegen was zu unternehmen, Solidarität zeigen, wenn es im eigenen Umfeld stattfindet.
Dr. Julia Bernstein

Zivilcourage könnte dadurch wachsen. Schließlich sei die deutsche Geschichte eng mit dem Judentum verknüpft, "es ist in gewisser Weise die Grundlage der demokratischen Entwicklung in Deutschland."

Symbolbilder zum Urteil von Halle. Kerzen, Blumen und eine Kippa

Nachrichten | Politik - Über Antisemitismus und Rassismus  

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