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Aktuelle Gefahr eines Atomkriegs - "Risiko höher als im Kalten Krieg"

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Die NGO ICAN kämpft gegen die Verbreitung von Atomwaffen und bekam 2017 den Friedensnobelpreis dafür. Direktorin Beatrice Fihn warnt: Heute haben mehr Länder Atomwaffen denn je.

Vor 75 Jahren warf ein amerikanischer Bomber die erste Atombombe über Hiroshima ab – schätzungsweise 140.000 Menschen kamen bis heute ums Leben.

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ZDFheute: Wie wahrscheinlich ist es, dass heute Atomwaffen eingesetzt werden?

Beatrice Fihn: Alle Experten sind sich einig, dass ein solches Risiko inzwischen höher ist als in Zeiten des Kalten Krieges.

ZDFheute: Warum?

Fihn: Es gibt heute mehr Staaten, die Atomwaffen besitzen. Die Welt ist unsicherer geworden. Atomwaffen wurden technisch weiterentwickelt. Es wächst das atomare Risiko, weil Politiker oder Militärs Situationen falsch einschätzen, Kommunikation missdeuten oder Fake News aufsitzen.

ZDFheute: Von welchen Staaten geht derzeit die größte atomare Gefahr aus?

Fihn: Jeder Staat, der Massenvernichtungswaffen besitzt, ist in der Lage, sie einzusetzen. All diese Staaten haben in den vergangenen zehn Jahren mehrere Milliarden US-Dollar in die atomare Aufrüstung gesteckt. Doch das Problem sind nicht die Staaten.

Das Problem ist die pure Existenz der Atomwaffen und die Gefahr, dass sicherheitspolitische Situationen falsch eingeschätzt werden.

ZDFheute: Gibt es dafür Beispiele?

Fihn: Schon US-Verteidigungsminister William Perry berichtete, dass er in den 1990er Jahren oftmals nachts davon unterrichtet worden sei, sowjetische Marschflugkörper seien in den US-Luftraum eingedrungen. Was so nicht stimmte.

Oder Stanislaw Petrow. Er stufte 1983 einen von der sowjetischen Satellitenüberwachung gemeldeten nuklearen Angriff der USA auf die Sowjetunion als Fehlalarm ein – und verhinderte so wahrscheinlich einen Weltkrieg.

Lesen Sie hier: Der Tag, als die Atombombe auf Hiroshima fiel.

Tsutomu Yamaguchi überlebte beide Atombombenagriffe. Er war ganz in der Nähe, als die Atombombe in Hiroshima explodierte.

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ZDFheute: Welche Konflikte treiben die atomare Rüstung voran – religiöse, ökonomische oder solche, in denen es um Ressourcen wie Wasser oder Rohstoffe geht?

Fihn: Es geht nicht um die Art des Konfliktes, sondern um die Geisteshaltung, man könne mit Massenvernichtungswaffen überhaupt Konflikte lösen.

Es ist verrückt und schrecklich anzunehmen, dass wir Sicherheit schaffen könnten mit Waffen, die uns am Ende alle töten werden.

ZDFheute: Wie bekommen wir diese Waffen aus der Welt?

Fihn: 2017 haben die Vereinten Nationen den Atomwaffenverbotsvertrag ausgehandelt. Er steht kurz davor, internationales Recht zu werden. Die Mehrheit der Staaten hat keine Atomwaffen und will auch keine besitzen. Es ist wichtig, dass alle Staaten diesen Vertrag ratifizieren.

Deutschland beispielsweise, besitzt keine Atomwaffen, verfügt aber über Teilhabe an den Nuklearwaffen des nordatlantischen Militärbündnisses Nato. Deswegen ist es wichtig, dass Staaten wie Deutschland den Vertrag ratifizieren.

Die Atommächte und ihre Atomwaffen: Eine Geschichte von Demonstrationen und Unfällen.

Atomwaffen-Verträge - Verträge zum Schutz vorm atomaren Overkill 

Es gab und gibt mehrere Abkommen, um die Zahl von Atomwaffen zu begrenzen und zu verringern. Eine Übersicht.

von Katharina Sperber

ZDFheute: Russland und die USA haben vor wenigen Wochen Gespräche über die Verlängerung des letzten bilateralen Abrüstungsvertrags in Wien begonnen. Wie schätzen Sie den Erfolg dieser Gespräche ein und sollte künftig China in solche Gespräche einbezogen werden?

Fihn: Es ist gut, dass diese Gespräche vorankommen. Die USA und Russland besitzen über 90 Prozent der 13.000 Atomwaffen weltweit. China hat nur 320 Atomsprengköpfe. Sicher sollte China irgendwann in die Gespräche einbezogen werden. Wir brauchen allerdings eine Übereinkunft der ganzen Welt. Je länger wir warten, umso schneller müssen wir uns bewegen. Uns läuft die Zeit davon.

ZDFheute: Wie kämpft ICAN gegen die atomare Aufrüstung?

Fihn: Wir setzen auf die öffentliche Meinung. Die Mehrheit der Menschen lehnt Massenvernichtungswaffen ab. Aber nicht alle Regierungen folgen ihnen. Wir haben Bildungsangebote, in denen die Menschen lernen können, ihre Interessen durchzusetzen. Abrüstung ist nicht nur Sache von Staatsoberhäuptern. Es liegt an uns allen.

Das Interview führte Katharina Sperber.

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