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EM-Viertelfinale in Baku - Fußballspiele für den Diktator

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2020 führte Aserbaidschan Krieg, jetzt präsentiert sich das Land als ein freundlicher Gastgeber der Fußball-EM. Dabei benutzt die autoritäre Staatsmacht den Sport als Showbühne.

Das Olympia-Stadion in Baku
Im Stadion in Baku wird das EM-Viertelfinale Tschechien gegen Dänemark ausgetragen.
Quelle: Imago

Wie Perlen aufgefädelt hängen die Helme getöteter armenischer Soldaten in Aserbaidschans Hauptstadt Baku. Trophäen der Gewinner eines Krieges, der im vergangenen Herbst Tausende Menschenleben zerstörte. Aserbaidschans Präsident Ilham Alijew gefällt die makabre Installation. Den Sieg über Armenien bezeichnete er wiederholt als Triumph des "Hasses".

Das Stadion als Politik-Bühne

Im Stadion von Baku wird Alijew heute dagegen während des Viertelfinals zwischen Tschechien und Dänemark den freundlichen EM-Gastgeber mimen. Die Kriegsausstellung und das EM-Stadion: Zwei Orte in einer Stadt, die eigentlich Welten trennen und doch eines vereint: die Politik.

Zwar pocht der europäische Fußballverband UEFA darauf, Sport und Politik strikt voneinander zu trennen. Allerdings kümmert das Alijew nicht. Während des Gruppenspiels zwischen Wales und der Türkei ließ er sich im Stadion mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan feiern.

"Brüder" Alijew und Erdogan vereint in Siegerpose

Die beiden Politiker bezeichnen sich als "Brüder", Erdogan unterstützte Alijew im Krieg gegen Armenien und besuchte mit ihm vor dem EM-Gruppenspiel die zurückeroberte Stadt Schuscha in Bergkarabach.

Fußball-EM 2020 - Tschechien - Dänemark 

Viertelfinale

Videolänge
6 min

In Baku war ihnen der Jubel sicher. Zwischen den beiden auf der Ehrentribüne: UEFA-Präsident Aleksander Ceferin.

Berichte über Enthauptungen und Folter

In einer Mail verweist die UEFA auf das Gebot der "politischen Neutralität". Dabei ignoriert sie gesicherte Informationen über Gräueltaten des aserbaidschanischen Militärs. Amnesty International fasst diese so zusammen:

Aserbaidschanische Streitkräfte verübten in Bergkarabach Kriegsverbrechen. Mehrere Videos, deren Echtheit überprüft wurde, zeigten die Misshandlung von Kriegsgefangenen und anderen Gefangenen, Enthauptungen und die Schändung von Leichnamen feindlicher Soldaten.
Menschenrechtsorganisation Amnesty International

Über die aktuelle Menschenrechtslage in Aserbaidschan heißt es in dem Bericht: Dutzende Oppositionelle seien "willkürlich festgenommen und inhaftiert" worden, die Rechte auf Versammlungs- und Meinungsfreiheit weiter eingeschränkt. Zudem gebe es zahlreiche Informationen über "Folter und andere Misshandlungen" von Oppositionellen in Haft.

Die Allianz Arena leuchtet in den Regenbogenfarben am 30.01.2021 in München
Kommentar

Lehren aus der Regenbogen-Krise - Danke, UEFA! 

Man muss der UEFA dankbar sein. Mit ihrem Nein zur Regenbogen-Beleuchtung der Münchner EM-Arena hat sie gemacht, was sie nie tun wollte: große Politik.

von Stefan Leifert

UEFA als "Spielball" eines autoritären Herrschers

Die UEFA ignoriert auch das mit Verweis darauf, "keine politische Organisation" zu sein - und proklamiert stattdessen, den Fußballfans in Baku "einzigartige Momente des Top-Fußballs" zu ermöglichen, "die nur UEFA-Wettbewerbe bieten können".

So positioniert, mache sich der Verband zum Spielball eines autoritären Herrschers, sagt Frank Schwabe, Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion für Menschenrechte und humanitäre Hilfe:

Unabhängig vom Krieg hätte Baku nie Austragungsort werden dürfen. Es scheint einfach so, dass die UEFA keinen moralischen Kompass hat. Die Entscheidungsstrukturen sind undurchsichtig und korruptionsanfällig.
Frank Schwabe, Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion für Menschenrechte

Aserbaidschan hat Schwabes Einschätzung nach ein großes Interesse, "durch internationale Sportgroßveranstaltungen von der verheerenden Lage von Demokratie und Menschenrechten abzulenken". Die Konsequenz: massiver Geldeinsatz und versuchte Einflussnahme auf Entscheidungsträger.

Aserbaidschans Millionen für die UEFA

Fakt ist, dass der staatliche aserbaidschanische Ölunternehmen Socar die UEFA in den vergangenen vier Jahren mit Millionensummen gesponsert hat. Diverse Medien sprechen von 80 bis 90 Millionen Euro. Die UEFA kommentiert diese Angaben nicht.

Frank Schwabe sagt: "Socar dient dem aserbaidschanischen Präsidenten als Staatsunternehmen, das für ihn Politik betreibt." Das Unternehmen setze Alijews Agenda quasi "eins zu eins" um. "Ein Sponsoring durch Socar ist ein direktes Sponsoring durch den Staat Aserbaidschan", so Schwabe.

Die Macht des Geldes

Für Jürgen Mittag, Professor für Sport und Politik an der Deutschen Sporthochschule Köln, liegt die Vermutung nahe, dass die "finanziell unter Druck geratene UEFA" es sich offenbar nicht leisten könne, "wichtige Partner wie Aserbaidschan vor den Kopf zu stoßen". Mittags Kollege Harald Lange von der Universität Würzburg sagt indes:

Wenn die UEFA vorgibt, Fußballspiele für die Fans zu betreiben, dann muss sie für alle Fans da sein und darf bei Verstößen gegen fundamentale Grundrechte wie in Aserbaidschan nicht wegsehen.
Sportwissenschaftler Harald Lange, Universität Würzburg

Durch die EM-Spielvergabe nach Baku entstehe der Eindruck: "Solange die UEFA kräftig Geld verdienen kann, sind Menschenrechte zweit- oder drittrangig und können somit vernachlässigt werden." Dies sei "an Obszönität kaum zu übertreffen", so Lange.

An der UEFA perlt derlei Kritik ab. Der Verband verweist vielmehr darauf, das Socar sein Engagement als Sponsor kurz vor EM-Beginn beendet habe.

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