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"maybrit illner" zu Afghanistan - Kabul: Baerbock für Krisenstab im Kanzleramt

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Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock hat der Bundesregierung bei "maybrit illner" vorgeworfen, die dramatische Lage in Kabul durch Wahlkampfkalkül befördert zu haben.

"maybrit illner spezial“ mit dem Thema "Triumph der Taliban - woran ist der Westen gescheitert?"

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Es sei ein Desaster, "in das wir als Bundesrepublik Deutschland hineingeraten sind, weil ein Auswärtiges Amt, ein Verteidigungsministerium, aber auch eine Kanzlerin und ein Vizekanzler in den letzten Wochen entschieden haben, uns ist es wichtiger, dieses Thema Afghanistan aus dem Wahlkampf herauszuhalten, als Menschenleben zu retten", sagte Grünen-kanzlerkandidatin Annalena Baerbock am Donnerstagabend in der ZDF-Sendung "maybrit illner". 

Baerbock: Flugfrequenz nach Afghanistan erhöhen

Deutschland stehe jetzt "in Gänze" in der Verantwortung. Oberstes Gebot sei es, "dass der Bundesaußenminister, die Verteidigungsministerin, der Innenminister, aber auch die Bundeskanzlerin jetzt alles dafür tun, Menschen rauszuholen." Das heiße auch, die Flugfrequenz zu erhöhen und mit den Amerikanern zu vereinbaren, "dass die Menschen am Flughafen auch durchkommen".

Derzeit würden viele, die es zum Flughafen schafften, nicht durchgelassen, weil entsprechende Listen fehlten. Im Kanzleramt müsse ein Krisenstab gebildet werden, der die Zusammenarbeit der an den Rettungsaktionen beteiligten Bundesministerien koordiniert. "Absolut notwendig" sei es, dem Beispiel anderer Staaten zu folgen und einen stellvertretenden Botschafter nach Kabul zu schicken. "Ich erwarte auch von einer Verteidigungsministerin, dass sie nach Usbekistan fährt", sagte Baerbock.

Wüstner: Zweifel an Evakuierung

Zweifel, dass es noch gelingen könnte, rund 10.000 schutzbedürftige Menschen aus Afghanistan herauszubringen, hat der Vorsitzende des Deutschen Bundeswehrverbandes, André Wüstner. Wie das in dem vermutlich nur noch kleinen verbleibenden Zeitfenster bis Ende August möglich sein sollte, sei für ihn "nicht absehbar". Darüber müsse man sprechen. Pläne für die Evakuierung habe es seit April gegeben.

Es sei jedoch "nicht eine Frage der Streitkräfte zu entscheiden, wann man evakuiert". Das sei eine politische Frage, "und da war man zu spät". Zu Rücktrittsforderungen wollte sich Wüstner nicht äußern, sagte aber: "Der Punkt ist der, dass federführend für den Bereich der Einsätze natürlich der Außenminister zuständig ist. Das ist so."

Abstimmungsprobleme mit Amerikanern

Der CDU-Verteidigungsexperte Johann Wadephul kündigte den Einsatz weiterer zwei Hubschrauber im Raum Kabul an. Diese sollten "weitere Personentransporte" ermöglichen. Bislang seien 1.300 Menschen ausgeflogen worden, die Arbeit der Transportflieger sei "wirklich hervorragend". Angesprochen auf Abstimmungsprobleme mit den Amerikanern sagte der Unionsfraktionsvize, er finde die politische Abstimmung "mangelhaft". Darüber müsse man auch kritisch sprechen. 

Die militärische Zusammenarbeit mit den Amerikanern vor Ort sei jedoch hervorragend. "Die Amerikaner haben dasselbe Problem wie wir", sagte Wadephul. Auch die US-Dienste hätten "bis in die letzten Tage der letzten Woche" gesagt, Kabul werde nicht fallen. "Das war falsch."

Globale Sicherheitspolitik in Gefahr?

"Man hätte wissen müssen, in welchem Zustand Afghanistan ist", erklärte Souad Mekhennet, Sicherheitskorrespondentin der "Washington Post". Mit dem Ausfliegen der Ortskräfte hätte man beginnen müssen, als der frühere US-Präsident Donald Trump seine Entscheidung zum Rückzug getroffen habe. Laut Mekhennet habe man sich erpressbar gemacht und den Taliban ein "großes Pfund überlassen - nämlich Menschenleben". Die Sicherheitskorrespondentin machte deutlich, dass Ortskräfte in anderen Ländern nach Anblick der Bilder aus Afghanistan sich fragen werden, ob sie ihr Leben für Deutschland oder die USA aufs Spiel setzen wollen.

"Wie kann es sein, dass 20 Jahre lang in dieses Land investiert wurde, in Polizei- und Militärausbildung und es den Taliban gelungen ist, so schnell Städte einzunehmen", konstatierte sie. Darüber hinaus ist sie sich sicher, dass die Auswirkungen, die die Bilder insgesamt auf die globale Sicherheitspolitik haben, katastrophal sein werden.

Desaster für Nato-Zusammenarbeit

ZDF-Korrespondentin Katrin Eigendorf berichtete, dass es allen, mit denen sie in Afghanistan zusammengearbeitet habe, sehr schlecht gehe. Viele seien noch im Land und kämen nicht raus: "Auch unser Mitarbeiter, der seit Jahren für das ZDF tätig ist, schafft es nicht, mit seinen drei Kindern zum Flieger zu gelangen." Eigendorf betonte, dass der Einsatz ein "Desaster" für die Zusammenarbeit innerhalb der Nato sei.

Eigendorf gab zu bedenken, dass es eine neue Generation Taliban sei: "Sie nutzen Social Media, sie sprechen mit Journalisten." Aber die Ideologie sei gleich geblieben: "Afghanistan wird künftig ein Scharia-Staat sein - mit allen Konsequenzen für Frauen und Menschenrechte."

Über aktuelle Entwicklungen in Afghanistan informieren wir in unserem Liveblog:

Taliban-Kämpfer patrouillieren am 18.08.2021 im Stadtteil Wazir Akbar Khan in der Stadt Kabul, Afghanistan.
Liveblog

Das Wichtigste im Liveblog - Die aktuelle Entwicklung in Afghanistan 

Die Taliban haben die Macht in Afghanistan übernommen, westliche Staaten versuchen, Staatsbürger und ehemalige Ortskräfte aus Kabul auszufliegen. Die Entwicklungen hier im Blog.

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