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Interview

Eltern von Protasewitsch - "Er kann einfach getötet werden"

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Die Eltern des festgenommenen belarussischen Bloggers Roman Protasewitsch fürchten um sein Leben. "Ich traue diesem Regime alles zu", sagt seine Mutter im ZDF-Interview.

"Ich traue diesem Regime alles zu. Er kann einfach getötet werden." Mit diesen Worten bitten Protasewitschs Eltern um Hilfe.

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ZDF: Nachdem Ihr Sohn nach einer erzwungenen Notlandung in Minsk festgenommen wurde, tauchte am Montag ein Video auf. Darin sagt er, er werde mit den Ermittlern zusammenarbeiten und wolle weitere Geständnisse ablegen. Wie haben Sie darauf reagiert?

Natalja Protasewitsch: Ich kenne meinen Sohn sehr gut, und ich weiß, wie er aussieht. Ich sehe, dass sein Gesicht geschwollen ist, dass sein Gesicht mit Make-up gepudert ist. Striemen scheinen auf der ganzen linken Seite durch, es treten blaue Flecken auf. Schauen Sie doch, wie nervös er seine Hände hält, Schmerzen hat oder etwas anderes. Die Hände so fest zusammenzudrücken, das ist nicht typisch für unser Kind. Wir wissen das.

Dmitrij Protasewitsch: So spricht er nicht, solche Worte verwendet er nicht. Es ist klar, dass er den Text abliest und dass er gezwungen wurde. Und am Körper sind offenkundig Spuren von Schlägen, eine gebrochene Nase, ausgeschlagene Zähne, eine verletzte linke Wange.

ZDF: Welche konkreten Sorgen und Ängste haben Sie um Ihren Sohn?

Natalja Protasewitsch: Ich bin mir fast sicher, dass sie ihm jetzt etwas antun werden, wie sie es jetzt in unseren Kerkern tun, und sie werden sagen, es sei ein Herzinfarkt oder Selbstmord oder so etwas gewesen.

Ich traue diesem Regime alles zu. Er kann einfach getötet werden.
Natalja Protasewitsch

Ich wende mich nicht an Lukaschenko, aber ich rufe die Leute auf, die diese Befehle ausführen, die sich unmittelbar in diesem Untersuchungsgefängnis befinden. Ihr seid doch auch Menschen. Sie haben doch auch Kinder.

Dies ist ein junger Mann, der 26 Jahre alt ist. Zum Zeitpunkt der Berichterstattung über diese Ereignisse in Belarus war er 25 Jahre alt. Man hat ihn hingestellt und zum Verbrecher gemacht. Das ist völlig absurd, sie wollen nur die Wahrheit zum Schweigen bringen. Sie wollen, dass die Leute nicht wissen, damit die Welt nicht weiß, was bei uns los ist.

ZDF: Was versuchen Sie nun, um Ihrem Sohn zu helfen? Welche Unterstützung erhoffen Sie sich?

Dmitrij Protasewitsch: Die beste Hilfe wird sein, dass so viele Menschen wie möglich erfahren, was tatsächlich passiert, warum solch widersinnige Sachen mit Bürgern des eigenen Landes passieren, warum sich die Offiziellen so gegenüber einem Bürger ihres Landes verhalten.

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ZDF: Haben Sie sich vorstellen können, dass Ihr Sohn einer so großen Gefahr ausgesetzt ist?

Dmitrij Protasewitsch: Überhaupt nicht. Das hat er sich wahrscheinlich selbst nicht vorstellen können. Als wir Belarus verlassen und die Grenze zur Europäischen Union überschritten haben, haben wir aus irgendeinem Grund – ich weiß nicht weshalb – ein Gefühl von Sicherheit empfunden. Als wir schon hier waren, hatten wir den Eindruck, dass in Polen, in der EU in ihrer Gesamtheit sehr viel Anstrengungen und Mittel und vor allem personelle Ressourcen aufgewandt werden zur Gewährleistung der Sicherheit, der Meinungsfreiheit, der Sicherheit der Menschen.

Wie banal das auch klingt, die Operation war erfolgreich, wenn man vom Ergebnis ausgeht. Das Ergebnis besteht darin, dass sie unseren Sohn als Geisel genommen haben. Weiter haben sie wahrscheinlich nicht gedacht oder daran, welche Konsequenzen das haben wird.

ZDF: Wie bewerten Sie die Strategie der EU in Bezug auf Belarus?

Dmitrij Protasewitsch: Ich war früher irgendwie sehr skeptisch, man hat uns immer gewarnt: ‚Der Westen kommt und nimmt euch alles weg, dort ist alles schlecht und verfault.‘ Damit hat man uns ständig per Radio und Fernsehen erschreckt.

Jetzt begreife ich, dass die Europäische Union Ausdruck des Strebens der Menschen nach Gemeinsamkeit ist. Frei zu sein in ihren Bewegungen und in ihrem Umgang, in ihrer Handlungsweise. Was die Europäische Union jetzt unternimmt im Hinblick auf Belarus, wir können uns nicht wirklich ein Urteil dazu erlauben, aber was die Europäische Union jetzt unternimmt in Hinblick auf Belarus, rechnen wir ihr hoch an.

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Ich möchte allen Bürgern der EU und den Regierungen der einzelnen Länder gegenüber und besonders der polnischen Regierung unsere große Dankbarkeit zum Ausdruck bringen, dass man uns Belarussen in dieser schweren Zeit Zuflucht gewährt hat. Man hat uns sehr geholfen, in einem Ausmaß, das wir nicht erwartet hatten.

ZDF: Wollen Sie trotz dieser Geschehnisse wieder nach Belarus zurückkehren?

Dmitrij Protasewitsch: Wir vermissen unsere Verwandten und Liebsten. Wir haben Sehnsucht nach unserem Land. Mögen sich auch dort unmögliche bzw. unvorstellbare Dinge ereignen, doch wir sind dort geboren. Wir sind dort aufgewachsen. Das ist unsere Heimat, wir lieben sie.

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