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Polnische Auschwitz-Überlebende - "Mutti, warum nennen sie uns Schweine?"

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Barbara und Urszula waren als Kinder in Auschwitz interniert. Im Interview schildern sie das Grauen des Lager-Alltags - und was sie sich heute von den Deutschen wünschen.

Sie waren acht und zehn Jahre alt: Eigentlich sollte man in diesem Alter noch ein wenig seine Kindheit genießen. Aber Urszula und Barbara hatten keine Chance darauf, sie hatten nicht mal einen Namen - sie waren die Nummern 84457 und 86341. Knapp sechs Monate mussten Barbara und Urszula in Auschwitz bleiben, bis sie im Januar 1945 zum Arbeitsdienst abgezogen wurden. Im Konzentrationslager erlebten sie die tägliche Gewalt der Nazis mit Peitschen und scharfen Wachhunden. Mit diesen Erinnerungen im Kopf beobachten sie die Auschwitz-Gedenkfeier in diesem Jahr. Für die beiden Polinnen ist der Ort wie ein Friedhof, den man besucht, um allen Verstorbenen Ehrerbietung zu zeigen.

Urszula Koperska damals
Urszula Koperska als Kind.
Quelle: ZDF

heute.de: Sie waren damals acht und zehn Jahre alt, als Sie deportiert wurden. Wie erinnern Sie sich an den Moment, als Sie im August 1944 in Auschwitz ankamen?

Barbara Doniecka: Wir sind in der Nacht in Auschwitz angekommen. Ich sah die brennenden Schlote und hatte große Angst. Der Weg wurde beleuchtet und die Deutschen standen da mit Hunden- ich habe gedacht, die Hunde werden uns fressen. Die Deutschen riefen 'Schneller, schneller, polnische Schweine' und ich fragte meine Mutter: 'Mutti, warum nennen sie uns Schweine?' Sie sagt: 'Sei leise, sprich nicht und frag nichts'.  

Barbara Doniecka damals
Barbara Doniecka als Kind.
Quelle: ZDF

Urszula Koperska: Der Tag, an dem ich in Auschwitz ankam, war einer meiner schwierigsten Tage. Als wir noch unterwegs in einem Viehwagen waren, sagte jemand: Das ist Auschwitz. Und das Wort war bei uns in Warschau bekannt gewesen - wir wussten, wer dorthin fährt, kommt nie zurück. Es herrschte Panik. Als es dunkler geworden war, haben sie die Viehwaggons aufgemacht und uns zum Aussteigen gezwungen. Ein intensiver süß-übler Gestank - anders kann man es nicht nennen. Dann gab es eine Selektion: die Männer auf eine Seite, die Frauen auf die andere. Die Männer wurden als erste in die Richtung der Krematorien gejagt. Unter diesen Männern war auch mein Vater und das war leider das letzte Mal, dass ich ihn sah.

Urszula Koperska heute
Urszula Koperska wurde 1936 geboren. Von August 1944 bis Januar 1945 war sie im KZ Auschwitz interniert, zusammen mit ihren Eltern und ihrem 12-jährigen Bruder. In Auschwitz wurde sie mit der Nummer 84457 gekennzeichnet. Im Januar 1945 wurde sie als Arbeitskraft abgezogen. Heute lebt sie in Warschau.
Quelle: ZDF

heute.de: Wir sprechen über Angst, Schmerzen und Tod. Gibt es bestimmte Erfahrungen oder Ereignisse, die in Ihnen bis heute besonders nachwirken?

Doniecka: Einmal hat eine Freundin aus der Baracke versehentlich einen Backstein an einer Wand berührt, der Stein fiel raus und dadurch hörten wir von draußen das Weinen und Heulen: 'Mame!, Tate!' (Mama, Papa). Die jüdischen Frauen wurden mit den Kindern in die Gaskammern gebracht. Das war schrecklich. Sie weinten und wir haben auch in unserer Baracke auf unseren Pritschen geweint. Ein anderes ganz furchtbares Erlebnis waren für mich die Wanzen überall. Die Wanzen fielen einem auf der Pritsche ins Gesicht, etwas ganz Ekelhaftes. Und der Geruch… Ich esse seitdem keine schwarzen Johannisbeeren mehr - wenn ich sie durchbeiße, riechen sie für mich ähnlich wie die Wanzen. So stark ist es in mir geblieben.

Hier ein Kopf, hier ein Arm … als ob man Äste draufgeschmissen hätte.

Koperska: An einem Tag ging ich an die Lagerstraße, da fuhr ein LKW. Auf diesem LKW gab es Leichen. Das hat mich so beeindruckt, dass ich das Bild noch heute vor Augen habe. Hier ein Kopf, hier ein Arm … als ob man Äste draufgeschmissen hätte. Diese Leichen waren so abgemagert… Das war ein schreckliches Erlebnis. Es gab viele Transporte von Juden aus Ungarn. Jeden Tag haben sie viele Leichen verbrannt. Direkt von der Rampe gingen sie ins Gas. Unfassbar, wie viele Menschen dort ums Leben kamen. Wir hörten ständig: 'Es gibt hier keinen Ausgang, es gibt nur einen einzigen Weg, der rausführt: durch den Kamin.'

heute.de: Jeder in Auschwitz hatte seine Nummer. Was bedeutete sie für Sie?

Koperska: Die Nummer 84457 war mein Name und Vorname. Obwohl es schon so lange her ist und ich erst acht Jahre alt war, als ich in Auschwitz ankam, und neun, als ich das Lager verlassen habe: Falls jemand mich in der Nacht aufwecken würde, könnte ich die Auschwitz-Nummer sofort nennen.

heute.de: Viele Auschwitz Häftlinge haben im Konzentrationslager den Glauben an Gott verloren. Die anderen sagen, sie haben nur dank des Glaubens überlebt. Und Sie - haben Sie sich als Kinder in Auschwitz die Fragen nach Gott gestellt?

Barbara Doniecka heute
Barbara Doniecka wurde 1934 geboren. Von August 1944 bis Januar 1945 war sie mit ihrer Mutter im KZ Auschwitz interniert. Sie war mit der Nummer 86341 gekennzeichnet. Heute lebt Barbara Doniecka in Warschau.
Quelle: ZDF

Doniecka: Bei einem langen Appell ist ein Deutscher zu mir gekommen. Er hatte eine Peitsche am Stiefelschaft und er guckte mir direkt in die Augen. Wie lange konnte ich das durchhalten? Ich habe den Kopf gesenkt, und er ist mit dieser Peitsche über mein Gesicht gefahren. Das hat wehgetan. Zum Glück war das Gesicht nicht durchschnitten. Ich guckte damals Richtung Himmel und sagte zu Gott: 'Lieber Gott, wie konntest du das zulassen, ich stehe hier so brav und er hat mich so geschlagen.'

heute.de: Warten Sie auf bestimmte Worte in Auschwitz bei der Gedenkveranstaltung zu 75 Jahre Befreiung des Lagers?

Koperska: Es gibt natürlich kein gutes Wort, das als Entschuldigung dienen könnte. Wie könnte ich die Deutschen lieben, wenn sie doch meinen Vater ermordeten. Aber das waren nicht die Deutschen, die heutzutage leben.

heute.de: Gibt es etwas, was Sie von den Deutschen erwarten?

Koperska: Ich wünschte mir, dass man nie mehr den Begriff 'polnische Lager' benutzt. Das ist nicht unsere Schuld, dass Polen von den Deutschen besetzt wurde und dass die Deutschen auf unserem Boden diese Lager gebaut haben.

Die Interviews führten Natalie Steger und Milena Drzewiecka.

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