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Frontal 21 - "Scheiß Jude" - Antisemitismus im Klassenzimmer

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Judenhass an Schulen ist lange unterschätzt worden. Der Antisemitismusbeauftragte fordert nun eine einheitliche Meldepflicht. Doch viele Bundesländer erfassen Vorfälle noch nicht.

Archiv: Zwei Jungen mit Kippa sitzen in der Talmud Tora Schule in Hamburg.
Archiv: Zwei Jungen mit Kippa sitzen in der Talmud Tora Schule in Hamburg.
Quelle: DPA

Liam Rückert hat es an seiner Schule in Berlin nicht mehr ausgehalten. Monatelange wurde er von anderen Schülern gemobbt - weil er Jude ist. "Sie haben mich Scheiß Jude genannt oder Scheiß Israeli - ohne Grund. Und ich habe mich gewundert, warum sie das tun. Ich bin auch nur ein Mensch", erzählt der 16-Jährige im Interview mit dem ZDF-Magazin "Frontal 21".

Das Opfer geht, der Täter bleibt

An der Gesamtschule in Berlin-Spandau, im Westen der Hauptstadt, haben viele Schüler einen Migrationshintergrund. Von muslimischen Mitschülern bekommt Liam zu hören: Juden seien hier unerwünscht. Liams Mutter hat seinen Fall öffentlich gemacht und daraufhin viele Reaktionen von anderen jüdischen Eltern bekommen, deren Kinder ähnliche Erfahrungen gemacht haben: "In vielen Fällen geht das Opfer und der Täter bleibt." Auch Liam hat seine Schule mittlerweile verlassen.

Liam Rückert
Liam Rückert hat seine Schule wegen Anfeindungen verlassen.
Quelle: ZDF

"Wir erleben in Deutschland wieder einen verstärkten Rassismus, eine Fremdenfeindlichkeit, auch einen deutlicheren Antisemitismus in einem Ausmaß, wie ich ihn mir selber vor zehn Jahren nicht hätte vorstellen können", sagt der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, im Gespräch mit "Frontal 21". Umso wichtiger seien Gedenktage wie die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, die sich am kommenden Montag zum 75. Mal jährt. "Ich denke, es ist die Möglichkeit, sich ganz klar vor Augen zu führen, zu was ein solches Klima, zu was Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, Antisemitismus führen kann, aber nie wieder führen darf."

Im Alltag wird Antisemitismus in Deutschland oft verharmlost, vertuscht, verschwiegen - auch an Schulen. Um dem entgegenzuwirken, fordert der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, eine Meldepflicht in allen Bundesländern für judenfeindliche Vorfälle an allen Schulen. "Es wird in viel zu vielen Fällen noch alles unter den Teppich gekehrt, und dem kann man nur begegnen, wenn man eine Meldepflicht hat."

Das ZDF-Magazin "Frontal 21" hat alle Bundesländer gefragt, wie viele antisemitische Vorfälle es an ihren Schulen gab. Bayern, Bremen, Hamburg, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und das Saarland konnten dazu keine Zahlen nennen. Hier gibt es keine Meldepflicht. Manche Bundesländer meldeten in einem Zeitraum von zwei Jahren nur einzelne Fälle: Schleswig-Holstein (ein Fall), Mecklenburg-Vorpommern (2), Sachsen-Anhalt (3), Hessen (5), Rheinland-Pfalz (9), Thüringen (10). In Sachsen gab es in den vergangenen zwei Jahren 14 antisemitische Vorfälle an Schulen, in Brandenburg 17.

Baden-Württemberg verzeichnet die meisten Fälle

Die meisten judenfeindlichen Taten meldeten Berlin - 36 Vorfälle in den vergangenen zwei Schuljahren - und das einwohnerstarke Baden-Württemberg: 45 Fälle. Das liege unter anderem daran, sagt der Antisemitismusbeauftrage Klein, dass es in beiden Ländern eine Meldepflicht gibt. "In Berlin ist die Lage aber insofern eine ganz besondere, weil es hier eine Community von muslimischen Schülern gibt und damit einen Antisemitismus, der auf Israel bezogen ist."

Wer als Jude in Deutschland lebt, kennt sie - die Angst. Aufgewachsen unter Sicherheitsvorkehrungen und immer wieder Anfeindungen und offenem Antisemitismus ausgesetzt. Die Statistik zeigt, dass die Zahl der Vorfälle und Angriffe in den letzten Jahren …

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Liam Rückert hat schon Konsequenzen gezogen. Er geht seit 2018 in Israel zur Schule - auf die "Mosenson Academy" in der Nähe von Tel Aviv. In dem Internat lernen Schüler aus aller Welt zusammen. Inzwischen kommen immer mehr Kinder aus Deutschland. Liam fühlt sich hier wohler als in seiner Heimatstadt Berlin: "Ich finde es auf jeden Fall viel besser, weil ich hier offen rumlaufen kann und einfach allen erzählen, dass ich jüdisch bin und es interessiert keinen, weil hier alle jüdisch sind. Das ist einfach ein riesiger Unterschied."

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