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Interview

Antisemitismus in Deutschland - "Wir fühlen uns nicht mehr sicher"

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"Tötet die Juden." Solche Rufe mitten in Deutschland waren für Kantorin Avitall Gerstetter ein Schock. Sie verlangt von der Politik mehr als Reden. Und initiierte eine Warn-App.

Der alte Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern ist neu entfacht. Auch in Deutschland wird deshalb demonstriert.

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ZDFheute: Sie kritisieren, dass Politik in Sonntagsreden gegen Antisemitismus ist, aber zu wenig dagegen macht. Was erwarten Sie?

Avitall Gerstetter: Ich erwarte, dass sich die Spitzenpolitiker auf den Demos, wie wir sie letzten Samstag erlebt haben, zeigen. Dass sie sich dort offen für das Existenzrecht Israels aussprechen und sich nicht erst einen Tag später in Solidaritätsbekundungen ergehen. Natürlich wünsche ich mir auch ein sofortiges Eingreifen der Polizei gegen Antisemitismus und eine Verschärfung bei antisemitischen Straftaten. Letzten Samstag waren in Berlin viel zu wenig Beamte im Einsatz.

ZDFheute: Die Polizei war zu schlecht vorbereitet?

Gerstetter: Ich hatte den Eindruck, ja. Sie war überfordert.

Das war für mich ein großer Schock, weil die Machtlosigkeit des Staates sichtbar wurde.
Avitall Gerstetter

ZDFheute: Grünen-Chefin Baerbock hatte am Freitag eine Synagoge besucht, alle Parteien haben sich gestern gegen Antisemitismus ausgesprochen, der Schutz der Jüdinnen und Juden als Staatsräson bezeichnet. Warum reicht Ihnen das nicht?

Gerstetter: Bloße Worte allein genügen nicht. Es müssen Taten folgen, nicht nur diese netten Worte in geschlossenen Räumen, die Politiker immer von sich geben. Sie müssen bei diesen Demonstrationen in vorderster Reihe, im Grunde noch vor den Polizisten, stehen und damit sagen: Stopp! Wer sich gegen unsere Regeln stellt, muss mit Konsequenzen rechnen. Das muss deutlicher gemacht werden.

Vor dem Hintergrund der Anti-Israel-Proteste in Deutschland betont Ahmad Mansour, deutsch-israelischer Psychologe und Extremismus-Experte: Antisemitismus sei kein speziell muslimisches Phänomen, sondern „herkunftübergreifend“.

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ZDFheute: Ähnliche Demonstrationen gab es ja schon öfter. Sind die antisemitischen Ausschreitungen schlimmer geworden?

Gerstetter: Ja, in der Tat, es ist schlimmer geworden. Es geht bei allen Taten um Unkenntnis, Vorurteile, Ausgrenzung, Stigmatisierung. Wir müssen viel klarer sein: Wir verschwenden viel zu viel Zeit dafür, zwischen den unterschiedlichen Ausprägungen des Antisemitismus zu differenzieren und zu debattieren, welcher Antisemitismus es ist …

ZDFheute: … also ob von Linken, Rechten oder Zugewanderten?

Gerstettter: Ja, das ist für die Handlung selbst weniger interessant.

Mich beschleicht mittlerweile das Gefühl, dass wir Antisemitismus viel zu lange haben gewähren lassen und dass wir die Uhr nicht mehr zurückdrehen können.
Avitall Gerstetter

Das ist mein Gefühl, nachdem ich Zeugin des offenen Hasses gegen Juden auf der Demo wurde.

Der Deutsche Bundestag befasst sich heute in einer Aktuellen Stunde mit den Kämpfen zwischen Israel und palästinensischen Hamas. Diskutiert wird auch über antisemitische Vorfälle in Deutschland nach Beginn der Auseinandersetzungen im Nahen Osten.

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ZDFheute: Wie würden Sie die Stimmung unter Jüdinnen und Juden zurzeit beschreiben?

Gerstetter: Bedrückt, sehr sorgenvoll und auch ratlos. Gerade, was die Zukunft in Deutschland betrifft, ist eine große Ratlosigkeit unter den jüdischen Menschen. Bei der Demonstration gab es Mordaufrufe, am helllichten Tag, nicht versteckt, sondern offen mitten in Berlin hunderte Antisemiten. Und die Polizei steht ratlos daneben, weit und breit kein Politiker in Sicht. Wie soll man sich da als jüdischer Mensch fühlen?

Wenn hunderte Menschen drohen, uns und unsere Kinder umzubringen, dann fühlt man sich nicht mehr sicher und vom Staat geschützt.
Avitall Gerstetter

ZDFheute: Erleben Sie auch eine Radikalisierung im Alltag?

Gerstetter: Ich merke es auf jeden Fall. In jedem Bereich. Auf Facebook, wo immer offener, ungenierter, salonfähiger antisemitische Bemerkungen gemacht werden. In den Schulen, überall.

Im Nahost-Konflikt gab es erneut Waffengänge beider Parteien. Die Araber in Israel haben derweil zum Generalstreik aufgerufen. Aus Tel Aviv berichtet ZDF-Korrespondent Axel Storm.

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ZDFheute: Sie wollen eine Warn-App "Push the red Button" ins Leben rufen, als Warn-App bei antisemitischen Vorfällen.

Gerstetter: Ich bin viel auf Facebook. Dieses wunderbare Netzwerk der Solidarität möchte ich nicht nur virtuell, sondern auch in der Gesellschaft erleben. Jüdische Menschen sollen sich sicherer fühlen.

Wenn sie bedroht werden, können sie auf der App den roten Knopf drücken. Der löst auf dem Smartphone einen Alarmton und einen Hilferuf in der Standortanzeige aus, der dann andere, die diese App installiert haben, und im Idealfall auch die Polizei alarmiert. Wir starten heute eine Fundraising-Aktion für diese App, denn Unterstützung der Politik erwarte ich nicht.

Nach der antisemitischen Demonstration hält die jüdische Gemeinde in Gelsenkirchen zusammen, sagt die Vorsitzende Judith Neuwald-Tasbach.

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ZDFheute: Gar nicht mehr?

Gerstetter: Nein. Ich erlebe seit Jahren wohlfeile Reden. Wir brauchen aber konkretes Handeln. Ich glaube einfach, dass sich damit jüdische Menschen und Besucher aus dem Ausland sicherer fühlen würden.

Das Interview führte Kristina Hofmann.

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